James Ellroys Herr der Ringe: die „Underworld USA“-Trilogie

Erschöpfung.

Und Erleichterung.

Das sind die Gefühle, die sich nach der kompletten Lektüre von James Ellroys Unterwelt-Trilogie einstellen. Denn die Lektüre von „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Alptraum“ und „Blut will fließen“ in einem Rutsch ist weniger eine aufregende Reise durch fünfzehn Jahre US-amerikanischer Geschichte, als viel mehr ein ermüdender Boxkampf der irgendwann in ein stupides Catchen ausartet, bei dem man nur noch auf den erlösenden Gong wartet.

Aber James Ellroys Underworld-Trilogie sollte wahrscheinlich nicht als Roman gelesen werden. Vor allem nicht als Roman, der sich an die normalen Konventionen mit unterscheidbaren Haupt- und Subplots und unterscheidbaren Haupt- und Nebencharakteren hält. Sie sollte eher wie eine TV-Serie, die zwischen 1958 und 1972 spielt, genossen werden, in der viele Handlungsstränge, mehr oder weniger gleichzeitig, mehr oder weniger miteinander verknüpft, parallel ablaufen und am Ende des Buches, wie am Ende einer Staffel, ein Cliffhanger ist. Denn die nächste Staffel soll auch gesehen, der nächste Roman gelesen, werden.

So endet „Ein amerikanischer Thriller“ wenige Minuten vor der Ermordung von John F. Kennedy und „Ein amerikanischer Alptraum“ beginnt wenige Minuten nach der Ermordung von John F. Kennedy. Der Roman endet mit dem Tod von Martin Luther King und Bobby Kennedy.

Blut will fließen“ endet mit dem Tod von J. Edgar Hoover; – einem der ganz wenigen Charaktere, die in allen drei Büchern mitspielen. Insofern ist die Trilogie auch eine Chronik der letzten fünfzehn Jahre von Hoover, seiner zunehmenden Paranoia, seinem körperlichem Verfall und dem Verfall seiner Welt.

Ellroy lässt, neben Hoover, viele Personen der Zeitgeschichte auftreten und erzählt die Geschichte dieser Jahre in zahlreichen Episoden aus der Perspektive von einigen Troubleshootern, die zwischen den Fronten hin- und herspringen, Doppel-Doppelspiele (manchmal auch Doppel-Doppel-Doppelspiele) treiben und anscheinend in jedes wichtige Ereignis dieser Jahre irgendwie involviert sind. Auf die immerwährende Solidarität eines Charakters ist kein Verlass und letztendlich ist jeder Charakter ersetzbar.

Außerdem, auch das erinnert an TV-Serien mit einer folgenüberspannenden Geschichte (wie „24“ „The Shield“ und „The Sopranos“), entwickelt sich der Hauptplot teilweise im Hintergrund, während einzelne Episoden (die man manchmal auch ohne Verlust für die gesamte Erzählung in den Papierkorb hätte werfen können) die Aufmerksamkeit wachhalten.

In „Ein amerikanischer Thriller“ ist der Hauptplot der Aufstieg von John F. Kennedy als beliebter Senator und Kandidat für die Präsidentschaft bis zu zu seiner Ermordung.

In „Ein amerikanischer Alptraum“ ist der rote Faden der Wunsch von Howard Hughes die Casinos von Las Vegas zu kaufen.

In „Blut will fließen“ ist die sehr lose erzählerische Klammer die Jagd nach den Räubern, die bei einem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter mehrere Millionen Dollar und wertvolle Smaragde erbeuteten.

Abgesehen von diesem „Hauptplot“ (Ja, auch darüber kann gestritten werden.) sind alle drei Bände ähnlich aufgebaut. Es gibt mehrere Handlungsstränge, viele Episoden, die die wichtigen Charaktere zu allen wichtigen und weniger wichtigen Orten der US-amerikanischen Politik führen, unglaublich kleinteilige Schilderungen von bestimmten Komplotten und im letzten Drittel (fast so, als sei Ellroy der Gedanke kommen, dass er jetzt langsam zum Schluss kommen müsse und er dafür die verschiedenen losen Fäden irgendwie miteinander verknüpfen muss [aber das kann nicht stimmen, weil Ellroy sagt, er plane seine Romane genau und er erstelle unglaublich detaillierte Exposés, in die er später vor allem die Dialoge einfüge) gibt es dann plötzlich den Plan, eine wichtige Person zu ermorden (John F. Kennedy, Bobby Kennedy, Martin Luther King, J. Edgar Hoover).

