Zeit zu sterben

Seit vier Jahren schicken die Autoren Jimmy Palmiotti und Justin Gray im Wilden Westen den Kopfgeldjäger Jonah Hex auf die Jagd nach Verbrechern. Gejagt wird auch im heutigen Manhattan in dem ebenfalls von ihnen geschriebenen Begleitbuch zu dem Videospiel „Prototype“.

Dort jagen die harten NYPD-Cops McKlusky und Ella Garcia eine unbekannte Bestie, die in einem U-Bahn-Schacht einen Berg zerfetzter Leichen hinterlassen hat. Gleichzeitig riegelt das Militär Manhattan ab. Zusammen mit der Söldnerarmee Blackwatch jagen sie Menschen, die von einem Virus infiziert wurden, der sie zu menschenfressenden Bestien macht. Dieser Virus brach vor vierzig Jahren aus einem geheimen Labor aus und seitdem jagt Peter Randall die Infizierten und tötet sie. Kollateralschäden inclusive. Nur so kann der Schaden für den Konzern Genteck minimiert werden. Und natürlich jagen die Infizierten Menschen. Außerdem springt ein Gestaltwandler durch die Panels.

Dieser Gestaltwandler Alex Mercer ist im Comic (im Gegensatz zum Spiel) nur eine Nebenfigur und deshalb in der sechsteiligen Miniserie ein rätselhaft-unwichtiger Charakter.

Die Story von „Prototype“ ist ein hübsch noirischer Thriller, in dem alles, was Genrejunkies zwischen wildgewordenen Monstern, durchgeknallten Militärs, einem alles beherrschendem militärisch-industriellem Komplex und zwei hartgesottenen Bulle lieben, aufgefahren wird.

In die in Manhattan spielende Geschichte von McKlusky und Garcia werden immer wieder Episoden aus der Vergangenheit eingefügt. In ihnen erzählen Palmiotti und Gray, warum Randall die Monster jagt und wo sie herkommen. Das entbehrt, wenn er und seine Männer 1969 in Idaho das Städtchen Hope einäschern, natürlich nicht einer schwarzhumorigen Ironie.

Obwohl „Prototype“ als sechsteilige Miniserie in sich abgeschlossen ist, steht auf der letzten Seite zutreffend „Ende?“. Denn in weiten Teilen wirkt „Prototype“ wie der Pilotfilm für eine aufregende TV-Serie.

Das Gefühl stellt sich so auf auf der letzten Seite von „Jonah Hex – Zeit zu sterben“ nicht ein. Denn hier erzählen Palmiotti und Gray sechs abgeschlossene, im Wilden Westen spielende Geschichten mit dem bekannt-berüchtigten Kopfgeldjäger Jonah Hex, der von Apachen mit einem glühend heißen Tomahawk im Gesicht entstellt wurde. Jetzt erkennt jeder ihn auf den ersten Blick. Dass Jonah Hex dabei, wenn er von Stammzeichner Luke Gross gemalt wird, wie Clint Eastwood in einem seiner klassischen Western zwischen „Für eine Handvoll Dollar“ und „Ein Fremder ohne Namen“ aussieht, gibt dann auch optisch eindeutig die Marschrichtung der sechs in dem ersten Jonah-Hex-Sammelband „Zeit zu sterben“ versammelten Geschichten an. Palmiotti und Gray erzählen, mit kleinen Variationen, die bekannten Westernsituationen, bevorzugt die des namenlosen Fremden, der in einer von Verbrechern beherrschten Stadt aufräumt, nach. Dabei macht Hex keine Gefangenen: „Nachdem er drei Jahrzehnte lang ein Leben voller Qualen durchlitten hatte, konnte Jonah Hex mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass Gott ihn hasste. Und Jonah tat sein bestes, um es dem Herrn mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Wenn ein Mann weiß, dass im Himmel kein Platz für ihn ist, ist es klug von ihm, sich beim Teufel beliebt zu machen. Und so hatte Jonah es auf sich genommen, so viele Sünder in die Hölle zu schicken, wie dort Platz fanden und nicht zurückzublicken.“

Dennoch fragt er sich am Ende der ersten Geschichte „Was dem Teufel gebührt“, ob sein Handeln wirklich im Widerspruch zu Gottes Wille stehe. In dieser Geschichte soll er einen entführten Jungen finde.

