R. i. P. Celia Fremlin

August 31, 2009

R. i. P. Celia Fremlin (20. Juni 1914 – 16. Juni 2009)

Bei Martin Edwards habe ich gelesen, dass Celia Fremlin bereits vor mehreren Wochen gestorben ist. Für „Die Stunden vor Morgengrauen“ (The Hours before dawn, 1958) erhielt sie den Edgar für den besten Roman. Wolf Gremm verfilmte den Roman 1997 mit Gudrun Landgrebe. Es war seine vierte und letzte Fremlin-Verfilmung.

Martin Edwards schreibt:

One thing is for sure – Fremlin’s work is not talked about too much these days. But it deserves to be, because she was a class act. (…)
The lack of attention paid to Fremlin’s work is all the more sobering when one reflects on the immediate impact she made when her first novel, The Hours Before Dawn, appeared in 1958. It’s a good title and an even better book – it went on to win an Edgar. My copy is a 1988 reprint, which benefits from a pithy preface by Fremlin. The story involves a harassed mother, Louise Henderson, who lives in suburbia and who takes in a lodger with unexpected consequences. The domestic milieu is very well drawn, and Fremlin was one of those who led the way in developing the psychological suspense set in recognisable everyday surroundings.

Weitere (spärliche) Informationen zu Celia Fremlin gibt es bei Wikipedia, Fantastic Fiction, Toms Krimitreff und, als kurzer Nachruf, Sarah Weinman und Krimiblog.


Der unbestechliche George Gently auf DVD/im TV

August 31, 2009

Auf den ersten Blick fragt man sich, warum man die Fälle eines alten Bullen, der 1964 in einem Küstenkaff ermittelt, ansehen soll. Nostalgie in allen Ehren, aber einige neue TV-Krimis wollen auch gesehen werden und die Serie kann nicht mit dem Etikett „Klassiker“ aufwarten. Denn der BBC strahlte sie erstmals 2007 aus.

Auf den zweiten Blick wird die Sache schon viel interessanter. Die Vorlage für die TV-Serie (in England wurden aufgrund des Erfolges bereits weitere Folgen gedreht) sind die Romane des produktiven, 2005 verstorbenen Alan Hunter. Zwischen 1955 und 1999 veröffentlichte er fast jedes Jahr einen Krimi mit Chief Superintendent George Gently als Ermittler. Einige wurden auch ins Deutsche übersetzt und sind erhältlich in den Antiquariaten ihres Vertrauens.

Hunter admired the writer Georges Simenon, and the character of Gently was sometimes likened to that of Inspector Maigret. Like the French detective, Gently solves his cases through a combination of reason, deduction and a world-weary understanding of his fellow man. But in fact, the character bore uncanny similarities to the author himself, who also smoked a pipe and had the same sort of pithy turn of phrase. (Nachruf im Telegraph, 11. März 2005)

Für die BBC-Filme übernahm Martin Shaw die Hauptrolle. Bei uns ist er immer noch nur als Bodie von den „Profis“ bekannt. Aber im Gegensatz zu seinem „Profis“-Partner Lewis Collins, ist Martin Shaw auf der Insel ein immer noch bekannter und geachteter Schauspieler mit zahlreichen Theater- und TV-Engagements, die bei uns nicht gezeigt wurden.

Und wenn dann die Fälle angesehen werden, wird es wirklich interessant. Denn die ersten drei spielfilmlangen Fälle für Inspector George Gently haben alles das, was die meisten „Tatorte“ nicht haben: glaubwürdige Charaktere, gut entwickelte Plots und ein stimmiges Zeit- und Lokalkolorit. Letzteres ist der Verdienst der Ausstatter. Die Wohnungen und das Polizeiquartier sehen richtig alt aus. Die Autos erfreuen das Herz des Nostalgikers. Die Landschaft und auch die Häuser haben sich in der englischen Provinz in den vergangenen Jahrzehnten (natürlich haben die Locaction Scouts in Irland eifrig nach den richtigen Orten gesucht) kaum geändert. Die Krimiplots konzentrieren sich auf eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und ihre Beziehungen zueinander.