Und immer wieder werden wichtige Charaktere sehr lieblos in einem Halbsatz oder zwischen zwei Kapiteln ermordet.

Im ersten Band der Trilogie ermüdet, wie auch in den beiden Folgebänden, die oft unglaubliche kleinteilige Erzählweise, die immer wieder von Schlagzeilen und zusammenfassenden Berichten unterbrochen wird. Denn bei vielen Szenen ist ihre mögliche Bedeutung für die weitere Handlung unklar.

Der zweite Band ist mit seinen Stummelsätzen und den ständigen Zeitsprüngen einfach unlesbar. Denn alle zwei Zeilen stockt der Lesefluss, aber dafür steigt die Bewunderung für den Übersetzer, der zwischen dem ständigen „sagte“ und „sagt“ nicht den Überblick verlor.

Im dritten Band hat Ellroy diesen „Fehler“ (O-Ton Ellroy) berichtigt. Die Sätze sind jetzt wieder länger und es wird, wie schon „Ein amerikanischer Thriller“, wieder fast durchgängig im Imperfekt erzählt.

Aber ein richtiger Lesefluss entsteht immer noch nicht. Denn man muss ja immer noch die verschiedenen Handlungsstränge verfolgen und sich öfters durch ein halbes Kapitel lesen, bis endlich deutlich wird, welche Charaktere in der Szene auftreten. Denn Ellroys Hauptcharaktere unterscheiden sich bis auf ihr Alter kaum voneinander und er beginnt ein Kapitel gerne, indem er die Namen der in der Szene auftretenden Charaktere zunächst verschweigt und einfach mit einem unpersönlichen „er“ beginnt, bei dem nur sicher ist, dass dieser „er“ nicht der „er“ des vorherigen Kapitels ist.

Bei „Blut will fließen“ wäre, noch stärker als in den ersten beiden Bänden, ein Beschränken auf ein, zwei Hauptplots besser gewesen. Denn neben dem Überfall auf den Geldtransporter, der „Operation Bööööser Bruder“, der aufstrebenden Hippie-Bewegung, den Hinterhöfen der US-amerikanischen Politik, dem Plan der Mafia, in der Dominikanischen Republik Kasinos zu bauen, gibt es auf den gut achthundert Seiten noch einige Plots, die die Aufmerksamkeit beanspruchen und den Wunsch wecken, sich während des Lesens eine Grafik, mit den auftretenden Personen und ihren möglichen Beziehungen zueinander, zu erstellen.

So ist die Unterwelt-Trilogie ein Epos mit vielen Charakteren, die etwas besinnungslos durch die auf den ersten Blick labyrinthische, auf den zweiten Blick sehr banale Geschichte stolpern.

Dabei kann James Ellroy es, wie er in „L. A. Confidential“ zeigte, besser.

Underworld USA

James Ellroy: Ein amerikanischer Thriller

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 1998

768 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hoffmann und Campe, 1996

Originalausgabe

James Ellroy: American Tabloid

Alfred A. Knopf, New York 1995


James Ellroy: Ein amerikanischer Alptraum

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2003

848 Seiten

10,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 2001

Originalausgabe

The Cold Six Thousand

Alfred A. Knopf, New York 2001


James Ellroy: Blut will fließen

(übersetzt von Stephen Tree)

Ullstein, 2010

784 Seiten

24,90 Euro

Originalausgabe

Blood’s a rover

Alfred A. Knopf, New York 2009

Hinweise

Wikipedia über James Ellroy (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über James Ellroy

Englische James-Ellroy-Fanseite

Noch eine James-Ellroy-Fanseite

James Ellroy in der Kriminalakte

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5 Responses to James Ellroys Herr der Ringe: die „Underworld USA“-Trilogie

  1. […] Meine Besprechung von James Ellroys Unterwelt-Trilogie […]

  2. […] 5 James Ellroy: Blut will fließen […]

  3. […] Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerik… […]

  4. CASINO sagt:

    CASINO

    James Ellroys Herr der Ringe: die „Underworld USA“-Trilogie | Kriminalakte

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