Seeßlen, Romero und die Zombies

Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück – mit dieser lapidaren Erklärung und einer Horde sich langsam bewegender, menschenfleisch(fr)essender Untoter wurde George A. Romero bekannt. Sein an Wochenenden in den späten Sechzigern in Pittsburgh mit Freunden gedrehtes SW-Debüt „The Night of the Living Dead“ (Die Nacht der lebenden Toten) wurde über die Mitternachtsvorstellungen zu einem Kassenhit und, über die Jahre, zu einem stilbildendem Klassiker des modernen Horrorfilms, der auch heute noch schockiert. In Europa wurde der Film auch von der Kritik wahrgenommen, teils positiv besprochen und die Zensoren aller Länder zückten erfreut ihre Schere. Auch bei Romeros weiteren Zombie-Filmen „Dawn of the Dead“ und „Day of the Dead“ hatten sie einiges zu tun. In diesem Jahrtausend waren die Horrorfilme brutaler geworden, die Zensurschere wurde vor allem für Werke wie „Saw“ benutzt und Romeros neueste Zombie-Filme „Land of the Dead“, „Diary of the Dead“ und „Survival of the Dead“ wurden weniger, teils sogar überhaupt nicht mehr, beschnitten.

Denn langsam auf einen zustampfende Zombies, die man mit einem gezielten Kopfschuss erlegen kann, sind im Vergleich zu den Scheußlichkeiten von „Saw“ und Konsorten nicht mehr so schrecklich. Jedenfalls wenn sie nicht gerade in Massen auftauchen und ausreichend Munition vorhanden ist.

Außerdem, und das unterscheidet Romero von vielen seiner Nachfolger, kritisiert er in seinen Filmen auch immer die amerikanische Gesellschaft. Dabei ist seine linke Gesellschaftskritik ungefähr so subtil wie ein Kopfschuss.

Und das ist auch einer der Gründe, warum „George A. Romero und seine Filme“ zu den enttäuschenderen Filmbüchern des produktiven und immer lesenswerten Georg Seeßlen gehört. Denn er kann hier sein Wissen nur begrenzt ausbreiten.

Nach einem Überblick über Romeros Leben und seine Anfänge, nimmt er sich weitgehend chronologisch jeden Romero-Film vor („Dawn of the Dead“ wird vor „Martin“ besprochen) und geht anschließend auf Romeros Wirkung, die sich vor allem in unzähligen Zombie-Filmen niedergeschlagen hat, ein.

Während in Seeßlens anderen Büchern die Besprechungen der einzelnen Filme das immer wieder lesenswerte Herzstück sind, erschöpfen sie sich in „George A. Romero und seine Filme“ weitgehend in Nacherzählungen, die um einige Informationen von der Produktion und Hinweisen auf die doch eindimensional bleibende Gesellschaftskritik gegen Regierung, Militär und Kapitalismus ergänzt werden.

Die Probleme von George A. Romero mit dem Hollywood-Filmbetrieb werden nur gestreift und teilweise zu einem Hohelied auf das unabhängige Filmemachen verklärt. Denn es ist schon erstaunlich, wie bruchstückhaft Romeros Karriere trotz des kommerziellen Erfolgs verlief. Immer wieder gibt es jahrelange Pausen zwischen seinen Filmen. Oft hatte er, obwohl wahrscheinlich jeder seiner Film die Kosten wieder eingespielt hat, Probleme mit den Geldgebern.

Romeros Probleme mit der Zensur werden von Georg Seeßlen immer wieder gestreift, aber nie ausführlich behandelt. Hier hätte sich ein eigenes Kapitel zur FSK, der Indizierung von Filmen und den wandelnden gesellschaftlichen Normen angeboten.

Spätestens bei der Filmographie fehlen umfassende Erläuterungen zu den verschiedenen Schnittfassungen. Bei einigen Filmen werden diese Informationen halbwegs geliefert. Bei „Day of the Dead“ (Zombie 2 – Das letzte Kapitel, USA 1985) steht nur der rätselhafte Satz „Die Kastration dieses Meisterwerks durch den deutschen Verleih ist eine bodenlose Schande“ (Norbert Stresau). Denn auf weitere Erklärungen wird verzichtet, aber dafür wird die Länge der Originalfassung und der deutschen, indizierten Fassung mit 96 Minuten angegeben.

Absolut ärgerlich ist die unglaublich hohe Zahl von Tippfehlern. Hier hätte (falls nicht die falsche Datei zur Druckerei geschickt wurde) schon das Einschalten der automatischen Rechtschreibkorrektur das Schlimmste verhindern können. Und, wenn man schon ein anscheinend schon im Frühjahr/Sommer 2009 fertiggestelltes Manuskript druckt, hätte man wenigstens die Filmographie des momentan sehr produktiven George A. Romero auf den neuesten Stand bringen können. Denn Romeros neuester Film „Survival of the Dead“, der im September 2009 auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere hatte und der am 6. Mai 2010 in unseren Kinos anlief, wird mit keinem Wort erwähnt.

Trotzdem ist Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ für Horrorfilmfans ein wichtiges Buch. Denn es ist das einzige auch nur halbwegs aktuelle Buch zu dieser Ikone des Horrorfilms.

Georg Seeßlen: George A. Romero und seine Filme

kuk, 2010

368 Seiten

23 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‚Inglourious Basterds’“ (2009)

Wikipedia über George A. Romero (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über George A. Romero (von Brian Wilson, November 2006)

Arte über George A. Romero (mit bewegten Bildern zum Start von „Diary of the Dead“)

tip: Jörg Buttgereit unterhält sich mit George A. Romero (5. Mai 2010)

Shock till you drop interviewt George A. Romero (12. Mai 2010)

Homepage of the Dead (eine lebendige Fanseite)

Dead Source (noch eine Fanseite; schon etwas untot)

Internet Archive: „The Night of the Living Dead“ (Yep, der komplette Film mit dem alles begann)


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3 Responses to Seeßlen, Romero und die Zombies

  1. […] für „Die 50 besten Horrorfilme“ (Bertz + Fischer Verlag, 2010) erstellten Liste ist George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (Die Nacht der lebenden Toten, USA 1968) der beste Horrorfilm aller […]

  2. […] Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010) […]

  3. […] Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010) […]

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