Miss Winter und die Suhrkamp-Krimis

Miller Haines - Miss Winters Hang zum Risiko

Es gibt Verlage, die machen irgendwie alles. Dann gibt es andere, die haben ein spezielles Profil: hohe Literatur, Trash, Häkelkrimis, Hardboiled. Manchmal ist der Name Programm: Hard Case Crime, Pulp Master, Schwarze Reihe, Crime Classic – und die Kundschaft reagiert darauf.

Bei der jetzt gestarteten Suhrkamp Krimireihe ist dieses Profil, je nach Perspektive, entweder undogmatisch breit oder schlichtweg beliebig. In den ersten Bänden sind, nach einem Blick auf die Vorschau die verschiedenen Genrevarianten von Noir bis Romantic Thriller mit aktuellen Werken vertreten. Die Geschichten spielen in verschiedenen, bei Krimilesern derzeit beliebten Ländern von Deutschland über Italien, Skandinavien, Amerika bis nach Australien und zu verschiedenen Zeiten von den Dreißigern bis zur Gegenwart. Hier zeigt sich, wenn es denn eine Gemeinsamkeit gibt, der starke und bei anderen Verlagen nicht so deutliche Trend, die Geschichten in der jüngeren Vergangenheit spielen zu lassen.

Auch das Debüt „Miss Winters Hang zum Risiko“ von Kathryn Miller Haines spielt in der Vergangenheit: im Kriegsjahr 1942/1943 in New York. Die arbeitslose Schauspielerin Rosie Winter entdeckt in der Silvesternacht die erhängte Leiche ihres Chefs Jim McCain im Schrank des Büros. Der Privatdetektiv McCain hatte neben der normalen Kundschaft auch die Rosie unbekannte Feuerleiter-Kundschaft. Der ermittelnde Polizist verbucht den Fall sofort unter Selbstmord. Rosie dagegen, will die Ehre ihres Chefs wieder herstellen. Sie wird von der Witwe McCains beauftragt, das Büro auszuräumen. Dabei trifft sie einen der Feuerleiter-Kunden. Der Theaterschriftsteller Raymond Fielding hatte McCain beauftragt, ein aus seinem Safe gestohlenes Manuskript zu finden. Jetzt möchte Fielding, dass Rosie den Fall übernimmt. Sie tut es und kurz darauf stirbt auch Fielding. Rosie vermutet, dass das verschwundene Theaterstück, das bei seiner Veröffentlichung einen Skandal auslösen soll, der Grund für die Morde ist. Das Office of War Information, McCains Sohn und ungefähr jeder Theaterregisseur möchte das Stück haben. Da trifft es sich gut, dass Rosie ein neues Engagement erhält. Zwar nur als Zweitbesetzung, aber immerhin bei einem noch unbekannten Fielding-Stück.

Kathryn Miller Haines’ Erzählerin in „Miss Winters Hang zum Risiko“ ist eine sympathische, arbeitslose Broadway-Schauspielerin. Rosie Winter ist, wie wir es seit Chandlers Tagen bei Privatdetektiven (mit und ohne Lizenz) gewöhnt sind, nicht auf den Mund gefallen und nie um einen schrägen Vergleich verlegen. Auch dass die Geschichte in den frühen Vierzigern spielt, erinnert an Chandler, Hammett und Konsorten. Aber im Krieg waren die jungen Männer im Ausland und, nach den vielen zeitgenössischen Hardboiled-Detektivinnen wurde es auch Zeit, dass endlich einmal eine Frau in der Vergangenheit ermittelt. Mit Rosie Winter hat Kathryn Miller Haines eine wirklich angenehme Erzählerin erfunden. Als junge Frau ist sie noch nicht so abgebrüht wie Marlowe. Sie sieht, immerhin hat sie noch ihr ganzes Leben vor sich, eher die positiven Seiten. Auch wenn sie schon seit Monaten kein Engagement mehr hatte und sie bald aus dem Zwei-Bett-Zimmer in dem drakonisch geführten Künstlerhotel ausziehen muss.

Aber nach einem flotten Beginn (sie entdeckt im ersten Kapitel McCains Leiche) geraten Rosie Winters Ermittlungen in der Mitte zu sehr ins Stocken. Dann nehmen die Konkurrenzkämpfe der Jungschauspielerinnen und die Proben für ein Stück des verstorbenen Fielding zu viel Zeit in Anspruch. Teilweise scheint sie sogar zwischen Proben und abendlichen Barbesuchen in Halbweltclubs vollkommen das Interesse an den Ermittlungen zu verlieren. Nur irgendwelche Zufälle bringen sie dann wieder zum Mörderjagen (und damit zu dem Grund, warum wir das Buch in die Hand genommen haben).

Wenn am Ende der Mörder überführt und das verschwundene Stück gefunden wird, ist die Erklärung, warum so viele Menschen potenziell bereit waren für das Stück und den die Welt erschütternden Inhalt zu morden, unglaubwürdig. Denn das Theaterstück ist kein beliebig austauschbarer MacGuffin. Es ist von seinem Schreiber Fielding als Krönung seines Schaffens und seines ästhetischen Konzepts, nach dem die Macher hinter dem Stück verschwinden sollen, geplant.

Das ist dann doch etwas zu viel für einen netten Softboiled-Krimi, der sich wie eine etwas längliche Mischung aus einem Vierziger-Jahre-B-Krimi und einem süßlichen Hollywood-Melodrama zwischen Künstlergarderobe und Gangsterkneipe liest.

Anmerkung: Viele der Kapitelüberschriften sind Filmtitel.

Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko

(übersetzt von Kirsten Riesselmann)

Suhrkamp, 2009

496 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The War against Miss Winter

HarperCollins Publishers, 2007

Hinweis

Homepage von Kathryn Miller Haines

Vorschau: Die ersten Suhrkamp-Krimis

Christian Doyle/Simon Pasternak: Der deutsche Freund (1979 in Dänemark spielender Polit-Thriller)

Don Winslow: Pacific Private (In Kalifornien spielender PI-Noir)

Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi (In den Dreißigern in Neapel spielender Polizeikrimi; erscheint Juni 2009)
Rosa Ribas: Kalter Main (in Frankfurt spielender Polizeikrimi; erscheint Juli 2009)

Adrian Hyland: Outback Bastard (in Australien spielender PI-Krimi; erscheint August 2009)

Don Winslow: Frankie Machine (in Kalifornien spielender Gangsterkrimi; hochkarätige Verfilmung geplant; erscheint September 2009)

Regula Venske: Der Bajazzo („Best Ager“ wollen den Mörder einer mumifizierten Leiche finden; erscheint Oktober 2009)

Soti Triantafillou: Das Zeichen des Jägers (von einem Griechen geschriebener 1990 in New York spielender Privatdetektivkrimi; erscheint November 2009)

Ingrid Hedström: Die toten Mädchen von Villette (Eine Ermittlungsrichterin jagt 1994 in Belgien einen Serienmörder; erscheint Februar 2010)

Margaret Coel: Ein leichtes Ziel (In Denver wird eine investigative Reporterin von einem Killer gejagt; erscheint März 2010)

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2 Responses to Miss Winter und die Suhrkamp-Krimis

  1. […] urteilt zum Beispiel die Kriminalakte: etwas zu viel für einen netten Softboiled-Krimi, der sich wie eine etwas längliche Mischung aus […]

  2. […] Mehr über das Buch beim Verlag. ++ Besprechungen bei der Krimilady, im Titel-Magazin, bei Booklove und in der Kriminalakte. […]

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