In „Kalte Rache“ erfährt Gently, dass in Northumberland ein junger Motorradfahrer, der auch Drogenhändler war, ermordet wurde und Gangsterboss Joe Webster dorthin gefahren ist. Gently folgt ihm. Denn er will Webster für den Mord an seiner Frau zur Strecke bringen. Dort trifft er den jungen, ehrgeizigen und auch heißblütigen John Bacchus, der den legendären Ermittler George Gently bewundert. Gemeinsam versuchen sie den Fall zu lösen.

Schnell entwickelt sich zwischen beiden eine nicht unproblematische Vater-Sohn-Beziehung, die von Martin Shaw und Lee Ingleby vorzüglich und mit schönstem britischen Understatement ausgespielt wird. Hier erzählt ein Blick mehr als tausend Worte. Und auch diese sind gut ausgewählt.

Am Ende von „Kalte Rache“ beschließt Gently in Northumberland zu bleiben und Bacchus zu einem guten Polizisten, also einem ‚Gently 2‘, zu erziehen.


In „Der Verbrannte“ müssen sie herausfinden, warum auf einem Feld ein Mann erschossen und verbrannt wurde. Die Ermittlungen führen sie zu einem benachbarten Militärstützpunkt und zur IRA.

Diese Folge war für zwei Irish Film and Television Awards (IFTA) nominiert: als Best Single Drama/Drama Serial und John Kavanagh als bester Nebendarsteller.

In „Die Schuld der Väter“ wird ein Deutscher, der als Kriegsgefangener auf einem Hof arbeitete, ermordet. Gently und Bacchus stöbern in der Vergangenheit und den Familienangelegenheiten des Ermordeten herum. Denn er wurde von seinem Sohn und seiner Stieftochter begleitet.

Gerade diese Folge sollte im Original gesehen werden. Denn während der Ermittlungen unterhalten sich die Deutschen auch in ihrer, für Gently unverständlichen, Muttersprache. In der deutschen Version sprechen sie dann französisch; – was natürlich die Stimmung der Geschichte vollkommen zerstört. Weil in dieser Folge die Bewohner des abgelegenen Hofes, auf dem der deutsche Kriegsgefangene arbeitete, einen fast unverständlichen Dialekt sprechen, fallen auch die fehlenden Untertitel schmerzlich auf.

Davon (und natürlich vom fehlendem Bonusmaterial) abgesehen sind die ersten drei George-Gently-Filme beste Krimiunterhaltung, die auf jeglichen neumodischen Schnickschnack, wie ausufernde Schilderungen aus dem Privatleben, platte Kabbeleien zwischen den Ermittlern, Wackelkamera und Sekundenschnitte, verzichtet. Denn im Mittelpunkt der ersten drei spielfilmlangen Fälle steht immer der konzentriert erzählte und ziemlich verwickelte Fall.

Bitte mehr davon!

George Gently - Staffel 1

George Gently – Der Unbestechliche (1. Staffel)

Edel Entertainment

Laufzeit: 270 Minuten

Bildformat: 16:9 PAL

Sprache: Deutsch/Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie (und ein Haufen Trailer, die wie eine schlechte VHS-Kopie aussehen)

FSK: ab 12 Jahre

klärt diese Fälle auf

Kalte Rache (George Gently, GB 2007)

Regie: Euros Lyn

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Alan Hunter: Gently Go Man, 1961

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Phil Davis, Richard Armitage

Der Verbrannte (The burning man, GB 2008)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Alan Hunter: Gently where the road goes, 1962

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, John Kavanagh

Die Schuld der Väter (Bomber’s Moon, GB 2008)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Mick Ford

LV: Alan Hunter: Bomber’s Moon, 1994

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, Christian Oliver, Wolf Kahler

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)



TV-Tipp für den 31. August: David Murray – I am a Jazzman

August 31, 2009

Arte, 22.35

David Murray – I am a Jazzmann (F 2008, R.: Jacques Goldstein)

Drehbuch: Jacques Goldstein

Einstündige Doku über den Saxophonisten, der anscheinend im Wochentakt eine hörenswerte CD nach der nächsten aufnimmt.

