Enttäuschendes Werk von Sebastian Fitzek

Fitzek - Splitter

Milde Spoilerwarnung: Ich verrate zwar nicht das Ende von „Splitter“, aber ganz ohne Spoiler geht es nicht.

Nachdem ich die vorherigen Romane von Sebastian Fitzek verschlungen habe, ist „Splitter“ eine herbe Enttäuschung. Die Geschichte ist während des Lesens und auch im Rückblick einfach zu unglaubwürdig.

Dabei ist der Anfang Fitzek-typisch verheißungsvoll. Marc Lucas geht zu dem abgeschieden lebenden Professor Niclas Haberland (bekannt aus „Der Seelenbrecher“). Er ist schwer verletzt und zweifelt, ob er wirklich lebt. Der Professor sagt ihm, er sei leider zu spät gekommen, aber er werde ihm jetzt erzählen, warum er in diesem bemitleidenswertem Zustand sei.

Fast die gesamte folgende Erzählung ist dann eine Rückblende. Vor elf Tagen wurde Lucas eingeladen an einem Experiment teilzunehmen. Lucas hat vor sechs Wochen bei einem von ihm verschuldeten Autounfall seine schwangere Frau verloren und er möchte dieses Ereignis gerne vergessen. Forschungsleiter Professor Bleibtreu erklärt ihm, er forsche an gezielten Amnesien und Marc Lucas sei ein geeigneter Teilnehmer.

Lucas zögert noch. Er weiß nicht, ob er wirklich Teile seines Gedächtnisses verlieren will.

Als er in seine Wohnung zurückkehren will, ist das Türschild und das Schloss ausgetauscht und seine totgeglaubte Frau öffnet die Tür. Sie erkennt ihn aber nicht. Lucas ist verunsichert. Er will herausfinden, was los ist und geht zurück zur Klinik. Aber statt vor der Klinik, steht er vor einer Baugrube. Er wird verfolgt. Er zweifelt, ob er nicht wahnsinnig wird. Eine offensichtlich paranoide Frau erzählt ihm etwas von einer Verschwörung.

Klingt spannend? Immerhin ist die Geschichte des Mannes, der glaubt seinen Verstand zu verlieren, ein gut etabliertes Subgenre. Mal wird er wirklich wahnsinnig. Mal erkennt er so die Wirklichkeit. Mal ist es ein Komplott. Am effektivsten wird die Geschichte in der ersten Person erzählt. Dann erleben wir alles aus der Perspektive des Erzählers, der an seinem Verstand zweifelt. Es ist nicht möglich zu unterschieden, ob der Erzähler die objektive oder nur eine subjektive Wahrheit erzählt. Denn wenn der Ich-Erzähler glaubt, dass ein sprechender Hase auf seiner Couch sitzt, dann sitzt dort ein sprechender Hase (und innerhalb der Realität einer Geschichte kann dort wirklich ein sprechender Hase sitzen).

Wenn die Geschichte in der dritten Person erzählt wird, wie Fitzek es tut, dann gibt es auch immer die objektive Perspektive, die uns sagt, dass auf der Couch kein Hase sitzt. Außerdem schreibt Fitzek keine Fantasy- oder Horror-Romane (in denen das Übernatürliche einen festen Platz hat), sondern Thriller.

Durch die gewählte Perspektive ist klar, dass irgendjemand möchte, dass Lucas sein Gedächtnis auf die eine oder anderen Art verliert. Allerdings soll er nicht sterben. Und, das ergibt sich aus der Größe der Verschwörung, muss der Hintermann sehr einflussreich sein und Lucas etwas sehr wichtiges Besitzen.

Jedenfalls müsste natürlich versuchen, herauszufinden, wer ihn warum in den Wahnsinn treiben will. Die meiste Zeit wird er, wie ein Flipperkugel, von dem einen Ende der Stadt zum anderen gestoßen. Bei der ganzen Lauferei erfährt er allerdings nichts, was ihn näher an die Lösung des Rätsels bringt.

Allerdings ist auch unklar, welche Ziele der oder die Bösewichte haben. Alles ist zufällig und willkürlich. Seine Frau ist mal in seiner Wohnung. Dann wieder nicht. Der Schwiegervater verschwindet plötzlich spurlos aus der Wohnung. Jemand hilft ihm, der sich eine Szene später als Bösewicht herausstellt. Und umgekehrt. Krankenpfleger jagen durch die Stadt. Eine Verrückte hilft ihm. Oder ist diese Verrückte gar nicht verrückt, sondern, wie sie behauptet, einem großen Komplott auf der Spur? Das wird von Fitzek genauso konfus erzählt, wie es sich jetzt hier liest.

