Pablo Escobar in Bildern

Schon beim Durchblättern des Bildbandes „Escobar – Der Drogenbaron“ von James Mollison fällt auf, wie grundlegend sich auch die Welt des Verbrechens in den vergangenen zwanzig Jahren änderte.

Pablo Escobar war in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der meistgesuchte Verbrecher. Er stammte aus kleinen Verhältnissen, schoss sich in den Siebzigern in einer Mischung aus Größenwahn und Gefallsucht nach oben. Er wollte auch als ehrbarer Mann angesehen werden und errang 1982 einen Sitz im kolumbianischen Kongress. 1983 endete, nachdem er die Herkunft seines Vermögens erklären sollte, sein Ausflug in die Politik. Später überlegte er immer wieder, ob er sich in den Dschungel zurückziehen und eine Befreiungsbewegung gründen sollte. Seine Gegner erschoss er oder bombte sie weg. Dabei war es ihm egal, ob es Gangster, Polizisten, Richter oder Minister waren. 1986 wurden 3500 Menschen in Medellin ermordet, 1992 waren es 6624. Escobar exportierte ungeahnte Mengen Kokain in die USA und er gab das Geld mit vollen Händen aus.

Er war das südamerikanische Update von Al Capone und den Gangstern der Hollywood-Filme der Dreißiger. Und Hollywood reflektierte diesen Drogenkrieg eifrig. So ist es aus heutiger Sicht frappierend, wie stark sich Szenen und Motive aus der TV-Serie „Miami Vice“, dem Remake „Scarface“ oder der Romanverfilmung „Das Kartell“ an Escobars Wirken anlehnen.

Auch sein Ende war wie in einem Hollywood-Gangsterfilm: die Polizei stürmte sein Versteck. Er flüchtete und wurde am 2. Dezember 1993, einen Tag nach seinem 44. Geburtstag, erschossen.

In Medellin lebt sein Mythos fort und, wir ahnen es, Hollywood will sein Leben verfilmen. Zwei Projekte sind seit Jahren in einem konkreteren Stadium. Joe Carnahan hat bereits ein Drehbuch basierend auf Mark Bowdens Biographie „Killing Pablo“ geschrieben, sich mögliche Drehorte angesehen und er sollte auch Regie führen, aber weil das Projekt, wie seine James-Ellroy-Verfilmung „White Jazz“, nicht vorankommt, inszenierte er zuletzt „The A-Team“.

Über das zweite Projekt, die Oliver-Stone-Produktion „Pablo Escobar“, gibt es ebenfalls keine neueren Informationen. Antoine Fuqua wurde als Regisseur genannt. Er hat inzwischen „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“ inszeniert und ist in der Vorproduktion für die Vince-Flynn-Verfilmung „Consent to Kill“.

James Mollison sichtete für sein Buch „Escobar – Der Drogenbaron“ die verschiedenen Sammlungen von Bildern und Dokumenten, die es heute noch gibt. Denn viele Fotos wurden in den vergangenen Jahren vernichtet. Außerdem unterhielt er sich mit Escobars Familie, Freunden, Vertrauten und seinen Jägern. Diese Texte sind allerdings, weil sie nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert sind, nur längere, eher dröge zu lesende Erläuterungen zu den Bildern.

Und diese sind der Grund das Buch zu kaufen. Sie zeigen, wie wenig glamourös, teilweise sogar ärmlich Escobar lebte, wie bieder er war, wie er sich ein Gefängnis als Mischung aus Jugendwohnheim und Dorfdisco einrichtete, wie normal er aussah. Eher wie der nette Gastwirt um die Ecke oder der Urlaubsfreund vom Strand. Bürgerlicher kann der siebtreichste Mann der Welt (so die Forbes-Liste von 1989) kaum aussehen.

Es gibt viele Bilder von Escobar mit seiner Familie und seinen Freunden auf seiner Hacienda Nápoles, auf verschiedenen Feiern, während seines Wahlkampfs und bei Wohltätigkeitsveranstaltungen. In Medellin ist Escobar in seinem Viertel heute immer noch geachtet. Auch von diesem Kult gibt es in „Escobar – Der Drogenbaron“ Aufhahmen.

Es gibt Ausschnitte aus Dokumenten, Fahndungsaufrufe und Bilder von ermordeten Gangster, Polizisten an Tatorten, konfiszierten Flugzeugen, U-Booten, Waffen und tragbaren Telefonen, die damals noch in schweren Koffern waren.

Es gibt neue Bilder von Escobars inzwischen verfallenen Häusern.

Bei den Bildern fällt immer wieder auf, dass Pablo Escobar einer der letzten Prä-HipHop-Gangster war. Er hängte sich nicht Tonnen von Schmuck um. Er trug Sportkleidung oder auch einen Anzug. Gleichzeitig war er einer der letzten, vielleicht sogar der letzte Gangster, der noch allgemein bekannt war. Er stand ganz oben auf der FBI-Liste der meistgesuchten Männer. Er führte einen – aussichtslosen – Kampf gegen die kolumbianische Polizei und den Staat.

Nach ihm übernahmen die unscheinbar-austauschbaren Buchhalter, denen eher an einer Symbiose mit dem Staat gelegen ist, das Ruder. Seine Gegner übernahmen sein Schmuggelnetzwerk und machten es zu einem viel profitableren Geschäft. In den USA sanken unmittelbar nach seinem Tod die Straßenpreise sogar um ein Drittel. Nach UNODC-Berichten stieg die jährliche Kokainproduktion seit Escobars Tod von 770 auf 910 Tonnen; in Kolumbien von 120 auf 610 Tonnen.

James Mollison (mit Rainbow Nelson): Escobar – Der Drogenbaron

(übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank)

Heyne Hardcore, 2010

416 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Memory of Pablo Escobar

Chris Boot Ltd., London 2007

Hinweise

Homepage von James Mollison

Wikipedia über Pablo Escobar (deutsch, englisch)

Spiegel-Artikel über Pablo Escobar

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