Die Turner-Trilogie von James Sallis

Sallis - Dunkle SchuldSallis - What you have left

Das erste Mal begegnen wir Turner (wie Spenser und Parker: kein Vorname) auf der Veranda seiner einsam gelegenen Hütte irgendwo im Hinterland von Memphis. Ein Mann kommt zu ihn. Bis jetzt hat er noch nicht die Zeit für einen Besuch bei dem Zugezogenen Turner gehabt. Sie sitzen zusammen, trinken, schweigen. Richtige, gemütliche Südstaatenatmosphäre; – bis Turner seinen Besucher fragt: „Kann ich irgendetwas für Sie tun, Sheriff?“ Dieser antwortet; „Um die Wahrheit zu sagen, ich hatte irgendwie gehofft, Sie überreden zu können, mir zu helfen. Bei einem Mord.“

Denn der Erzähler Turner ist ein ehemaliger Polizist. Er war auch ein Sträfling und Psychotherapeut.

Alles, was ich wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden, und ich hatte enorme Schritte unternommen, um genau das sicherzustellen. Selten hatte ich mich beim Herumstreunen weit von der Hütte entfernt, hatte mir die Lebensmittel monatlich liefern lassen. Das letzte, was ich wollte, war, noch einmal Teil einer Ermittlung zu sein, im Leben anderer Leute herumwühlen, in ihrem Schlamassel und Fehlverhalten, im Irrsinn anderer Menschen, anderer Seelen“, erzählt Turner uns am Anfang von „Dunkle Schuld“.

Dass dieser Wunsch seines Ich-Erzählers nicht funktioniert, zeigt James Sallis in seinen drei literarisch beeindruckenden Turner-Romanen „Dunkle Schuld“ (Cypress Grove), „Cripple Creek“ und „Salt River“. Von Roman zu Roman kehrt Turner immer mehr zurück in die Gesellschaft. Im ersten Band freundet er sich mit dem Sheriff Lonnie Bates und dem Personal der kleinen Polizeistation an und verliebt sich in die Anwältin Valerie ‚Val‘ Bjorn. Im zweiten Band „Cripple Creek“ arbeitet er als Sheriff, seine Tochter taucht auf, wird seine Vorgesetzte und Val wird am Ende des Buches erschossen.

In „Salt River“ versucht Turner trotz dieses Verlustes weiterzuleben. Denn: „Sometimes you just have to see how much music you can make with what you have left. (…) I’m not sure how much I have left either. (…) As for me, I think maybe I’ve seen a few too many people die, witnessed too much unbearable sadness that still had somehow to be borne. I remember Tracy Caulding up in Memphis telling me about a science fiction story where these immortals would every century or so swim across a pool that relieved them of their memories, then they could go on. I wanted to swim in that pool.“

Aber die Erinnerungen lassen Turner nicht los. In „Dunkle Schuld“ springt James Sallis dabei kapitelweise von den aktuellen Ermittlungen in die Vergangenheit von Turner. Aufgrund dieser Struktur, in der auf den ersten Blick der Moloch Großstadt dem heilen Landleben gebenübergestellt wird, liest sich „Dunkle Schuld“ weniger wie ein stringend geplotteter Roman, sondern eher wie eine Sammlung von thematisch miteinander verknüpften Kurzgeschichten.

In „Dunkle Schuld“ wurde ein Obdachloser ermordet. Turner und Sheriff Bates finden heraus, dass er die Post vom Bürgermeister geklaut hat und es gibt eine Spur in die Welt der obskuren Filme die mit dem Aufkommen des Fernsehens verschwand.

Sallis, der alt genug ist, um einige dieser Z-Movies noch in einigen Provinz- und Autokinos gesehen zu haben, formuliert in „Dunkle Schuld“ eine kleine Liebeserklärung an diese untergegangene Welt. Weil James Sallis selbst ein Musiker ist, formuliert er in „Dunkle Schuld“ eine zaghafte Liebeserklärung an die Bluegrass-Music. In „Cripple Creek“ und „Salt River“ wird für Turner die Musik immer wichtiger. Und natürlich gibt es zahlreiche literarische Anspielungen. Wenn zum Beispiel am Stadteingang auf einem Schild „Pop. 1280“ steht, dann ist das ein deutlicher Hinweis auf den gleichnamigen Roman von Jim Thompson, den Noir und die Pulps.

Neben der Rückkehr seines Helden vom Eremitenorden zurück in die Gemeinschaft (auch wenn diese Gemeinschaft nur ein kleines Kaff ist, aus dem die Jungen flüchten) lässt James Sallis die Genrekonventionen immer mehr hinter sich. Während Turner wissen möchte, wie er nach all dem Leid, das er gesehen und erlebt hat, noch als soziales Individuum leben kann, will Sallis herausfinden, wie sehr er die Genrekonventionen dehnen kann ohne sie zu brechen.

In „Cripple Creek“ wird bei einer normalen Verkehrskontrolle ein Mann mit 200.000 Dollar erwischt. Als er gewaltsam aus dem Landgefängnis befreit wird, muss Turner zurück nach Memphis, der Stadt, in der er Polizist war, gehen.

In „Salt River“ kehrt der Sohn des Sheriffs überraschend zurück und fährt mit seinem Auto in den Eingang der City Hall. Und Eldon Brown, der mit Val als Musiker durch das Land touren wollte, kehrt ebenso überraschend zurück. Er soll einen Mord begangen haben, an den er sich nicht erinnert. Turner versucht ihm zu helfen.

Dabei entfernen sich „Cripple Creek“ und „Salt River“ so weit vom Genre, dass viele die Bücher kaum noch als Krimis einsortieren werden. Denn nachdem schon in „Dunkle Schuld“ der Krimiplot nebensächlich war, ist er in „Cripple Creek“ und „Salt River“ eigentlich nicht mehr vorhanden. Es sind in erster Linie Porträts eines Charakters und seiner pessimistisch-desillusionierten Weltsicht. Diese wird von James Sallis in knappen Sätzen skizziert. Wie ein Musiker, der sich mit zunehmendem Alter, nur noch die wichtigen Noten spielt, verknappt James Sallis seine Geschichten immer mehr. Im Original hat „Cypress Groove“ 255 Seiten, „Cripple Creek“ 192 Seiten und „Salt River“ 146 Seiten.

James Sallis erzählte mir in einem Interview, dass er das Buch immer mehr verkürzt hatte und irgendwann befürchtete, dass am Ende nichts mehr übrig bliebe.

Zum Glück hat er vorher aufgehört.

James Sallis: Dunkle Schuld

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2009

304 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

James Sallis: Cypress Grove

Walker & Company, 2003

272 Seiten

James Sallis: Cripple Creek

Walker & Company, 2006

208 Seiten

James Sallis: Salt River

Walker & Company, 2007

160 Seiten

Gesamtausgabe der Turner-Trilogie (Cypress Grove, Cripple Creek, Salt River) 2009 als „What you have left“

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‚Besprechung‘ von James Sallis‘ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Driver“ (Drive, 2005)

4 Responses to Die Turner-Trilogie von James Sallis

  1. […] 10 James Sallis: Dunkle Schuld […]

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