Denn Lucas agiert in dieser Nacht nicht auf ein Ziel hin. Seine Handlungen sind ein meist intuitives agieren auf plötzlich auftauchende neue Situationen. Wie in einer Geisterbahn wird er passiv (Schreien ist natürlich erlaubt.) durch eine Parcours geführt. Dabei kommt er der Antwort auf die Frage, warum eine Organisation den ganzen Aufwand betreibt, um einen unbedeutenden Sozialarbeiter in den Wahnsinn zu treiben, keinen Schritt näher. Obwohl viel passiert, passiert letztendlich doch nichts.

Gestreckt wird die Geschichte von Lucas durch eine zweite Geschichte. In ihr soll sein gerade aus der Psychiatrie entlassener Bruder Benny, im Auftrag eines Gangsters, einen investigativen Journalisten umbringen und danach sofort aus Berlin verschwinden. Einerseits hat dieser Subplot offensichtlich nichts mit der Hauptgeschichte zu tun. Aber andererseits muss Bennys Geschichte, so die Vermutung beim Lesen, irgendwie mit Lucas‘ Geschichte zusammenhängen. Weil diese Vermutung falsch ist, könnte Bennys Geschichte umstandslos gestrichen werden. Dann würde zwar eine, nie überzeugende, falsche Fährte wegfallen, aber die Geschichte von Lucas würde an Kraft gewinnen und uns würde mindestens eine idiotische Situation (Ich sage nur: Leiche im Badezimmer.) erspart.

Am Ende präsentiert Fitzek zwar eine Erklärung für das Spiel mit der geistigen Gesundheit von Lucas. Eigentlich gibt es sogar zwei Erklärungen. Aber die erste ist nicht logisch. Denn der Bösewicht hätte sein Ziel auch viel einfacher erreichen können. Die zweite Erklärung hat zwar einen netten Aha-Effekt, aber sie verstößt gegen die innere Logik der Geschichte.

Gerade weil Sebastian Fitzek schon bessere Schmöker geschrieben hat, ist „Splitter“ so enttäuschend.

Anmerkung: Die hoffnungslos überfüllte Buchvorstellung im Oskar-Helene-Heim war gewohnt gut. Für die VIPs gab’s Häppchen in der Pathologie (Spätes Mittagessen war eine doofe Idee.), eine Führung durch die Klinik (Schwester Mildred Ratched hätte die Einrichtung gefallen.) und sogar noch einen Sitzplatz (Nein, es war kein reservierter Platz.). Fitzek erzählte locker-flockig von Erlebnissen, die er gerne vergessen würde (Falls er sie nicht erfunden hat. Aber dafür wird ein Autor bezahlt.). Simon Jäger, der Sprecher des Hörbuchs, las einige Passagen aus „Splitter“ vor.

Sebastian Fitzek: Splitter

Droemer, 2009

384 Seiten

16,95 Euro

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

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7 Responses to Enttäuschendes Werk von Sebastian Fitzek

  1. lauschi sagt:

    Bin grad am stöbern, wie die ersten Eindrücke zu Splitter so sind. Ich bin bei Seite 100 und weiß noch nicht so recht, wie sich das Buch entwickelt. Allerdings habe ich die Vermutung, dass es wieder eine Auflösung geben wird, die man so ähnlich schon aus „Die Therapie“ oder „Amokspiel“ kennt.

  2. AxelB sagt:

    Weil eine ehrliche Antwort darauf wäre ein Megaspoiler wäre, sag ich nichts.

  3. Andi sagt:

    Hab Fitzek erstes Buch gelesen. Spannend war es nur mäßig, weil die Konstruktion doch sehr durchschimmerte und nicht sehr glaubwürdig war.
    Vor allem war es stilistisch so schlecht, dass es einfach nicht auszuhalten war. (Und ich bin da nicht sooo pingelig.)
    Ich fand den Mann grandios überschätzt.
    Ist es beim 2. und 3. Buch besser geworden?

  4. AxelB sagt:

    Sprachlich wird’s besser.

  5. Dana sagt:

    Nachdem ich bisher jedes von Sebastian Fitzek geschriebenen Bücher gelesen habe und immer so gefesselt davon war, dass ich sie immer über Nacht komplett fertig durchlas, dachte ich es sei eine gute Idee „Splitter“, ohne es selbst vorher gelesen zu haben, der lesebegeisterten Mutter meines Freundes zu schenken.

    Dies war allerdings ein totaler Reinfall….Sie konnte meine Begeisterung über Fitzeks Bücher absolut nicht nachvollziehen, was ich jetzt im Nachhinein, wo ich das Buch selbst gelesen habe nur allzu gut nachempfinden kann.

    „Splitter“ beginnt wie alle Bücher Fitzeks äußerst vielversprechend und mysteriös, allerdings ist es zwischenzeitlich zu übertrieben unwirklich, sodass das Ende dann zu einer richtigen Enttäuschung wird.

    Wozu eigentlich der Zusatz „viele Jahre später“?

    Was trägt dieses zusätzliche Kapitel zur Handlung bei?

    Insgesamt eine sehr verworrene Geschichte, welche in sich keinen Sinn ergibt….Schade
    Naja, sehen wir gespannt auf „Der Augensammler“ !

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