Arkadi Renko kann’s nicht lassen

Mit „Die goldene Meile“ setzt Martin Cruz Smith seine Chronik der russischen Geschichte durch die Augen des widerborstigen und desillusionerten Polizisten Arkadi Renko fort. In einem Bauwagen am Jaroslawler Bahnhof, einem Bahnhof der US-titelgebenden „Drei Stationen“, wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Für Renkos Kollegen ist der Fall schon nach einem Blick auf die Tote klar: Selbstmord. Renko sieht das anders. Für eine Straßennutte sieht die Tote zu gut aus. Sie hat keine Verletzungen, Einstichstellen und blaue Flecken. Und sie hat die Karte für eine Milliardärsmesse bei sich. Renko ordnet – natürlich unter Missachtung des Dienstweges – eine Obduktion an. Der Gerichtsmediziner bestätigt seinen Verdacht: sie wurde ermordet.

Zur gleichen treibt sich Renkos Quasi-Ziehsohn Schenja in dem Bahnhof herum. Er trifft auf die junge, aus der Provinz kommende Maja, die behauptet, ihr Baby wurde entführt. Schenja will ihr helfen.

In dem siebten, ungewöhnlich kurzem Arkadi-Renko-Roman erzählt Martin Cruz Smith diese beiden Geschichten parallel hin zu einem doch etwas überstürzt wirkendem Ende. Aber für Smith sind diese beiden Geschichten nur die erzählerische Krücke, um ein aktuelles Sittenbild von Moskau und der Sowjetunion zu zeichnen. Damit führt er die mit „Gorky Park“ 1981 eher zufällig begonnenen Chronik der russischen Geschichte fort. Der kommerzielle Erfolg von „Gorky Park“ und die Popularität von Arkadi Renko waren sicher ein Motiv für weitere Renko-Romane. Aber erst acht Jahre später veröffentlichte Smith mit „Polar Star“ den zweiten Renko-Roman. Denn, so Smith in verschiedenen Interviews, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem rapiden Wandel der russischen Gesellschaft gab es für ihn etwas Neues zu erzählen. In seinen Renko-Romanen dokumentiert Smith diesen gesellschaftlichen Wandel und schickt seinen Helden zu den Brennpunkten und schmerzhaften Wunden der russischen Seele.

Auch in „Die goldene Meile“ ist der gesellschaftliche Hintergrund ein wichtiger Teil des Romans und der Grund den Roman zu lesen. Smith erzählt von den Drei Bahnhöfen; einem Gebiet, auf dem drei Eisenbahnstationen, zwei Metro-Linien und eine zehnspurige Autostraße sich treffen und eine unbekannte Zahl obdachloser Jugendlicher lebt. Er erzählt von dem unfassbarem Reichtum der neuen Milliardäre, ihren Treffpunkten und wie sie sich von der restlichen Bevölkerung abgrenzen. Er erzählt – wieder einmal – von einem an der Aufklärung von Verbrechen vollkommen desinteressiertem Staat. Renko ist am Anfang von „Die goldene Meile“ kaltgestellt. Er bekommt keine Fälle mehr und kann auch in dem Prostituiertenmord nur ermitteln, weil er einen alkoholkranken Kollegen vorschiebt. Der Gerichtsmediziner lebt inzwischen (natürlich illegal) an seinem Arbeitsort. Und Renko muss am Ende gegen seine Entlassung ankämpfen. Aber er fragt sich, ob er überhaupt noch Polizist in einem Staat sein will, der das Verbrechen nicht bekämpft.

In diesen Momenten gelingen Martin Cruz Smith immer wieder dichte Beschreibungen einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft. Sie sind der Grund „Die goldene Meile“ zu lesen.

Martin Cruz Smith: Die goldene Meile
(deutsch von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2010

256 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Three Stations

Simon & Schuster, New York 2010

(angekündigt für August 2010)

Hinweise

Martin Cruz Smith in Leipzig auf dem Blauen Sofa (Leipziger Buchmesse 2010)

Meine Besprechung von „Stalins Geist“ (Stalin’s Ghost, 2007)

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2 Responses to Arkadi Renko kann’s nicht lassen

  1. […] 2 (3) Martin Cruz Smith: Die Goldene Meile […]

  2. […] Die taz (Katharina Granzin) mit Martin Cruz Smith (Die goldene Meile). […]

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