Der unbestechliche George Gently auf DVD/im TV

Auf den ersten Blick fragt man sich, warum man die Fälle eines alten Bullen, der 1964 in einem Küstenkaff ermittelt, ansehen soll. Nostalgie in allen Ehren, aber einige neue TV-Krimis wollen auch gesehen werden und die Serie kann nicht mit dem Etikett „Klassiker“ aufwarten. Denn der BBC strahlte sie erstmals 2007 aus.

Auf den zweiten Blick wird die Sache schon viel interessanter. Die Vorlage für die TV-Serie (in England wurden aufgrund des Erfolges bereits weitere Folgen gedreht) sind die Romane des produktiven, 2005 verstorbenen Alan Hunter. Zwischen 1955 und 1999 veröffentlichte er fast jedes Jahr einen Krimi mit Chief Superintendent George Gently als Ermittler. Einige wurden auch ins Deutsche übersetzt und sind erhältlich in den Antiquariaten ihres Vertrauens.

Hunter admired the writer Georges Simenon, and the character of Gently was sometimes likened to that of Inspector Maigret. Like the French detective, Gently solves his cases through a combination of reason, deduction and a world-weary understanding of his fellow man. But in fact, the character bore uncanny similarities to the author himself, who also smoked a pipe and had the same sort of pithy turn of phrase. (Nachruf im Telegraph, 11. März 2005)

Für die BBC-Filme übernahm Martin Shaw die Hauptrolle. Bei uns ist er immer noch nur als Bodie von den „Profis“ bekannt. Aber im Gegensatz zu seinem „Profis“-Partner Lewis Collins, ist Martin Shaw auf der Insel ein immer noch bekannter und geachteter Schauspieler mit zahlreichen Theater- und TV-Engagements, die bei uns nicht gezeigt wurden.

Und wenn dann die Fälle angesehen werden, wird es wirklich interessant. Denn die ersten drei spielfilmlangen Fälle für Inspector George Gently haben alles das, was die meisten „Tatorte“ nicht haben: glaubwürdige Charaktere, gut entwickelte Plots und ein stimmiges Zeit- und Lokalkolorit. Letzteres ist der Verdienst der Ausstatter. Die Wohnungen und das Polizeiquartier sehen richtig alt aus. Die Autos erfreuen das Herz des Nostalgikers. Die Landschaft und auch die Häuser haben sich in der englischen Provinz in den vergangenen Jahrzehnten (natürlich haben die Locaction Scouts in Irland eifrig nach den richtigen Orten gesucht) kaum geändert. Die Krimiplots konzentrieren sich auf eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und ihre Beziehungen zueinander.

In „Kalte Rache“ erfährt Gently, dass in Northumberland ein junger Motorradfahrer, der auch Drogenhändler war, ermordet wurde und Gangsterboss Joe Webster dorthin gefahren ist. Gently folgt ihm. Denn er will Webster für den Mord an seiner Frau zur Strecke bringen. Dort trifft er den jungen, ehrgeizigen und auch heißblütigen John Bacchus, der den legendären Ermittler George Gently bewundert. Gemeinsam versuchen sie den Fall zu lösen.

Schnell entwickelt sich zwischen beiden eine nicht unproblematische Vater-Sohn-Beziehung, die von Martin Shaw und Lee Ingleby vorzüglich und mit schönstem britischen Understatement ausgespielt wird. Hier erzählt ein Blick mehr als tausend Worte. Und auch diese sind gut ausgewählt.

Am Ende von „Kalte Rache“ beschließt Gently in Northumberland zu bleiben und Bacchus zu einem guten Polizisten, also einem ‚Gently 2‘, zu erziehen.


In „Der Verbrannte“ müssen sie herausfinden, warum auf einem Feld ein Mann erschossen und verbrannt wurde. Die Ermittlungen führen sie zu einem benachbarten Militärstützpunkt und zur IRA.

Diese Folge war für zwei Irish Film and Television Awards (IFTA) nominiert: als Best Single Drama/Drama Serial und John Kavanagh als bester Nebendarsteller.

In „Die Schuld der Väter“ wird ein Deutscher, der als Kriegsgefangener auf einem Hof arbeitete, ermordet. Gently und Bacchus stöbern in der Vergangenheit und den Familienangelegenheiten des Ermordeten herum. Denn er wurde von seinem Sohn und seiner Stieftochter begleitet.

Gerade diese Folge sollte im Original gesehen werden. Denn während der Ermittlungen unterhalten sich die Deutschen auch in ihrer, für Gently unverständlichen, Muttersprache. In der deutschen Version sprechen sie dann französisch; – was natürlich die Stimmung der Geschichte vollkommen zerstört. Weil in dieser Folge die Bewohner des abgelegenen Hofes, auf dem der deutsche Kriegsgefangene arbeitete, einen fast unverständlichen Dialekt sprechen, fallen auch die fehlenden Untertitel schmerzlich auf.

Davon (und natürlich vom fehlendem Bonusmaterial) abgesehen sind die ersten drei George-Gently-Filme beste Krimiunterhaltung, die auf jeglichen neumodischen Schnickschnack, wie ausufernde Schilderungen aus dem Privatleben, platte Kabbeleien zwischen den Ermittlern, Wackelkamera und Sekundenschnitte, verzichtet. Denn im Mittelpunkt der ersten drei spielfilmlangen Fälle steht immer der konzentriert erzählte und ziemlich verwickelte Fall.

Bitte mehr davon!

George Gently - Staffel 1

George Gently – Der Unbestechliche (1. Staffel)

Edel Entertainment

Laufzeit: 270 Minuten

Bildformat: 16:9 PAL

Sprache: Deutsch/Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie (und ein Haufen Trailer, die wie eine schlechte VHS-Kopie aussehen)

FSK: ab 12 Jahre

klärt diese Fälle auf

Kalte Rache (George Gently, GB 2007)

Regie: Euros Lyn

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Alan Hunter: Gently Go Man, 1961

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Phil Davis, Richard Armitage

Der Verbrannte (The burning man, GB 2008)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Alan Hunter: Gently where the road goes, 1962

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, John Kavanagh

Die Schuld der Väter (Bomber’s Moon, GB 2008)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Mick Ford

LV: Alan Hunter: Bomber’s Moon, 1994

Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, Christian Oliver, Wolf Kahler

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)


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One Response to Der unbestechliche George Gently auf DVD/im TV

  1. […] Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 1) […]

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