Tatort-Romane – zum Dritten

Bei Max Palü, der von 1988 bis 2005 in Saarbrücken ermittelte, war die Welt von Koch und Kellner noch in Ordnung. Stefan Deininger war der Kellner. In „Aus der Traum…“ macht er sich Hoffnungen auf den Chefposten. Aber dann kommt dieser Franz Kappl aus Bayern und der soll Chef der Saarbrücker Mordkommission werden. Deininger reagiert auf diese Nachricht, die er natürlich während seiner Geburtstagsfeier erhält, wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wird.

Dass die Beiden wenige Minuten nach ihrem ersten Aufeinandertreffen gleich einen komplizierten Mordfall haben, verstärkt ihre gegenseitige Abneigung. Denn die Tote ist Kathi Schaller. Deininger war in die junge, gutaussehende Kollegin verliebt und damit ist er für Kappl auch einer der Verdächtigen.

Und Deininger will, indem er Kathis Mörder fängt, beweisen, dass nur er den rechtmäßigen Anspruch auf Palüs Nachfolge hat. Dafür bedient er sich hemmungslos seiner guten Saarbrücker Verbindungen und lässt den Bayern so oft und so gut es geht auflaufen.

Das gestaltet sich etwas schwierig, weil Deininger blind vor Wut ist und sich so täppisch benimmt, dass er Kappl für saftige Disziplinarmaßnahmen eine Steilvorlage nach der nächsten liefert. Außerdem ist der sehr junge Kappl ein guter Ermittler, mit einigen Fortbildungen bei der New Yorker Polizei und einem großen Vertrauen in moderne Ermittlungsmethoden.

Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer erfanden die erstaunlich schwache Geschichte, die Martin Conrath zu einem Roman umarbeiten durfte. Denn in „Aus der Traum…“ entwickelt sich alles in den vertrauten Pfaden. Nachdem sich Kappl und Deininger lange genug angekläfft haben, sind sie am Ende der Geschichte die besten Freunde und seitdem natürlich auch formal gleichberechtigte Ermittler. Der Fall selbst wird von diesem Revierverhalten an den Rand gedrängt und am Ende ziemlich schnell aufgeklärt.

Conrath machte das Beste aus der vermurksten Vorlage. Die ersten Zeilen, wenn der normalerweise superpünktliche Kappl verzweifelt durch die Einbahnstraßen von Saarbrücken irrt, sind ein gelungener Einstieg. Sehr schön sind auch die vielen aus der Kappls oder Deiningers Sicht erzählte Szenen, in denen Conrath die gegenseitige Abneigung zur von den TV-Machern unbeabsichtigten Karikatur treibt. Auch die anderen Charaktere, wie das schon aus Palüs Tagen bekannte Team in der Saarbrücker Mordkommission und der tatverdächtige, vorbestrafte, begnadete und erfolglose Musiker Charlie Wax (Klischees, ich hör euch trapsen.) werden plastisch gezeichnet. Aber letztendlich hilft es nicht, wenn der zentrale Konflikt zwischen den beiden Ermittlern nicht funktioniert, der Mordfall schwach ist und ein biederer Humor („Madame Maigret“) für Lacher sorgen soll.

Fast vor meiner Haustür, in Leipzig, endet die Lesereise durch die „Tatort“-Romane. Dort ermittelt, nach dem lange überfälligem Weggang von Kommissar Bruno Ehrlicher, das Team Saalfeld/Keppler und die ersten Meldungen ließen das Schlimmste befürchten. Denn die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler waren miteinander verheiratet und müssen jetzt zusammenarbeiten. Bei dieser Konstruktion hört man schon die Ideenmaschine der Macher, die stockbesoffen vor Begeisterung über ihre Idee sind, rattern. In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ wird dieser Punkt aber erstaunlich erwachsen und prosaisch abgehandelt. Sie haben sich nach der Scheidung viele Jahre nicht gesehen, sind aber immer in Kontakt geblieben und als Eva Saalfeld die designierte Leiterin der Leipziger Mordkommission wurde, wünschte sie sich Andreas Keppler als Kollegen, weil er einfach der beste Ermittler ist.

