„Red“: Avery Ludlow will Gerechtigkeit

„Blutrot“ von Jack Ketchum war für mich eines der besten Bücher des letzten Jahres. Entsprechend gespannt war ich auf die Verfilmung, die jetzt unter dem Originaltitel „Red“ als DVD erschienen ist.

Red heißt der Hund des Vietnam-Veterans, Witwers und Gemischtwarenladenbesitzers Avery Ludlow. Heute hat er den Laden seinem Personal überlassen und sitzt friedlich angelnd mit Red an einem einsam gelegenen Flussufer. Als drei Jungen kommen, ihn ärgern und ausrauben wollen, bleibt er ruhig. Weil er kein Geld dabei hat, erschießt Danny McCormack Ludlows betagten Hund.

Das war ein Fehler. Denn Ludlow möchte Gerechtigkeit für seinen Hund. Er möchte, dass die Jugendlichen ihr Unrecht einsehen und bereuen. Er findet heraus, dass zwei der drei Jungs Söhne des neureichen Unternehmers Michael McCormack sind. Ludlow geht zu ihm. Nach einem Gespräch glaubt McCormack seinem Sohn.

Ludlow bleibt hartnäckig und der Konflikt zwischen ihnen eskaliert.

Das sind die ersten Minuten des beeindruckenden Dramas „Red“. Lucky McKee und Trygve Allister Diesen erzählen, basierend auf Ketchums Roman und Stephen Suscos der Vorlage sehr verpflichtetem Drehbuch, schnörkellos eine klassische Geschichte, die einfach als der Kampf eines Mannes um Gerechtigkeit für seinen ermordeten besten Freund gesehen werden kann. Aber es geht, wie immer in einer guten Geschichte, um viel mehr.

Es geht um den Kampf zwischen zwei Wertesystemen. Ludlows altmodischer Ethos, dass man zu seinen Taten stehen soll, prallt gegen McCormacks ebenso verständlichen Wunsch, seine Kinder zu beschützen.

Es geht um unsere Beziehung zu Tieren. Für McCormack ist es nur ein Hund. Für das Gesetz ein Bagatellvergehen. Für Ludlow wurde sein bester Freund kaltblütig und vollkommen sinnlos ermordet.

Es geht um die Frage, wie weit wir für unsere Überzeugungen gehen. Gerade weil beide Seiten hartnäckig für ihre Position kämpfen, eskaliert der Konflikt immer weiter.

Es geht um unseren Umgang mit Gewalt und den Folgen von Gewalt.

Es geht auch um den Kampf zwischen einem lokal verwurzelten Kleinunternehmer und einem zugezogenem, skrupellosem Aufkäufer. Diese Konfrontation wird in der erweiterten Szene des ersten Gesprächs zwischen Ludlow und McCormack im Bonusmaterial und in Ketchums Roman deutlicher. Denn McCormack empfängt den unangemeldet bei ihm auftauchenden Ludlow nur, weil er gerne dessen Geschäft kaufen würde.

Und natürlich ist „Red“ ein in der Gegenwart spielender Western.

Gleichzeitig ist „Red“ ein Schauspielerfilm. Die Regisseure Lucky McKee und Trygve Allister Diesen (es kam während des Drehs aufgrund interner Probleme zu dem im Film nicht auffallenden Wechsel) wissen das. Die Schauspieler dürfen spielen und, weil die Geschichte so gut ist, muss nicht mit irgendwelchen Mätzchen von einer mangelnden Substanz abgelenkt werden.

Zu den besten Szenen gehören Ludlows Monolog wie er seine beiden Söhne und seine Frau verlor und Red versuchte die Katastrophe zu verhindern. Über mehrere Minuten bleibt die Kamera, fast ohne einen Schnitt, bei Brian Cox, der diese traurige Geschichte regungslos erzählt. Jeder der wenigen Schnitte weg von ihm stört. Diese Kraft des Minimalismus haben, wie im Bonusmaterial eine anders geschnittene Version dieser Szene zeigt, auch die Filmemacher erkannt. Die im Film enthaltene Version lässt zwar einen Subplot fallen, gewinnt aber dank der Reduktion an erzählerischer Kraft.

Auch die erste Konfrontation zwischen Ludlow und McCormack wird durch die Präsenz der beiden Schauspieler-Schwergewichte Brian Cox und Tom Sizemore getragen.

Ebenso eindrucksvoll in ihrer Einfachheit ist die Szene, in der Ludlow den Namen des jugendlichen Schützen herausfindet. In einem Waffenladen fragt er den Verkäufer. Dieser verweigert die Auskunft. Ludlow sieht einen Hund auf dem Boden liegen. Er sagt, dass der Junge kaltblütig seinen alten Hund erschossen habe. Der Besitzer (Delaney Williams) schickt seinen Verkäufer das Verkaufsbuch holen. Während der Verkäufer weg ist, erzählt er Ludlow, wie der Hund ihm das Leben rettete. Diese Erzählung ist im Roman nicht enthalten, aber Jack Ketchum hätte sie gut schreiben können. Ansonsten übernahm Susco viele Dialoge direkt aus dem Roman.

Diese Szenen fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und machen „Red“ zu einem beeindruckenden, effizient erzählten Thriller über die Suche nach Gerechtigkeit. Das ist gutes altmodisches Hollywood-Erzählkino. Daher ist „Red“ der beste Clint-Eastwood-Film des Jahres ohne Clint Eastwood. Aber Brian Cox, der für seine Rolle auf dem renommierten Sitges-Filmfestival als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, ist auch nicht schlecht.

Das Bonusmaterial der DVD besteht im Wesentlichen aus zwei längeren Szenen, die in einer leicht anderen Schnittfassung im Film enthalten sind, und einigen kürzeren Szenen. Insgesamt handelt es sich daher nur um wenige Minuten, die es nicht in den endgültigen Schnitt geschafft haben. Diese Szenen wurden aus unverständlichen Gründen in Geschnittene Szenen und Outtakes aufgeteilt. Außerdem gibt es den Trailer zum Film.

red

Red (Red, USA 2008)

Regie: Lucky McKee, Trygve Allister Diesen

Drehbuch: Stephen Susco

Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Kim Dickens, Robert Englund, Amanda Plummer, Delaney Williams

DVD

Koch-Media

Sprachen: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bild: 1,85:1 (16:9)

Extras: Originaltrailer, Outtakes (ca. 12. Minuten), Deleted Scenes (ca. 18. Minuten), Wendecover

FSK: ab 16 Jahren

Vorlage

Jack Ketchum: Blutrot

Heyne, 2008

Originaltitel

Red

Leisure Book, 1995

Hinweise

Coming Soon: Interview mit Brian Cox zu „Red“ (11. August 2008)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

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3 Responses to „Red“: Avery Ludlow will Gerechtigkeit

  1. […] Freitag habe ich „Red“, die sehr werkgetreue Verfilmung von Jack Ketchums Roman „Blutrot“, als besten Clint-East…abgefeiert. Wer sich überzeugen möchte, ob ich damit nicht schamlos übertrieben habe, muss ich an […]

  2. […] Einsendeschluss der Verlosung von einer DVD der gelungenen Jack-Ketchum-Verfilmung  “Red” ist vorbei […]

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