Surrogate, Sachbeschädigungen und einige Morde

Mit „Tron“ und den Romanen von William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson tauchten wir vor Jahren, als wir das Internet noch nicht kannten, in den Cyberspace ab.

Der erste „Matrix“-Film (die beiden grottigen Fortsetzungen lassen wir links liegen) drehte dann die ganze Sache etwas um – und etliche SF-Autoren monierten zu Recht die Logikschwächen dieser Konstruktion.

Robert Venditti drehte mit seinem Comicdebüt „The Surrogates“ diese Denkschraube noch etwas weiter. Denn während in den Cyberpunk-Romanen immer klar war, dass die Akteure in der realen Welt leben und der Cyberspace eine rein elektronische Welt ist, die allerdings vielfältig mit der realen Welt verknüpft ist und sie auch beeinflusst, ist das bei Venditti anders. Jedenfalls irgendwie. Denn es gibt keinen Cyberspace, aber die Menschen verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. Sie schicken Surrogate – menschlich aussehende Roboter, die von ihnen gesteuert werden – nach draußen. Insofern ist der Cyberspace, in dem wir jede gewünschte Identität annehmen können und folgenlos Erfahrungen sammeln können, ein Teil der Wirklichkeit geworden.

Das ist auf den ersten Blick eine faszinierende Idee und Autor Robert Venditti und Zeichner Brett Weldele setzen sie auch kongenial um. Auf den zweiten Blick ist es aber auch ein ziemlicher Unfug. Denn wahrscheinlich wird es, außer in „Blade Runner“, nie Roboter geben, die von Menschen nicht mehr unterschieden werden können. Aber diese Replikanten agierten selbstständig. Die Surrogate sind dagegen ferngesteuerte Hüllen. Es wird also eine gewaltige Rechnerleistung beanspruchen, diese Roboter durch die gesamte Metropole fernzusteuern. Und es stellt sich die Frage, warum ein solch riesiger Aufwand betrieben werden sollte.

(Das heißt nicht, dass es in naher Zukunft nicht mehr spezielle ferngesteuerte Arbeitsroboter gibt, die für Menschen gefährliche oder monotone Tätigkeiten, wie dem Entschärfen von Bomben und dem Bau von Häusern und Tunnels, übernehmen.)

Dennoch gibt es in Vendittis und Weldeles 2054 spielendem Comic in Central Georgia Metropolis diese sich stellvertretend für echte Menschen durch die Stadt bewegenden Surrogate. Es gibt für uns normale Verbrechen, wie Einbruch, Diebstahl und Mord, praktisch nicht mehr. Es gibt dagegen öfters Sachbeschädigungen – an den Surrogaten. Auch jetzt müssen der ältere Polizist Harvey Greer und sein jüngerer Partner Pete Ford wieder so einen Fall von Sachbeschädigung aufklären. Während eines Gewitters sterben bei einem Liebesspiel in einer dunklen Gasse zwei Surrogate. Die erste Vermutung der Polizisten, dass sie durch einen Blitzschlag verkohlt sind, wird durch die Obduktion und Aufzeichnung der letzten Minuten der Surrogate widerlegt. Ein maskierter Mann hat sie mit einem Stromschlag gebraten. Greer und Ford beginnen diesen Mann zu suchen. Als nächstes werden die Surrogate von zwei Wächtern von Clark Technologies gebraten und eine EMP-Offensivsystem gestohlen. Greer glaubt, dass der Täter einen größeren Rachefeldzug gegen die Surrogate plant.

Nachdem bei einem Zusammentreffen mit ihm Greers Surrogat zerstört wird, muss er seine Wohnung verlassen.

Unter dem Deckmantel einer actionhaltigen Whodunit-Geschichte behandelt „The Surrogates“ auch philosophische Fragen, wie was das Menschsein ausmacht und welche Realität wir wollen: die geschönte aus der Werbung oder die ungeschönte.

Das ist kein Selbstbewusstsein, sondern die Wirklichkeit. Das hier ist es, wer ich bin, und wenn ich mich verlinke, ändert sich daran nichts.“

Wenn ich verlinkt bin, sehe ich jünger aus. Ich fühle mich jünger. Wenn das nicht die Wirklichkeit ist, dann weiß ich nicht, was.“

Weldele zeichnete die Geschichte mit klaren Strichen und meist einfarbigen Panels, die fast wie ein Storyboard für einen Film wirken.

Und in Hollywood ist „The Surrogates“ auch gelandet.

Die gleichnamige Verfilmung von Jonathan Mostow läuft heute in den Kinos an. Das Drehbuch ist von Michael Ferris und John Brancato. Auf ihr Konto gehen auch der grandiose David-Fincher-Film „The Game“, die Gurke „Catwoman“ und die beiden letzten „Terminator“-Filme. Bruce Willis übernahm die Hauptrolle. Das Konzept der Surrogaten wurde aus der Graphic Novel übernommen. Die Story, wie schon der Trailer zeigt, wurde etwas aufgepeppt. Optisch sieht der mit 88 Minuten ungewöhnlich kurze SF-Thriller jetzt wie die Bruce-Willis-Version der freien Isaac-Asimov-Verfilmung „I, Robot“ aus. Also „Stirb langsam, Roboter“.

Robert Venditti/Brett Weldele: The Surrogates

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult, 2009

208 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

The Surrogates

Top Shelf Productions, 2006/2009

Verfilmung

Surrogates (USA 2009)

Regie: Jonathan Mostow

Drehbuch: Michael Ferris, John Brancato

mit Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, James Cromwell, Ving Rhames

Hinweise

Homepage von Robert Venditti

Homepage von Brett Weldele

UGO: Interview mit Robert Venditti (13. April 2009)

BC Refugee Blog: Interview mit Robert Venditti (12. Oktober 2009)

Comicgate: Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (7. November 2009)

Slam Multimedia: Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (2009)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Surrogates“

2 Responses to Surrogate, Sachbeschädigungen und einige Morde

  1. […] LV: Robert Venditti/Brett Weldele: The Surrogates, 2006/2009 (The Surrogates) […]

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