Meine Daten gehören Deaver

Deaver - Der TäuscherDeaver - Lautloses Duell

Beweise lügen nicht“, sagt Gil Grissom in „C. S. I.“ immer wieder seinen Mitarbeitern. Der von Jeffery Deaver erfundene, nach einem Unfall ans Bett gefesselte geniale Ermittler Lincoln Rhyme würde ihm sofort zustimmen. Aber in „Der Täuscher“ ist sein Cousin Arthur Rhyme, den er seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, angeklagt einen Mord begangen zu haben. Rhyme sieht sich die erdrückenden Beweise an. Nach seiner Meinung sind sie zu gut, um wahr zu sein. Er glaubt, dass sie gefälscht wurden und zusammen mit Amelia Sachs beginnt er nach ähnlichen Fällen zu suchen. Sie werden fündig. Ihre Ermittlungen führen sie letztendlich zu Strategic Systems Datacorp. SSD sammelt Daten aus verschiedenen Quellen, hauptsächlich Kundendaten von Unternehmen, verknüpft sie zu Kundenprofilen und verkauft diese vor allem an Firmen, die dann die Kunden zielgenau ansprechen können. SSD-Chef Andrew Sterling ist für einen Kriminalroman verdächtig hilfsbereit und, aufgrund der Zugangscodes können sie den Kreis der Tatverdächtigen auf sieben Mitarbeiter eingrenzen.

Selbstverständlich erfährt der Mörder von Rhymes Ermittlungen und er beginnt zurückzuschlagen.

Bereits vor gut zehn Jahren beschäftigte Jeffery Deaver sich mit den Gefahren des Computers. In „Lautloses Duell“ wird Lara Gibson in Silicon Valley ermordet. Der ermittelnde Detective Anderson glaubt, dass der Täter sich die Informationen über Gibson irgendwie über ihren Computer besorgte. Er spannt den genialen Hacker Wyatt Gilette, der gerade eine Haftstrafe verbüßt, in die Ermittlungen ein. Dank Gilette finden sie heraus, dass der Mörder in Silicon Valley in der Realität ein Computerspiel spielt, sich im Netz Phate nennt, und jetzt unter falscher Identität im Valley lebt. Als er Anderson ermordet und die ermittelnden Beamten herausfinden, dass Gilette und Phate sich von früher kennen und ein Insider Phate mit Informationen versorgt, flüchtet Gilette.

Jeffery Deaver liefert im achten Lincoln-Rhyme-Roman „Der Täuscher“ und dem bereits 2001 erschienenen Einzelwerk „Lautloses Duell“ natürlich die bei ihm gewohnte nervenzerfetzende Spannung mit den überraschenden Schlusstwists. In beiden Büchern verfolgt er aber auch ein sehr honoriges Anliegen: er will über die Gefahren der Informationsgesellschaft aufklären. In „Lautloses Duell“ sind es die damals auf öffentlichen und privaten Computern kaum gesicherten persönlichen Daten, anhand derer mühelos komplette Profile erstellt werden können. Heute sind die Daten besser gesichert. Dafür ist Deavers damals doch ziemlich fantastische Idee mittels eines Programms unbemerkt auf einzelne Computer zuzugreifen, heute sehr realistisch. Denn verschiedene Sicherheitsinstitutionen, am prominentesten das BKA, sollen mittels eines Trojaners, der online und ohne das Wissen des Besitzer (und seiner Sicherheitsprogramme) auf einen Computer geschmuggelt werden kann, auf die Daten des PC-Besitzers zugreifen können.

In Diskussionen sagt BKA-Chef Jörg Ziercke, wenn PC-Experten die Funktionsfähigkeit eines Trojaners für polizeiliche Ermittlungen bezweifeln, immer wieder, dass seine Männer gut genug seien, unbemerkt einen Trojaner auf einem PC zu installieren. Wenn das stimmt, dann ist das eine sehr beunruhigende Vision. Denn selbstverständlich wissen dann nicht nur die vom BKA bezahlte Computerexperten, wie es geht.

In „Der Täuscher“ stehen die inzwischen auch in Deutschland immer größer werdenden privaten Datenbanken im Mittelpunkt. Diese werden unter anderem mit Payback-Karten, Online-Bestellungen und Bezahlungen per Kreditkarte weitgehend unkontrolliert von staatlicher Kontrolle gefüttert und aufgrund firmeninterner Verflechtungen können hier schnell aussagekräftige Profile über bestimmte Kunden und Kundengruppen (wie auf einer sehr einfachen Ebene die Buchempfehlungen bei Amazon aufgrund gekaufter und bewerteter Bücher zeigen) erstellt werden.

Gleichzeitig zeigt Deaver, welche Folgen falsche Daten haben. Weil inzwischen immer mehr Kommunikation über Computer erledigt wird, wird diesen Daten oft blind geglaubt. Das kann, wie Deaver in „Der Täuscher“ zeigt, die Existenz eines Menschen vernichten. Die späteren Angriffe des Mörders gegen Rhyme und sein Team wären, falls sie nicht so bekannt wären (Hey, der Held stirbt nicht!), geeignet, ihr gesellschaftliches Leben zu vernichten.

In „Lautloses Duell“ wird am Ende der Glaube des SEK-Teams an die per Computer übermittelten Einsatzbefehle Wyatt Gilette und seiner Familie fast zum Verhängnis. Denn wenn der Schießbefehl korrekt authentifiziert ist, muss er wahr sein.

Die genaue Recherche in der Welt der elektronischen Datenverarbeitung bildet bei Jeffery Deaver den Hintergrund für zwei spannende Thriller voller Überraschungen, falscher Spuren und atemberaubender Wendungen. Während „Lautloses Duell“ sich vor allem auf den Zweikampf zwischen den beiden Hackern konzentriert, gibt es in „Der Täuscher“ noch einen Rätselplot. Denn Rhyme muss herausfinden, wer von den Verdächtigen der Mörder ist.

Deaver warnt in „Lautloses Duell“ und „Der Täuscher“ vor den Gefahren eines allzu sorglosen Umgangs mit Daten im Netz, aber er verfällt nicht in blinden Alarmismus oder Technikfeindschaft. Denn dann müsste der an sein Bett gefesselte Lincoln Rhyme seine Arbeit als Ermittler aufgeben und Wyatt Gilette dem Hackertum abschwören. Aber das werden sie nicht tun.

Jeffery Deaver: Der Täuscher

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2009

544 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Broken Window

Simon & Schuster, 2008

Jeffery Deaver: Lautloses Duell

(übersetzt von Gerald Jung)

Goldmann, 2009

512 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The blue nowhere

Simon & Schuster, 2001

Deutsche Erstausgabe

Goldmann, 2002

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Jeffery Deaver in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

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3 Responses to Meine Daten gehören Deaver

  1. […] Jeffery Deaver: Der Täuscher (Blanvalet, 9,95 Euro) […]

  2. […] Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001) […]

  3. […] Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001) […]

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