DVD-Kritik: David Peaces „Red Riding Trilogy“

To the North – where we do what we want!

(Auf den Norden – wo wir machen, was wir wollen!)

Das faszinierendste an dem aus den Krimis „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ bestehendem Red-Riding-Quartett von David Peace ist die Sprache. Es ist eine Sprache, die zu einer Hörbuchfassung einlädt, und die in direkter Opposition zu einer Verfilmung, die sich auf den Plot und die Bilder konzentriert, steht. Aber der werbefinanzierte Sender Chanel 4 hat es trotzdem gewagt und es entstand, nach den Drehbüchern von Tony Grisoni (Angst und Schrecken in Las Vegas, In this World, Tideland), eine überzeugende und eigenständige Interpretation der Romane „1974“, „1980“ und „1983“.

In „1974“ versucht der junge, ehrgeizige Journalist Edward Dunford (Andrew Garfield) herauszufinden, was in Yorkshire mit drei verschwundenen Mädchen geschah.

In „1980“ soll Peter Hunter (Paddy Considine) die Ermittlungen seiner Kollegen im Fall des Yorkshire-Rippers überprüfen.

In „1983“ soll der Anwalt John Piggott (Mark Addy) den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin (Daniel Mays) frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson (David Morrissey) mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.

Anhand der Geschichten dieser Männer, von denen nur – neben einigen Nebencharakteren – der Polizist Maurice Jobson in allen drei Filmen auftritt, wird Yorkshire als eine Gegend porträtiert, in der die Polizei, Verbrecher und die geistlichen und weltlichen Honoratioren wie Könige herrschen und sich nur an ihre eigenen Gesetze halten. Sie tun alles, damit keine Fremden, wie Dunford und Hunter, ihre Kreise stören. Aber auch Jobson und Pigott verfangen sich in dem Netz.

Umgesetzt wurden die Geschichten von Julian Jarrold, James Marsh und Anand Tucker in ruhigen, fast schon träumerischen Bildern, die wie ein Alptraum einen Sog entwickeln und mit wenigen Aufnahmen und Accessoires ein stimmiges Porträt der Jahre 1974, 1980 und 1983 heraufbeschwören.

1974“ orientiert sich dabei vor allem am traditionellen Noir und den Paranoia-Thrillern der Siebziger, in denen Journalisten (öfters) und Detektive (seltener) eine Verschwörung aufdeckten und und den Abspann oft nicht überlebten.

1980“ ist dagegen, vor allem weil die Ermittlungen von Detective Peter Hunter und die Streitigkeiten innerhalb der Polizei im Mittelpunkt stehen, ein Polizeifilm. Selbstverständlich mit einer satten Portion Noir.

1983“ beginnt wie ein klassischer italienischer Mafiafilm und wird schnell zu einer sehr düsteren und bedrückenden Fantasie, die durch das ständige Wechseln zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu einer Allegorie auf die Zeitlosigkeit von Macht wird. Über die Jahre werden verschiedene Menschen von der Polizei mit den immergleichen Worten und Ritualen gefoltert. Die Hintergründe der Ereignisse aus den vorherigen Filmen „1974“ und „1980“ werden enthüllt. Drehbuchautor Tony Grisoni und Regisseur Anand Tucker springen, wie schon David Peace in seinem Roman, bruchlos zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her. Die „1974“ in einen schon korrupten Boden gelegte Saat geht in „1983“ endgültig auf.

Am Ende des Noir ist das Kind gerettet und viel näher an ein konventionelles Happy End kommt der düstere Kosmos von David Peace und seinem genauem Adapteur Tony Grisoni nicht.

Die aus drei kinotauglichen Filmen bestehende „Red Riding Trilogy“ zeigt wieder einmal, auf welch hohem Standard das englische Fernsehen Geschichten erzählt. Es sind Filme für ein denkendes Publikum, das das Einschalten des Fernseher nicht als eine bedingungslose Aufforderung zum Abschalten des Gehirns verstehe.

Die Filme sind, wie die Romane von David Peace, nicht jedermanns Sache. Denn obwohl die Männer in den Verfilmungen positiver als in den Büchern gezeichnet werden, ist Yorkshire für die Männer und Frauen eine Vorhölle, aus der sie lebend nicht entkommen können. Die klaustrophisch-meditativen Interpretationen der Romane sind in jeder Hinsicht exzellent.

Das kann von dem spärlichen Bonusmaterial nicht behauptet werden. Es gibt einige geschnittene Szenen und kurze, großzügig auf „1980“ und „1983“ verteilte, weitgehend überflüssige Making-of-Interviewschnipsel. Interessant sind nur die Bemerkungen von Drehbuchautor Tony Grisoni und Regisseur Julian Jarrold.

Red Riding Trilogy (GB 2009)

Regie: Julian Jarrold, James Marsh, Anand Tucker

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: 1974, 1980, 1983

mit Andrew Garfield (Eddie Dunford), Paddy Considine (Peter Hunter), David Morrissey (Maurice Jobson), Mark Addy (John Piggott), Sean Bean (John Dawson), Jim Carter (Harold Angus), Warren Clarke (Bill Molloy), Anthony Flanagan (Barry Gannon), Rebecca Hall (Paula Garland), Sean Harris (Bob Craven), Gerard Kearns (Leonard Cole), Eddie Marsan (Jack Whitehead), Peter Mullan (Martin Laws), Maxine Peake (Helen Marshall)

Robert Sheehan (BJ), Daniel Mays (Michael Myshkin)

DVD

Kinowelt

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial:

DVD 1: Interview mit Julian Jarrold, Trailer, Geschnittene Szenen

DVD 2: Making of 1980, Trailer, Geschnittene Szenen

DVD 3: Hinter den Kulissen, Trailer, Geschnittene Szenen

Laufzeit: 102 Minuten (1974), 93 Minuten (1980), 100 Minuten (1983)

FSK: ab 16 Jahre

Die Red-Riding-Trilogie

1974 (Red Riding: In the Year of Our Lord 1974, GB 2009)

Regie: Julian Jarrold

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Seventy-Four, 1999 (1974)

1980 (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, GB 2009)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Eighty, 2001 (1980)

1983 (Red Reding: In the Year of Our Lord 1983, GB 2009)

Regie: Anand Tucker

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peacy: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)

Hinweise

Channel 4 über die „Red Riding Trilogy“

Wikipedia über die „Red Riding Trilogy“ (deutsch, englisch)

Times Online/The Sunday Times: Benji Wilson über die „Red Riding Trilogy“ (22. Februar 2009)

Independent: Gerard Gilbert über die „Red Riding Trilogy“ (4. März 2009)

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Kriminalakte über David Peace


5 Responses to DVD-Kritik: David Peaces „Red Riding Trilogy“

  1. HerrK sagt:

    Danke für den Tipp!
    Werde ich mir auf jeden Fall anschauen…

  2. […] Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher) […]

  3. […] bei. Er ist Gründungsmitglied der „Tindersticks“ und schrieb auch die Musik für die David-Peace-Verfilmung „Red Riding: In the Year of Our Lord 1980“, die Daniel-Woodrell-Verfilmung „Winter’s Bone“ und die James-Ellroy-Verfilmung […]

  4. […] Grandioser Abschluss der Verfilmung von David Peaces Red-Riding-Romanen. […]

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