In „Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold“ wird aus einer Kirche ein Kreuz gestohlen. Als Jonah Hex es zurückholen will, muss er sich mit einem ganzen, aus Verbrechern bestehendem Ort anlegen.

In „Auge um Auge“ rettet Jonah Hex eine Siedlerfamilie vor einer Banditenbande. In der nächsten Stadt wird Hex vom Sheriff verhaftet. Denn der Anführer der Banditen war sein Bruder und er will dessen Tod rächen.

In „Als ich fast gestorben wäre“ bringt er einen Verbrecher Chako zurück in den Ort, in dem er die junge Mayleen vergewaltigt haben soll. Als sie ihm sagt, dass Chako unschuldig ist, versucht Hex ihm zu helfen.

In „Weihnachten mit den Gesetzlosen“, der einzigen Geschichte, die von Tony DeZuniga (dem Zeichner der ersten Jonas-Hex-Geschichten in den Siebzigern) gezeichnet wurde, sitzt Jonah Hex mit einem Gefangenen in einer abgelegenen, von Gesetzlosen belagerten Bahnstation, fest.

In „Eine Eichenkiste nach Texas“ muss Jonah Hex in einer kleinen Ortschaft, die von Schwester Agatha beherrscht wird, um sein Leben kämpfen.

Justin Gray/Jimmy Palmiotti (Autoren)/Darrick Robertson/Matt Jacobs (Zeichner): Prototype

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Prototype, Heft 1 – 6

Wildstorm, 2009

Jimmy Palmiotti/Justin Gray (Autoren)/Luke Gross (Zeichner): Jonah Hex – Zeit zu sterben (Band 1)

(übersetzt von Christian Heiß)

Panini Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Jonah Hex: Face full of violence (Vol. 1, # 1 – 6)

Titan-Books, 2006

enthält

Was dem Teufel gebührt (Giving the devil his due, Januar 2006)

Kugeln aus Silber, Kreuz aus Gold (Bullets of silver, cross of gold, Februar 2006)

Auge um Auge (Eye for an eye, März 2006)

Als ich fast gestorben wäre (The time I almost died, April 2006)

Weihnachten mit den Gesetzlosen (Christmas with the outlaws, Mai 2006)

Eine Eichenkiste nach Texas (Goin‘ back to Texas in a box, Juni 2006)

Hinweise

Blog von Jimmy Palmiotti

Wikipedia über „Prototype“ (deutsch, englisch)

Comic Book Resources: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über „Prototype“ (30. April 2009)

Wikipedia über „Jonah Hex“ (deutsch, englisch)

Living between Wednesdays: Interview mit Jimmy Palmiotti (1. April 2009)

Cinematical: Interview mit Justin Gray (30. Juni 2009)

Comic Gate: Interview mit Justin Gray und Jimmy Palmiotti über ihren neuen Comic „Splatterman“ (17. Februar 2010)


3 Responses to Zeit zu sterben

  1. […] der langerwartete Trailer für die Comicverfilmung “Jonah Hex” ist […]

  2. […] „Jonah Hex“ ist in den USA gestartet. Der Trailer war schon „naja“. Die Länge ist mit 80 Minuten extrem kurz. Vor allem weil inzwischen der Abspann bei einem normalen Hollywood-Film die Länge eines Kurzfilms hat. […]

  3. […] Meine Besprechung von „Jonah Hex: Zeit zu sterben (Band 1)“ […]

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