Die perfekte Welle für die „Dawn Patrol“

Winslow - Pacific Private

Beim Lesen von Don Winslows neuem Roman „Pacific Private“ hatte ich immer die Stimme von Keith Carradine im Ohr. Er spielt in der unterhaltsamen Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z.“ den Erzähler: den am Strand stehenden älteren Surfer Johnson. Er erzählt mir jetzt, während sich die Pazifikwellen an der kalifornischen Küste brechen, Surfermusik aus den Boxen dröhnt, die untergehende Sonne uns wärmt und wir gemütlich einige Flaschen Bier trinken (hm, wahrscheinlich eher Dosen), die Geschichte von Boone Daniels und der Dawn Patrol. Dass die Abenteuer von Boone Daniels dabei für einen langjährigen Krimileser durchaus vorhersehbar sind, stört nicht weiter. Denn, um es in den Worten von Boone Daniels zu sagen, wichtig ist, wie man eine Welle reitet. Und Don Winslow reitet, wie ein guter Surfer, perfekt die Wellen des Privatdetektivromans und der hohen Kunst des scheinbar mühelosen Erzählens.

In seinem neuesten Roman „Pacific Private“ erzählt Don Winslow daher einerseits die Geschichte von Boone Daniels und seinen Freunden, der Dawn Patrol, andererseits einen typischen Hardboiled-Krimi in einem ungewohnten Umfeld und in jedem Fall ist es eine Liebeserklärung an einen bestimmten Lebensstil und eine Region.

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, ein lässiger, an Geld nicht interessierter Teilzeit-Privatdetektiv und ein begeisterter Surfer. Deshalb will er auch die Junganwältin Petra Hall sofort aus seinem Büro werfen. Denn anstatt eine verschwundene Zeugin zu suchen, will er auf die sich ankündigende Monsterwelle warten. Aus einer Mischung aus Eitelkeit und finanzieller Not beginnt er dann doch sofort die Stripperin Tamara ‚Tammy‘ Roddick zu suchen. Sie soll vor Gericht aussagen, dass sie gesehen hat, wie der Stripclubbesitzer Dan Silver ein Lagerhaus abgefackelt hat.

Daniels findet sie schnell. Tot. Sie wurde aus einem Hotelzimmer geschubst. Als er kurz darauf herausfindet, dass nicht Roddick, sondern ihre beste Freundin starb, beginnt Boone Daniels ernsthaft die in Lebensgefahr schwebende Stripperin zu suchen.

Dass er sich bei dieser Suche mit dem örtlichen, sehr multikulturellem Organisierten Verbrechen anlegt, versteht sich von selbst.

Gleichzeitig wird auch die Kameradschaft der Dawn Patrol auf eine harte Probe gestellt. Denn Johnny Banzai ist Polizist, andere verdienen auch mit illegalen Aktivitäten (Ja, ich bin gerade dabei einen Spoiler zu vermeiden) ihr Geld und Boones Freundin Sunny will die Monsterwelle benutzen, um Pacific Beach zu verlassen.

Don Winslow entwickelt diese nur auf den ersten Blick einfache Geschichte um Freundschaften, verschiedene Begriffe von Ehre und enttäuschte Hoffnungen mit der Lässigkeit eines Schriftstellers, der in den vergangenen Jahren in zehn Büchern beständig den Kreis seiner Fans erweiterte, den Shamus für „Califonia Life and Fire“ gewann, für das Opus „The Power of the Dog“ (ein engbedruckter über fünfhundertseitiger Wälzer über den US-amerikanischen Krieg gegen Drogen) abgefeiert wurde, für den Macavity, Dily, Barry und den Los Angeles Book Prize nominiert war und dessen „The Winter of Frankie Machine“ immer noch verfilmt werden soll. Zuletzt hieß es, dass Robert de Niro die Hauptrolle spielt und Michael Mann Regie führt. Die deutsche Übersetzung von „The Winter of Frankie Machine“ ist als „Frankie Machine“ für Mitte September angekündigt und der Roman spielt natürlich auch an der kalifornischen Küste.

Bis dahin ist „Pacific Private“ eine spannende Sommerlektüre, auch wenn das Reisebudget nur bis zur nächsten Strandbar reicht.

Noch ein Wort zum Titel: Im Moment geben die Verlage englischsprachigen Krimis gerne einen anderen englischen Titel. So wurde aus Don Winslows „The Dawn Patrol“ bei uns „Pacific Private“. Den deutschen Titel verstehe ich auch nach der Lektüre absolut nicht; vor allem weil der Name Dawn Patrol für das frühmorgendliche Surfertreffen von Boone Daniels und seinen Freunden in der Übersetzung beibehalten wurde. Da hätte Suhrkamp besser den sehr guten Originaltitel beibehalten, als einen vollkommen sinnlosen pseudo-englischen Titel zu erfinden.

Don Winslow: Pacific Private

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2009

400 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The Dawn Patrol

Alfred A. Knopf, 2008

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Mystery Books: Interview mit Don Winslow (circa 2006)

Curled up with a good Book: Interview mit Don Winslow (2007)

Los Angeles Times: Scott Timberg porträtiert Don Winslow (9. Juni 2008)

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7 Responses to Die perfekte Welle für die „Dawn Patrol“

  1. […] Meine Besprechung von “Pacific Private” (The Dawn Patrol, 2008) […]

  2. […] nominiert: Trigger City, von Sean Chercover (Morrow); Envy the Night, von Michael Koryta (Minotaur); Red Knife, von William Kent Krueger (Atria); The Cruelest Month, von Louise Penny (Minotaur); The Dawn Patrol (Pacific Private), von Don Winslow […]

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