Edgar-Preisträger 2008: John Hart – Der dunkle Fluss

September 30, 2009

Hart - Der dunkle Fluss

Bereits John Harts Debüt „Der König der Lügen“ wurde in den USA mit Lob überschüttet und für zahlreiche renommierte Preise nominiert. Unter anderem für einen Edgar als „Bestes Debüt“. Sein zweiter Roman „Der dunkle Fluss“ erhielt dann, angesichts der starken Konkurrenz etwas rätselhaft, den Edgar als „Bester Roman“.

Denn als Kriminalroman funktioniert „Der dunkle Fluss“ kaum. Die Geschichte von dem des Mordes angeklagten und vor Gericht freigesprochenen Sohn Adam Chase, der nach Jahren in der Fremde in seine alte Heimat zurückkehrt, dort gleich in etliche Verbrechen, den dorfinternen Konflikt um den geplanten Bau eines Kraftwerks und alte Familiengeschichten verwickelt wird, ist nicht neu.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn John Hart dem Genrefan einige überraschende Wendungen präsentieren würde. Aber die Geschichte entwickelt sich sehr vorhersehbar. Denn selbstverständlich hält die Gemeinde ihn immer noch für den Mörder. Immerhin war seine Stiefmutter die Hauptzeugin der Anklage und er wurde von den Geschworenen nur mangels Beweisen freigesprochen. Weil mit seiner Ankunft die Verbrechensrate explosionsartig steigt, ist für die Einheimischen klar, dass er für diese Überfälle und Morde verantwortlich ist. Auch für den ermittelnden Polizisten ist er der Hauptverdächtige. Chase will seine Unschuld beweisen und beginnt auf eigene Faust den Mörder seines Jugendfreundes zu suchen.

Diese Mördersuche ist für John Hart allerdings nur der dürftige rote Faden, um sich ausführlich episch geschilderter Südstaatenatmosphäre und den Gefühlen seines Erzählers Chase zu widmen. Denn die Familie Chase, alter Südstaatenadel, erinnert dabei an das Personal eines Tennessee-Williams-Stücks. Entsprechend viel kann über sie erzäht werden.

Die Handlung bewegt sich dagegen höchstens im Schneckentempo voran zu der, angesichts der wenigen Verdächtigen, gar nicht so überraschenden Enttarnung des Mörders.

Als Kriminalroman ist „Der dunkle Fluss“ uninteressant und nicht Edgar-würdig.

Aber als Symptom für den Trend zu „literarischen Kriminalromanen“ ist er paradigmatisch. Es gibt eine Kriminalgeschichte, die ein Pulp-Autor mit mehr Wendungen auf 150 Seiten erzählt hätte. Zusätzlich gibt es ein Drama über eine reiche, dysfunktionale Familie und eine Coming-of-Age-Geschichte. Immerhin erfährt Chase erst jetzt, was in seiner ach so heilen Familie alles im Argen liegt.

Menschen, die sonst keine Krimis lesen dürfen sich freuen, dass die Familiengeschichte dank der Krimibeigabe spannender als gewohnt ist und ohne schmutzige Worte auskommt.

Krimifans dagegen können „Der dunkle Fluss“, trotz des Edgars, ignorieren. Sie verpassen nichts.

John Hart: Der dunkle Fluss

(übersetzt von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2009

384 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Down River

Thomas Dunne Books, 2007

Hinweise

Homepage von John Hart

Meine Besprechung von „Der König der Lügen“ (The King of Lies, 2006)

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TV-Tipp für den 30. September: Der Tod kennt keine Wiederkehr

September 30, 2009

Das Vierte, 22.00

Der Tod kennt keine Wiederkehr (USA 1973, R.: Robert Altman)

Drehbuch: Leigh Brackett

LV: Raymond Chandler: The long goodbye, 1953 (Der lange Abschied)

Philip Marlowe hilft seinen Freund Terry Lennox aus der Klemme. Er soll seine Frau umgebracht haben.

Bitterböse Abrechnung mit dem amerikanischen Traum und einem Marlowe (Elliot Gould), der als Relikt durch die Story gestossen wird. – Eine der besten Chandler-Verfilmungen!