Wiederholung: Sonntag, 6. September, 06.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über die Doku

Wikipedia über David Murray (deutsch, englisch)

My Space: Seite von David Murray

David-Murray-Fanseite (letztes Update Juni 2008)

Village Voice: The David Murray Guide (Tom Hull empfiehlt einige CDs aus über 90 Einspielungen als Leader, 30. Mai 2006)

JazzTimes über David Murray


„Long Weekend“ an einem paradiesischen Strand

August 30, 2009

Peter (Jim Caviezel) und Carla (Claudia Karvan) wollen ein romantisches Wochenende an einer abgeschiedenen Bucht verbringen. Es ist vor allem ein Versuch, ihre kriselnde Beziehung wieder zu kitten. Aber schon auf der Fahrt zum Strand zeigt Regisseur Jamie Blanks, wie Peter ein Tier überfahrt und eine Zigarette achtlos wegwirft. Damit ist, auch für Nicht-Genre-Junkies, klar, dass die beiden in der Einöde nicht nur Beziehungsstress haben, sondern auch gegen die Natur kämpfen müssen.

Trotzdem fällt „Long Weekend“, ein Remake des gleichnamigen australischen Semi-Ökohorrorklassikers von Colin Eggleston, für das Everett De Roche ebenfalls das Drehbuch schrieb, nicht einfach in die Subkategorie der Die-Natur-rächt-sich-am-Menschen-Horrorfilme. Denn die eher zahme und diffuse Bedrohung von außen (gut verstärkt durch die beunruhigende Musik von Jamie Blanks) kann auch immer als ein Sinnbild für die Beziehung von Peter und Carla gesehen werden. Sie bewegen sich im Kreis. Sie fahren, als sie auf der Hinfahrt den Strand suchen, immer wieder am gleichen Baum vorbei. Am nächsten Tag bewegt der Baum sich auf rätselhafte Weise. Sowieso scheinen in Bäume geritzte Pfeile, die Peter und Carla immer wieder im Kreis herumführen, im australischen Busch ein ganz schlechter Wegweiser zu sein. Sie können über bestimmte Dinge nicht sprechen. Sie misstrauen sich – obwohl sie einmal glücklich miteinander waren. Sie sehen die schönen Seiten der Natur (Jamie Blanks hat Bilder vom Wilsons-Promontory National Park aufgenommen, die nach einer großen Leinwand verlangen.). Aber sie verstehen die Natur nicht. Sie will vor allem wieder zurück in die Zivilisation. Er ist der junge Flegel, der den ersten Tag – quasi als Freizeitbeschäftigung – mit dem sinnlosen Fällen eines Baumes beginnt. Aber er hört mittendrin mit dem Fällen auf. Später schießt er ebenso grundlos auf Fische und Vögel und, sobald die Wellen es zulassen, will er eine Runde surfen.

Diese Story ist für einen Spielfilm einfach zu statisch und vorhersehbar. Die Attacken der Natur gegen den Menschen sind zu selten. Meistens ist es eine eher diffuse Bedrohung, die verschieden interpretiert werden kann. Auch zwischen Peter und Carla geschieht zu wenig. Denn für uns Zuschauer ist bereits in den ersten Minuten offensichtlich, dass diese Beziehung zu Ende ist. Nur sie wissen es noch nicht und ihre Versuche, die Beziehung zu kitten, sind höchstens halbherzig.

Deshalb wirkt das Zwei-Personen-Stück „Long Weekend“ wie ein auf Spielfilmlänge gedehnter Kurzfilm.

Als Bonusmaterial gibt es eine geschnittene Szene (ein Robert-de-Niro-ähnlicher Monolog von Jim Caviezel), den deutschen und den amerikanischen Trailer, ein vierzigminütiges Produktionstagebuch (mit einem sehr informativem Audiokommentar von Jamie Blanks) und einen uninteressantem Audiokommentar von Jamie Blanks, Everett De Roche, Jim Caviezel und Claudia Karvan. Denn außer gegenseitigem Lob gibt es fast nichts zu hören.

Long Weekend

Long Weekend (Long Weekend, Australien 2008)

Regie: Jamie Blanks

Drehbuch: Everett De Roche

mit Jim Caviezel, Claudia Karvan

DVD

Sunfilm

Laufzeit: 84 Minuten

Bild: 16:9 (1:2,35)

Sprachen: Deutsch, Englisch (5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Production Diary, Outtake, Audiokommentar, deutscher und englischer Trailer, Wendecover

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Bluray-Disc: Interview mit Jamie Blanks zu „Long Weekend“ (Achtung: es wird auch über das Ende des Films diskutiert)

Bereits gesehen: Interview mit Jamie Blanks zu „Long Weekend“ und seinen anderen Filmen


TV-Tipp für den 30. August: Der nächtliche Lauscher

August 30, 2009

ARD, 00.35

Der nächtliche Lauscher (USA 2006, R.: Patrick Stettner)

Drehbuch: Armistead Maupin, Terry Anderson, Patrick Stettner

LV: Armistead Maupin: The Night Listener, 2000 (Der nächtliche Lauscher)

Radiotalker Gabriel Noone steckt in einer Midlife-Crisis. Da erhält er die Aufzeichnungen eines aidskranken 14-jährigen, der behauptet von seinen Eltern missbraucht worden zu sein. Noone will dem Jungen helfen.

