Erich Kästner und „Die verschwundene Miniatur“

Kästner - Die verschwundene Miniatur

Ein Todestag ist eine gute Gelegenheit, mal wieder ein Werk des Verstorbenen zu genießen. Lesen wir also zum 35. Todestag von Erich Kästner seine Krimikomödie „Die verschwundene Miniatur – oder auch Die Abenteuer eines empfindsamen Fleischermeisters“. Sie erschien erstmals 1935 und zählt zu den unbekannteren Werken des am 29. Juli 1974 in München verstorbenen Schriftstellers.

Kästners Held, Fleischermeister Oskar Külz, steckt in der Midlife-Crisis. In den vergangenen Jahrzehnten hat er, zusammen mit seiner Frau, eine eigene Metzgerei geführt, für seine Söhne etliche weitere Geschäfte eröffnet und keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. Jetzt ist er einfach für einige Tage nach Skandinavien verschwunden und genießt die Ruhe.

In Kopenhagen trifft er auf einer Hotelterrasse die junge, selbstverständlich gutaussehende Privatsekretärin Irene Trübner. Sie soll eine wertvolle Miniatur nach Berlin befördern und hat Angst bestohlen zu werden. Deshalb bittet sie Külz ihr zu helfen. Er ist sofort einverstanden. Allerdings ahnt er nicht, dass sie von einer skrupellosen Gangsterbande beobachet werden.

Als sie am nächsten Tag den Zug zurück nach Berlin nehmen, steckt Irene Trübner dem Fleischermeister, wie besprochen, die Miniatur zu. Kurz darauf wird sie ihm bei einer falschen Zollkontrolle gestohlen. Anstatt sofort zur Polizei zu gehen, versuchen Külz, Trübner und Rudi Struwe, ein junger Mann, der hartnäckig die unverheiratete Sekretärin umwirbt, die Verbrecher auszutricksen.

Dass ab jetzt die Guten und die Bösen sich gegenseitig die Miniatur abluchsen, dass es die echte, sehr wertvolle und eine billige Kopie gibt, dass irgendwann niemand mehr weiß, welches die echte Miniatur ist und dass Struwe mit einer Miniatur verschwindet, gehört zu den Konventionen einer Krimikomödie.

Allerdings hat Erich Kästner seine Hauptfigur, den Fleischermeister Külz als einen zu leichtgläubigen Einfaltspinsel gezeichnet. Er ist ein reiner Tor, der sich in der Fremde sprichwörtlich wie der Elefant im Porzellanladen benimmt, nicht Lügen kann und vertrauensselig bis zum gehtnichtmehr ist. Aber dieser Külz ist der erfolgreiche Geschäftsführer einer Metzgerei. Er kann also gar nicht so naiv sein, wie Kästner ihn beschreibt.

Und die Geschichte ist einfach zu unglaubwürdig. Denn auch wenn eine Krimikomödie, in der ein von allen begehrter Gegenstand ständig den Besitzer wechselt, nicht auf Glaubwürdigkeit, sondern auf schnelle und überraschende Täuschungen angelegt ist, muss doch ein Minimum an geschichtsimmanenter Logik gewahrt bleiben.

Aber spätestens wenn Fräulein Trübner gegen jede Vernunft dem Fleischermeister Külz noch im Zug sagt, sie habe ihm die Fälschung gegeben und ihre Urlaubsbekanntschaft Struwe mit am Tisch sitzt, implodiert die Geschichte. Dass die Verbrecher kurz darauf ganz plötzlich wissen, dass sie die Fälschung geklaut haben und jetzt die echte Miniatur wollen, versetzt ihr den zweiten Todesstoß.

Da kann auch Kästners mild-ironischer Tonfall und seine vereinzelten präzisen Beobachtungen des deutschen Kleinbürgers nichts mehr retten. „Die verschwundene Miniatur“ ist auch als locker-leichte Krimikomödie, die sich um Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit nicht kümmert, einfach zu unglaubwürdig um zu unterhalten.

Erich Kästner: Die verschwundene Miniatur

Atrium Verlag, 2009

256 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Atrium Verlag, 1935

Verfilmungen

Die verschwundene Miniatur (D 1954)

Regie: Carl-Heinz Schroth

Drehbuch: Erich Kästner

mit Paola Loew, Ralph Lothar, Paul Westermeier, Lina Carstens, Hubert von Meyerinck, Liesl Karlstadt

Die verschwundene Miniatur (DDR 1990)

Regie: Vera Loebner

Drehbuch: Friedemann Schreiter

mit Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Susanne Lüning, Carl Martin Spengler

Hinweise

Wikipedia über Erich Kästner

Kästner-im-Netz

Kästner für Kinder

Erich-Kästner-Gesellschaft

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