Leigh Brackett (1915 – 1978, Schriftstellerin, außerdem schrieb sie die Drehbücher zu „Tote schlafen fest“, „Rio Bravo“, „El Dorado“, „Krieg der Sterne: Das Imperium schlägt zurück“) sagte zu ihrer und Altmans Vorstellung von der Figur Marlowe: „Ich sehe Marlowe so, wie Chandler ihn sah, als Verlierer. Aber ein wirklicher Verlierer, nicht der falsche Gewinner, den Chandler aus ihm machte. Ein Verlierer auf der ganzen Linie….Goulds Marlowe ist ein Mann von simpler Redlichkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen und vollständiger Integrität. Alles, was wir machten, war, ihn von den Attributen eines falschen Helden zu befreien. Chandler Marlowe wusste immer mehr als die Polizei. Er konnte zu Brei geschlagen werden, aber er kam immer irgendwie ungeschoren davon. Nur aufgrund bloßer Kraft der Persönlichkeit, professioneller Sachkenntnis und Frechheit war er im Vorteil. Wir meinten ´Solch ein Mann besitzt keinen Vorteil. Er wird rumgestoßen. Die Leute nehmen ihn nicht ernst. Sie wissen nicht, was mit ihm los ist, und es kümmert sie auch nicht´. Also wurde aus dem harten Typ Marlowe ein Gefoppter.“ (Take One)

Pflaum dazu: „Altmann hat Marlowe so gründlich demystifiziert, dass dem Zuschauer in jedem Moment bewußt ist: dieser Mann übernimmt sich, und es ist allein eine Frage der Zeit, bis sich das rächt. Der Held Raymond Chandlers ist nie gefährdeter, nie sterblicher gewesen als in The long goodbye; Altman hat dem Roman auf seine Weise die realistische Dimension zurückgegeben, die er, unter anderen Vorzeichen, einmal hatte“ (Hans Günther Pflaum in Robert Altmann, Hanser Reihe Film 25)

Mit Elliott Gould, Nina van Pallandt, Sterling Hayden, Mark Rydell, Henry Gibson, David Carradine (Cameo), Arnold Schwarzenegger (eigentlich auch ein Cameo-Auftritt)

Hinweise

Thrilling Detective über Raymond Chandler und Philip Marlowe

Wikipedia über Raymond Chandler (deutsch, englisch)


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

September 29, 2009

Alligator-Alfred (frisch erholt, gebräunt und wohlernährt von seinem Urlaub) hat sich die neuen TV-Krimi-Buch-Tipps geschnappt, gnadenlos aufgebretzelt und online gestellt. Ich bin sprachlos und liefere hier nur die ersten Zeilen:

Die filmischen Höhepunkte der kommenden Tage sind Billy Wilders „Das Privatleben des Sherlock Holmes“, Joseph Sargents John-Godey-Verfilmung „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ (pünktlich zum Kinostart läuft mal wieder das Original), Shane Blacks Brett-Halliday-Verfilmung „Kiss Kiss Bang Bang“, Robert Altmans Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, Ladislao Vajdas Friedrich-Dürrematt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“, Jules Dassins Eric-Ambler-Verfilmung „Topkapi“ und Martyn Friends fast unbekannte Jim-Lusby-Verfilmung „Die Spur des Verräters“.
Außerdem läuft die schon lange nicht mehr gezeigte, auf einem wahren Fall basierende Politsatire „Der Fall Lucona“.


Cover der Woche

September 29, 2009

Gardner - Perry Mason solves the Case of the Cautious Coquette


TV-Tipp des Tages: Kiss Kiss Bang Bang

September 29, 2009

Tele 5, 22.30

Kiss Kiss Bang Bang (USA 2005, R.: Shane Black)

Drehbuch: Shane Black

LV: Brett Halliday: Bodies are where you find them, 1941

Zuerst stolpert Einbrecher Harry Lockhart auf seiner Flucht vor der Polizei in einen Vorsprechtermin und erhält prompt eine Filmrolle. Als er über eine Hollywood-Party stolpert, trifft er seine Jugendliebe Harmony Faith Lane und, als er zwecks Rollenstudium, mit einem knallharten PI Gay Perry (schwul) durch die Straßen Hollywoods schlendert, stolpern sie alle in einen undurchsichtigen Komplott, der direkt aus einem Film der Schwarzen Serie stammen könnte.