Gut besetztes Psychodrama, das bei uns nur auf DVD veröffentlicht wurde und seine TV-Premiere zu nachmitternächtlicher Stunde erlebt.

Stellvertretend für die vielen durchwachsenen bis negativen Kritiken: “Unausgewogene Mischung aus Drama und Suspense-Thriller, die die psychologischen Befindlichkeiten der Personen nicht erschließt.” (Lexikon des internationalen Films)

mit Robin Williams, Toni Collette, Joe Morton, Bobby Cannavale, Rory Culkin, Sandra Oh

auch bekannt als “The Night Listener” (DVD-Titel)

Wiederholung: Montag, 31. August, 21.15 Uhr

Hinweise

Homepage von Armistead Maupin

Interview mit Armistead Maupin zu den wahren Ereignissen, die “The Night Listener” inspirierten und der Verfilmung


Kurzmeldungen: Quentin Tarantino, Mehmet Murat Somer, Buddy Giovinazzo, Shutter Island

August 29, 2009

Quentin Tarantino unterhält sich mit Charlie Rose eine Stunde über seinen neuen Film „Inglourious Basterds“.

Mehmet Murat Somer (aktuell „Der Kuss-Mord – Ein Hop-Cika-Yaya-Thriller“) beantwortet bei Crime Always Pay einige Fragen.

Buddy Giovinazzos neuer Film „Life is hot in cracktown“ (eine Verfilmung seines Romandebüts „Cracktown“)  ist in den USA auf DVD erschienen. Schnittberichte vergleicht die Kinofassung mit den Director’s Cut – und sagt, dass über eine deutsche Veröffentlichung noch nichts bekannt ist.

Variety erklärt, warum die Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ von Martin Scorsese mit Leonardo Di Caprio in der Hauptrolle erst 2010 in die Kinos kommt:

It’s Hollywood bookkeeping gone nuts: A studio can increase its profits by not releasing a film.


KrimiWelt-Bestenliste September 2009

August 29, 2009

Veränderung ist das große Wort der KrimiWelt-Bestenliste für den Wahlmonat September. Sieben Bücher flogen raus. Im August waren es nur sechs. Die aktuelle Zehnerliste sieht so aus:

1 (7) James Sallis: Dunkle Schuld

2 (4) Richard Stark: Das Geld war schmutzig

3 (2) Reggie Nadelson: Kalter Verrat

4 (-) Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus

5 (-) Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

6 (-) David Ignatius: Das Netzwerk

7 (-) Friedrich Ani: Totsein verjährt nicht

7 (-) Warren Ellis: Gott schütze Amerika

8 (-) Tana French: Totengleich

9 (-) Andrew Brown: Schlaf ein, mein Kind

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Ignatius und French sind beide deutlich über der 600-Seiten-Marke und damit für meinen Geschmack abschreckend dick. Der neue Brenner-Roman von Wolf Haas gefällt mir bis jetzt ganz gut und Warren Ellis liegt noch ungelesen bei mir herum. Aber der dürfte mir auch gefallen.

Richard Starks letzter Parker-Roman „Das Geld war schmutzig“ hat mir natürlich gefallen. Mit „Dunkle Schuld“ beginnt James Sallis seine Turner-Trilogie mit einem den Genrekonventionen noch rudimentär folgendem Krimi. In den nächsten beiden Turner-Bänden interessiert ihn die Aufklärung der Fälle immer weniger. Demnächst gibt es eine Turner-Gesamtbesprechung. Und dass Ken Bruens grandioser Auftakt seiner mit dem Shamus ausgezeichneten Jack-Taylor-Reihe endlich übersetzt wurde, freut mich natürlich. Allerdings dürfte sein schwarzer Humor und seine düstere Weltsicht, wie bei James Sallis, nicht für jeden etwas sein.


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