Peace in Berlin

Peace - Tokio im Jahr Null

Auf den ersten Blick unterscheidet sich „Tokio im Jahr Null“ nicht von den vorherigen vier Romanen von David Peace. Wie in den inzwischen für das englische Fernsehen verfilmten Krimis „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ wird die Geschichte in kurzen Absätzen und Dialogen erzählt. Es gibt viele Wiederholungen, die teilweise wegen des geänderten Schriftbildes, sofort auffallen und so dem Werk einen zum Vorlesen einladenden Rhythmus verleihen.

Außerdem wird wieder ein Serienkiller gejagt. War es im Red Riding Quartett der auch in der Realität mordende Yorkshire Ripper, ist es in „Tokio im Jahr Null“ der ebenfalls wahre Fall des Serienkillers Yoshio Kodaira.

David Peace hält sich in seinem neuesten Werk zwar an die Fakten, aber im Mittelpunkt steht nicht Kodaira, sondern der vom Krieg traumatisierte Inspektor Minami. Als er in einem Park zwei weibliche Leichen findet, erinnert er sich an einen früheren Fall. Während der Ermittlungen muss er immer weiter in die Vergangenheit zurückgehen und gegen behördeninterne Schikanen kämpfen. Eine wichtige Akte fehlt. Er soll den Fall schließen. Seine Untergebenen beschweren sich über seine Führungsqualitäten und er wird zu Ermittlungen in die Provinz geschickt. Sowieso gehorchen die Ermittlungen nicht dem Diktat der Beweise, sondern politischen Erwägungen. Gleichzeitig soll eine zweite Säuberungswelle unzuverlässige und störende Polizisten entfernen. Minami glaubt, dass auch er zu den Opfern dieser Säuberung gehören soll.

Außerdem leistet er für einem Gangster Spitzeldienste und er bekommt, als Entlohnung für seinen Verrat, Drogen.

Das klingt jetzt nach der nächsten 08/15-Noir-Version von „Bad Lieutenant“. Daran ändert auch der unverbrauchte Handlungsort nichts. Und dass, wie der Ich-Erzähler Minami mehrmals betont, niemand der ist, der er zu sein scheint, ist für Krimifans auch nicht gerade neu. So weit, so konventionell.

Das Besondere an „Tokio im Jahr Null“ ist, wie immer bei Peace, die Sprache. Denn er schildert den geistigen Verfall von Minami in kurzen Sätzen. Dabei unterscheidet er nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen. Alles ist für ihn gleich wichtig. Alles wird in dürren, sich auf die Fakten konzentrierenden Worten geschildert. Gleichzeitig werden bestimmte Worte und Sätze immer wieder wiederholt. Es stellt sich eine bleierne Schwere ein, die den sich langsam ausbreitenden Wahnsinn von Minami kongenial spiegelt.

Das ist brillant durchkomponiert, aber auch über weite Strecken monoton zu lesen. „Tokio im Jahr Null“ ist eine formal bestechende, aber nie wirklich packende humorlos-klinische Studie. Denn letztendlich berührt einem Minamis Schicksal nicht.

Heute Abend stellt David Peace in Berlin seinen Roman vor.

 

David Peace: Tokio im Jahr Null

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2009

416 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Tokyo Year Zero

Faber & Faber, London 2007

Lesung

Freitag, den 6. November 2009, 20.00 Uhr

F 40 – English Theatre Berlin (Fidicinstraße 40, Berlin-Kreuzberg, Nähe U-Bahn „Platz an der Luftbrücke“)

Theaterschauspieler Werner Eng liest die deutschen Passagen; Ekkehard Knörer moderiert

Hinweise

Wikipedia über Yoshio Kodaira

Druckfrisch: David Peace redet über „Tokio im Jahr Null“ (Die Kamera ist gewohnt nervig.)

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

7 Responses to Peace in Berlin

  1. […] 3 (1) David Peace: Tokio im Jahr Null […]

  2. […] 1. Platz: David Peace: Tokio im Jahr Null (Tokyo Year Zero) (Liebeskind) […]

  3. […] 3 David Peace: Tokio im Jahr Null […]

  4. […] Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007) […]

  5. […] die grandiose Verfilmung der Red-Riding-Romane von David Peace. Es ist zwar eine Fernsehproduktion, aber die Bilder schreien nach der großen […]

  6. […] Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007) […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: