DVD-Kritik: „Two Lovers“ – James Grays vierter Streich

Ein Liebesfilm in der Kriminalakte?

Ich könnte jetzt einen langen Vortrag beginnen, dass Krimis eigentlich Liebesgeschichten sind undsoweiterundsofort.

Oder ich sage einfach nur: JAMES GRAY.

Genau, der James Gray, der bis jetzt drei fantastische Gangsterfilme, die er mit präzisen Sozialstudien und Familiengeschichten verband, drehte. „Little Odessa“, „The Yards“ und „Helden der Nacht“ hießen die in New York, vornehmlich Brighton Beach/Brooklyn, spielenden Filme, für die er auch immer das Drehbuch schrieb und immer wieder eine erkleckliche Zahl bekannter Schauspieler engagieren konnte.

Auch sein neuester Film „Two Lovers“ fügt sich nahtlos in sein bisheriges Werk ein und zeigt, wieder einmal, dass er zu den am meisten unterschätzten Geschichtenerzählern gehört. Wieder spielt sein Lieblingsschauspieler Joaquin Phoenix mit und wieder zeigt Phoenix in seinem bislang letztem Film eine beeindruckende Leistung als Leonard Kraditor, der nach einem psychischen Zusammenbruch seit vier Monaten wieder bei seinen Eltern lebt und versucht sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Seine Eltern (Isabella Rossellini, Moni Monoshov) wollen ihn mit Sandra Cohen (Vinessa Shaw) verkuppeln. Sandra hat sich, nachdem sie ihn in der Kleiderreinigung seiner Eltern gesehen hatte, in ihn verliebt. Sie ist die Tochter eines Geschäftskonkurrenten und auch ihre Eltern stünden einer Ehe wohlwollend gegenüber.

Aber Leonard verliebt sich in den blonden Engel Michelle Rausch (Gwyneth Paltrow). Sie ist die Geliebte des reichen, verheirateten Ronald Blatt (Elias Koteas) und hat absolut kein sexuelles Interesse an Leonard. Für sie ist er nur der nette Nachbar von nebenan.

Gray konzentriert sich in seiner von Fjodor Dostojewskis Kurzgeschichte „Weiße Nächte“ inspirierten, hübsch doppeldeutig betitelten Geschichte (das ist einer der raren Fälle, in denen der Originaltitel besser als eine wörtliche Übersetzung ist) auf den einsamen Leonard und seine Entscheidung zwischen zwei Frauen und Lebensstilen.

Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.

Und dennoch ist James Gray immer noch viel zu unbekannt. Teils weil seine Filme keinen großen Kinostart erhielten, teils weil sie – wie „The Yards“ nach einer Pleite des deutschen Verleihs – nie in die Kinos kamen. Aber auch weil seine Filme auf modischen Schnickschnack verzichten und sich auf die derzeit unhippe Tradition des klassischen Erzählkinos und des europäischen Kinos, zwischen Frederico Fellini und Krzysztof Kieslowski, beziehen.

Sein Erzähltempo ist für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich langsam, aber immer entwickelt er bereits mit den ersten Bildern einen fatalistischen Sog, bei dem auf überraschende Plottwists und überraschende Enden verzichtet wird. Seine Charaktere scheinen äußeren Umständen und ihrem Schicksal ausgeliefert zu sein. Auch Leonards Schicksal ist von Anfang an vorherbestimmt, das Ende ist bittersüß und, je nach persönlicher Sicht, ist es ein gutes oder ein schlechtes Ende. Aber in jedem Fall ist es ein befriedigendes Ende.

Als Bonusmaterial gibt es lediglich drei geschnittene Szenen, die bis auf eine, die ich vielleicht drin gelassen hätte (sie zeigt Leonard mit seinen Eltern in der Reinigung), zu recht weggefallen sind, und einen sehr hörenswerten Audiokommentar von James Gray. Er erzählt von seinen Vorbildern im europäischen Kino, seinen ästhetischen Vorstellungen, den Dreharbeiten, welche Absichten er bei bestimmten Szenen hatte und wie die Schauspieler ihn mit ihren Improvisationen immer wieder überraschten.

Two Lovers (Two Lovers, USA 2008)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray, Rick Menello

mit Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow, Vinessa Shaw, Moni Moshonov, Isabella Rossellini, Elias Koteas

DVD

Senator

Bild: 2,35:1 (anamorph 16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar, Deleted Scenes, Trailer

Laufzeit: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die bisherigen Erkundungen New Yorks von James Gray

Little Odessa (Little Odessa, USA 1994)

Drehbuch: James Gray

mit Tim Roth, Moira Kelly, Edwad Furlong, Vanessa Redgrave, Maximilian Schell, Paul Guilfoyle

The Yards – Im Hinterhof der Macht (The Yards, USA 2000)

Drehbuch: James Gray, Matt Reeves

mit Mark Wahlberg, Joaquin Phoenix, Charlize Theron, James Caan, Faye Dunaway, Ellen Burstyn, Tony Musante, Victor Argo, Tomas Milian

Helden der Nacht (We own the Night, USA 2007)

Drehbuch: James Gray

mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Danny Hoch, Alex Veadov, Oleg Taktarov, Moni Monoshov, Tony Musante

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Wikipedia über „Two Lovers“ (deutsch, englisch)

IFC: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Spout Blog: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Coming Soon: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Collider: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

IndieWire: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

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3 Responses to DVD-Kritik: „Two Lovers“ – James Grays vierter Streich

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