Tatort-Romane – zum Ersten

Der „Tatort“ ist seit Jahrzehnten ein fester Anlaufpunkt für den Sonntagabend. Seit einigen Jahren ist er sogar „Kult“, aber bis jetzt gab es nur einige spärliche Versuche, die Erfolgsmarke „Tatort“ in andere Medien zu übertragen. Seit letztem Jahr gibt es den mäßig erfolgreichen Radio-Tatort. Demnächst werden einige willkürlich ausgewählte „Tatorte“ auf DVD veröffentlicht und kürzlich sind sechs „Tatort“-Romane erschienen. Es sind Romanfassungen von bereits ausgestrahlten „Tatorten“ mit vier altbekannten und zwei neuen Teams. Und, soviel kann schon verraten werden: sie sind alle, eine gewisse „Tatort“-Affinität vorausgesetzt, lesenswert.

Beginnen wir vor meiner Haustür. In Berlin ermitteln die Kommissare Till Ritter (Typ: Großstadtcowboy) und Felix Stark (kein Typ, nur ein alleinerziehender Vater). Als sie begannen, war die senderinterne Parole, den Berlin-Tatort von seinem wirklich ganz schlechten Image zu befreien. Das ist auch gelungen. Denn auch ohne die rosarote lokalpatriotische Brille können die Berliner „Tatorte“ goutiert werden. Aber besser ist noch lange nicht gut. Das zeigt auch die von Oliver Wachlin geschriebene Romanfassung von „Blinder Glaube“. Es geht um medizinische Experimente, Förderung von Gründern und um den Hightech-Standort Berlin. Das sind spannende Themen für einen Wirtschafts- und Wissenschaftsthriller, die hier zu in einer hoffnungslos konfusen Geschichte verbraten werden. Die Kommissare Ritter und Stark müssen den Mord an der Chefärztin einer Uni-Augenklinik aufklären. Sie war eine wichtige Mitarbeiterin eines Projektes, das mittels eines Chips Blinde wieder sehen lassen soll. Bei ihren Ermittlungen stellen die Kommissare schnell fest, dass die Projektleiter, die Chefs der damit verbundenen Firma und die Fördergeldgeber im Ministerium alle miteinander verbandelt sind. Mal verwandschaftlich, mal freundschaftlich, mal sexuell, mal seit Studientagen. In jedem Fall schanzen sie sich munter hochdotierte Aufträge zu und nehmen es mit der Wahrheit in den Unterlagen nicht so genau. Als ob das Auseinanderklamüsieren der verschiedenen Beziehungen nicht schon kompliziert genug wäre, dürfen beide Kommissare sich mal wieder verlieben. Felix Stark in eine blinde Patientin. Till Ritter – Überraschung! – in eine Verdächtige.

Das haben wir schon gefühlte Tausendmal gesehen und weil zu viele, austauschbare Charaktere durch die Geschichte stolpern, entsteht schnell das Gefühl, in einem Edgar-Wallace-Film zu sein. Das ist beim Ansehen (zum Beispiel wenn Ritter seine Tango-Stunden nimmt) noch halbwegs vergnüglich, aber in Romanform doch eher langweilig. „Blinder Glaube“ ist der schwächste „Tatort“-Roman.

Überhaupt nicht langweilig ist dagegen „Die Blume des Bösen“. Denn dieser Fall für die Kölner Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk funktioniert in erster Linie als Thriller. Ein Unbekannter ermordet einen lange zurückliegenden One-Night-Stand von Kommissar Ballauf und hinterlässt am Tatort eine rote Lilie. Schnell wird den Ermittlern klar, dass der Mörder sich an Ballauf rächen will. Aber welcher von den zahlreichen Verbrechern, die Ballauf in den vergangenen Jahren verhaftete, ist es? Und woher weiß er soviel über ihn?

Zusätzliche Brisanz gewinnt die Mörderjagd für den Single Ballauf, weil gerade jetzt seine Lieblingscousine Beatrice ins Krankenhaus muss und er sich bereit erklärt hat, auf ihre kleine Tochter aufzupassen.

Die Jagd nach dem Mörder bestimmt den Rhythmus von „Die Blume des Bösen“. Der mordet natürlich munter weiter und terrorisiert Ballauf zunehmend mit seinen Psycho-Spielen. Im Roman von Martin Schüller werden die Thriller-Momente noch stärker als im Film betont. Dafür wird die im Film sehr nervige und viel zu umfangreich gezeigte Geschichte von Ballaufs Zahnschmerzen heruntergespielt. Denn es ist nicht witzig und macht den Helden auch nicht sympathisch, wenn er sich tagelang mit mörderischen Zahnschmerzen durch die Geschichte jammert, anstatt sich einfach behandeln zu lassen.

Fortsetzung folgt

Oliver Wachlin: Blinder Glaube

Emons, 2009

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Blinder Glaube (D 2008)

Regie: Jürgen Bretzinger

Drehbuch: Andreas Pflüger

mit Boris Aljinovic, Dominic Raacke, Anne Kanis, Justus von Dohnányi, Jörg Gudzuhn, Gesine Cukrowski, Ernst-Georg Schwill, Veit Stübner

Erstausstrahlung: 31. August 2008 (Folge 703)

Martin Schüller: Die Blume des Böse

Emons, 2009

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Die Blume des Bösen (D 2007)

Regie: Thomas Stiller

Drehbuch: Thomas Stiller

mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Tessa Mittelstaedt, Joe Bausch, Nadeshda Brennicke, Jürgen Schornagel, Luzie Kurth

Erstausstrahlung: 1. Januar 2007 (Folge 651)

Hinweis

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

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One Response to Tatort-Romane – zum Ersten

  1. […] über seine Tatort-Romane (u. a. „Moltke„, „A gmahde Wiesn“, „Die Blume des Bösen„, […]

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