Köstliche Liebeserklärung an die Pulps, der natürlich nur lose auf dem Mike-Shayne-Roman basiert, aber dafür ausführlich Chandler zitiert (Zwischentitel, Voice-Over,…).

first significant neo-noir of the twenty-first century” (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)

mit Robert Downey Jr., Val Kilmer, Michelle Monaghan, Corbin Bernsen, Rockmond Dunbar

Wiederholung: Mittwoch, 30. September, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kiss Kiss Bang Bang“

Spike: Interview mit Shane Black (17. Oktober 2005)

Drehbuch „Kiss, Kiss, Bang, Bang“ von Shane Black (Fassung vom 21. November 2003)


Brenner, back in action

September 28, 2009

Haas - Der Brenner und der liebe GottHaas - Brenner-Box

Der Herr Simon sitzt in einem Tankstellenshop und brütet vor seinem Kaffee. Still, introvertiert und lange. Als er schließlich zu seinem Auto zurückkehrt, ist sein Passagier, die zweijährige Helena, verschwunden und knappe 200 Seiten später hat es einige Tote gegeben und der Brenner einen weiteren Fall aufgeklärt.

Seinen siebten Fall.

Nach einer mehrjährigen Pause.

Die ersten sechs Brenner-Fälle erschienen innerhalb weniger Jahre zwischen 1996 und 2003. Am Ende von „Das ewige Leben“ ließ Wolf Haas sogar den Erzähler der Brenner-Romane sterben, weil er, so Haas in einem Interview, mit dem Brenner fertig war. Doch nach einer sechsjährigen Pause, in der er andere Romane veröffentlichte, hatte er wieder Lust auf seinen Privatdetektiv gehabt und schrieb „Der Brenner und der liebe Gott“.

Und die neue Geschichte, quasi die Ösi-Variante von „Transporter 2“, hat es in sich. Denn Brenner arbeitet inzwischen als Fahrer für die Familie Kressdorf. Sie ist eine Ärztin, die mit Abtreibungen ihr Geld verdient. Ihr Mann ein bekannter Bauunternehmer, der gerade ein großes Bauprojekt plant, in das – immerhin sind wir in einem Krimi – auch hochrangige (und entsprechend korrupte) Politiker involviert sind. Und der Eigentümer des Hauses, in dem die Abtreibungsklinik residiert, führt einen Kleinkrieg gegen die Ärztin. Denn er ist ein fanatischer Abtreibungsgegner.

Brenner hat also, nachdem er nach dem ersten Viertel des Buches von dem introvertierten Chauffeur Herr Simon wieder zu dem introvertierten Privatdetektiv Brenner wird, eine reichhaltige Auswahl an Verdächtigen. Weil er immer noch etwas langsam, aber sehr hartnäckig ist, gibt es am Ende mehrere Tote und einen handfesten Skandal, der mit österreichischer Lässigkeit unter den Teppich gekehrt wird.

Das klingt jetzt nach dem typischen Chaos der früheren Brenner-Romane, bei denen die Geschichte kaum nacherzählt werden kann. Denn diese war oft sehr dünn und sollte besser nicht zu genau auf Logik und Wahrscheinlichkeit überprüft werden. Wegen der Sprache und den Abschweifungen mit einem Hang zur Alltagsphilosophie waren die Romane dennoch eine gute Unterhaltung für einen langen Abend.

In „Der Brenner und der liebe Gott“ ist die Geschichte dagegen ein ziemlich geradliniger Privatdetektiv-Krimi, der in dem typischen Haas-Sound erzählt wird. Weil die Geschichte dieses Mal sogar nachvollziehbar und in sich schlüssig ist, ist der siebte Auftritt von Simon Brenner auch der bislang beste Brenner-Krimi von Wolf Haas.

Aber auch der beste Brenner-Roman ist nur halb so gut wie die Verfilmungen der Brenner-Romane „Komm, süßer Tod“, „Silentium!“ und „Der Knochenmann“ des Teams Murnberger/Hader/Haas mit dem grandiosen Josef Hader in der Hauptrolle.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Hoffmann und Campe, 2009

224 Seiten

18,99 Euro

Wolf Haas: Die 6 Brenner-Romane (im Schuber)

Hoffman und Campe, 2006

48 Euro

Die Ermittlungen von Brenner

Auferstehung der Toten (Rowohlt, 1996)

Der Knochenmann (Rowohlt, 1997)

Komm, süßer Tod (Rowohlt, 1998)

Silentium! (Rowohlt, 1999)

Wie die Tiere (Rowohlt, 2001)

Das ewige Leben (Hoffmann und Campe, 2003)

Der Brenner und der liebe Gott (Hoffmann und Campe, 2009)

Die Verfilmungen

Komm, süßer Tod (Aus 2000)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Barbara Rudnik, Michael Schönborn, Bern Michael Lade, Nina Proll, Wolf Haas

Silentium! (Aus 2004)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Rosie Alvarez, Johannes Silberschneider, Karl Fischer, Christoph Schlingensief, Herbert Fux, Wolf Haas

Der Knochenmann (Aus 2009)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Josef Bierbichler, Stipe Erceg, Birgit Minichmayr, Christoph Luser, Dokra Gryllus

Das ewige Leben (Aus 2011 – geplant)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Krimi-Couch über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Planet Interview: Interview mit Wolf Haas (zum Film „Silentium!“ und den Brenner-Romanen, 12. Februar 2005)

Vienna: Interview mit Wolf Haas (28. August 2009)

Kriminalakte über „Komm, süßer Tod“ und „Der Knochenmann“


TV-Tipp für den 28. September: Burn Notice

September 28, 2009

Vox, 22.05

Burn Notice: Kaltgestellt (USA 2007, R.: Jace Alexander)

Drehbuch/Erfinder: Matt Nix

Covert intelligence involves a lot of waiting around. Know what it’s like being a spy? Like sitting in your dentist’s reception area twenty-four hours a day. You read magazines, sip coffee, and every so often, someone tries to kill you.“ (die ersten Worte von Michael Westen in „Kaltgestellt“)

Nachdem in den letzten Jahren das Krimifernsehen fast nur aus „CSI“- und „Law & Order“-Klonen bestand, ist die ironische PI/Agentenserie „Burn Notice“ eine höchst willkommene Abwechslung. Denn in ihr werden keine Morde aufgeklärt.

US-Geheimagent Westen muss, nachdem er verbrannt ist, in Miami bleiben. Wenn er die Stadt verlässt, wird er von seinen früheren Bossen umgebracht. Weil sie auch seine Bankkonten gesperrt haben, muss er sich mit verschiedenen Jobs, die seinen Fähigkeiten entsprechen, über Wasser halten. Seine einzigen Freunde sind seine Ex-Freundin und IRA-Terroristin Fiona („A spy is just a criminal with a government paycheck.“), der Ex-Agent und Schürzenjäger Sam („You know spies. Bunch of bitchy little girls.“) und seine kettenrauchende Mutter, die ihrem Sohn einige sehr schlecht bezahlte Aufträge verschafft und auch sonst gerne seine Hilfe in Anspruch nimmt.

Michael Westen is Jim Rockford and MacGyver filtered through Carl Hiaasen.“ (LA Weekly)

Matt Nix erhielt für diese Folge den Edgar.

Mit Jeffrey Donovan (Michael Westen), Gabrielle Anwar (Fiona Glenanne), Bruce Campbell (Sam Axe), Sharon Gless (Madeline Westen)

Hinweise

USA Network über „Burn Notice“

Vox über „Burn Notice“

Wikipedia über „Burn Notice“ (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Michael Westen

Kriminalakte über „Burn Notice“

Bonus


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