Frank Göhre porträtiert Kollegen

Göhre - Seelenlandschaften

Frank Göhre schrieb neben seinen Kriminalromanen immer auch über Kollegen. Die meisten dieser Texte erschienen in den vergangenen Jahrzehnten verstreut als Vor- und Nachworte bei verschiedenen Verlagen, sind oft nicht mehr erhältlich und jetzt, endlich gesammelt, in „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ erschienen.

Die ältesten Texte des Sammelbandes sind fast dreißig Jahren alt. Damals betreute Göhre für den schweizer Arche-Verlag eine Werkausgabe der Kriminalromane von Friedrich Glauser und schrieb dafür kurze Einleitungen.

Später schrieb er zusammen mit Jürgen Alberts über zehn Ahnherren und -frauen des deutschen Kriminalromans. Die Porträts wurden, mit vorzüglichen Fotografien von Rainer Griese, als „Kreuzverhöre“ veröffentlicht (Wenn Sie es in einem Antiquariat finden, kaufen Sie es. Es lohnt sich).

Vergangenes Jahr brachte Göhre dann bei der Edition Köln die zehnbändige „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands“ heraus. Jedes der Bücher hat ein informatives Nachwort; etliche davon (auch wenn es nur Überarbeitungen der „Kreuzverhöre“-Texte waren) schrieb Frank Göhre und seine Porträts von Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Helga Riedel, Peter Schmidt und Peter Zeindler sind jetzt in „Seelenlandschaften“ nachgedruckt.

Außerdem porträtiert Göhre „Trimmel“-Erfinder Friedhelm Werremeier, Hans Herbst, Ed Sander, Edward Bunker und Tony Hillerman. Es gibt den Text „Albernheiten, Alltagsgeschwätz – Zufällig aufgefundene Notizen eines ehrenwerten ‚Syndikat‘-Mitglieds“ aus dem aktuellen Krimijahrbuch (muss nicht sein) und die alte „Zeit“-Reportage „Jeden Abend Miami Vice“ über Charles Willeford, Hoke Moseley und Miami (muss sein). Ebenfalls aufgenommen wurden die sehr informativen Nachworte zu den neuen Ausgaben von seinen Romanen „Abwärts“ und „St. Pauli Nacht“. In beiden Texten plaudert Göhre etwas aus dem Nähkästchen der Filmproduktion. Bei „Abwärts“ schrieb er zusammen mit Carl Schenkel das Drehbuch, war beim Dreh dabei und schrieb später das Buch zum Film. Bei „St. Pauli Nacht“ war es umgekehrt. Er schrieb zuerst den Roman als Abschluss seiner Kiez-Trilogie (die bei Pendragon wiederveröffentlicht wird), dann etliche Drehbuchfassungen, Sönke Wortmann verfilmte es mit vielen bekannten Schauspielern und für die Neuausgabe überarbeitete Göhre den Roman stark.

Obwohl ich viele der Texte bereits kannte, waren doch noch einige auch für mich neu und gerade die Vorstellungen der deutschen Krimiautoren, die zu ihrer Zeit sehr erfolgreich waren und heute fast nur noch antiquarisch erhältlich sind, zeigt, dass es vor dem Regiokrimi einen deutschen Kriminalroman gab, der sich bemühte, literarischen und gesellschaftspolitischen Anspruch (was sie heute teilweise schwer lesbar macht) mit populären Erzählformen zu vereinen. Mit diesen Texten (immerhin ist „Kreuzverhöre“ nicht mehr erhältlich, bei der sich schlecht verkaufenden „Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands“ wage ich keine Prognose) trägt Frank Göhre seinen Teil zur bitter notwendigen Geschichtsschreibung für den deutschsprachigen Kriminalroman bei. Denn diese Soziokrimis aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schneiden im Vergleich zur aktuellen einheimischen Krimiproduktion gar nicht so schlecht ab.

Wer also einige gute Texte über Krimi-Autoren lesen will, sollte zuschlagen. Denn „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ ist eine feine Sammlung.

Frank Göhre: Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke

Pendragon, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

2 Responses to Frank Göhre porträtiert Kollegen

  1. […] Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009) […]

  2. […] ich die Tage vor die Haustür ging, steckte ich „I and I“, den, nach „Seelenlandschaften“, in dem er vor allem deutsche Krimiautoren porträtierte, zweiten Sammelband mit Essays und […]

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