Denn während Eva Saalfeld das Mädchen von nebenan ist, mit dem man Pferde stehlen kann, ist Andreas Keppler ein kleiner Sherlock Holmes. Introvertiert, menschlich schwierig, allein lebend, aber ein genauer Beobachter, der nur für seine Arbeit lebt. Er puzzelt an seinen Fällen so lange herum, bis er die Lösung hat.

In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ suchen sie den Mörder von Hans Freytag. Er hatte in einer leerstehenden Fabrik eine Art Jugendzentrum aufgebaut und versuchte den Jugendlichen mit der Renovierung eines Schiffes Selbstvertrauen zu geben. Allerdings hatte ihn seine Frau angezeigt, ihre Tochter unsittlich berührt zu haben. Eine Bürgerwehr forderte den Tod von Kinderschändern wie Freytag. Keppler und Saalfeld fragen sich, ob einer der gesetzestreuen Bürger das Gesetz in die eigenen Hände genommen hat.

Bei ihren Ermittlungen stellen die Beiden schnell fest, dass es zur Tatzeit in der Fabrik wie in einem Taubenschlag zuging. Keppler hat daher einiges zu puzzeln.

Todesstrafe“ ist der gelungene Einstieg eines neuen Teams. Bei der Entwicklung wurde sich wirklich bemüht, ein stimmiges Gespann und eine spannende Geschichte zu erfinden. In seinem Filmroman liefert Oliver Wachlin dann Informationen zu den beiden Ermittlern und den etwas seltsamen Ermittlungsmethoden von Keppler. Denn er will einen Tatort vor den Kriminaltechnikern besichtigen. Dass er damit jede moderne Polizeiarbeit grandios torpediert und er teilweise sogar Spuren vernichtet (wenn er sich durch ein Fenster schwingt, durch das vorher wahrscheinlich der Täter flüchtete, er über mehrere Hinterhöfe die Spur des Täters verfolgt und in einem Müllcontainer nach Beweisen sucht) muss als ein – sehr großes – Zugeständnis an die Fiktion genommen werden, das man zähneknirschend hinnimmt, weil Keppler ein einprägsamer Charakter ist, der hoffentlich künftig Fälle lösen darf, die seinen intellektuellen Fähigkeiten entsprechen. Dass dafür dann das gleichberechtigte Ermittlerpaar (mit ihr als Vorgesetzte) hin zu einem traditionellen Sherlock-Holmes/Dr.-Watson-Gespann aufgelöst würde, wäre eine willkommene Abwechslung im „Tatort“-Einerlei von gleichberechtigten Ermittlern, ihrem ausuferndem Privatleben und eine Hinwendung zu einem Ermittler, für den spezielle Fälle geschrieben werden.

Das ist jedenfalls das in Wachlins Romanfassung liegende Versprechen. Ob es eingelöst wird, kann in den nächsten Fällen des Teams Eva Saalfeld/Andreas Keppler (die ich noch nicht gesehen habe) geprüft werden.

 

Fortsetzung folgt im Frühjahr 2010

 

Martin Conrath: Aus der Traum…

Emons, 2009

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Aus der Traum… (D 2006)

Regie: Rolf Schübel

Drehbuch: Fred & Léonie-Claire Breinersdorfer

mit Maximilian Brückner, Gregor Weber, Alice Hoffmann, Hartmut Volle, Lale Yavas, Urs Fabian Winger, Burghart Klaußner, Lena Stolze, Andreas Schmidt

Erstausstrahlung: 15. Oktober 2006 (Folge 643)

Oliver Wachlin: Todesstrafe

Emons, 2009

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Todesstrafe (D 2008)

Regie: Patrick Winczewski

Drehbuch: Mario Giordano, Andreas Schlüter

mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Julia Richter, Roman Knižka, Nadja Engel, Oliver Breite, Gitta Schweighöfer, Matthias Brenner

Erstausstrahlung: 25. Mai 2008 (Folge 700)

Hinweise

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

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2 Responses to Tatort-Romane – zum Dritten

  1. […] Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todes… […]

  2. […] Meine Besprechung von Oliver Wachlins Tatort-Roman „Todesstrafe“ (2009, mit dem Team Saa… […]

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