DVD-Kritik: Die „Tropa de Elite“ schlägt zu

Juni 30, 2010

In Brasilien war „Tropa de Elite“ wie „City of God“ ein Kassenhit. Wie „City of God“ erzählt „Tropa de Elite“ ungeschönt aus dem Leben der Slums. Aber während in „City of God“ die Geschichte aus der Perspektive eines Jugendlichen, der nach einigen Wirren zum Fotoreporter wird, erzählt, nimmt „Tropa de Elite“ die entgegengesetzte Perspektive ein. Denn die „Tropa de Elite“ ist eine quasi-militärische Spezialeinheit der Polizei, die bei ihrem Kampf gegen die Verbrecher keine Gefangenen macht. Dabei schrecken sie auch nicht, wie der Film in quälender Ausführlichkeit zeigt, vor Folter von Kindern zurück.

Tropa de Elite“ ist, im Gegensatz zu dem Ghetto-Drama „City of God“, ein rasant geschnittener Cop-Film, der keine Gefangenen macht. Er ist bitter, böse, kompromisslos und verdammt unterhaltsam. Denn Regisseur José Padilha bedient sich der Formensprache des Hollywood-Action-Kinos und von Musik-Clips.

Außerdem distanziert er sich niemals von seinen Polizisten. Er nimmt sogar ausdrücklich die Perspektive der Polizisten ein. Denn er erzählt die Geschichte, oft mit Voice-Over, aus der Perspektive von Captain Nascimento (gespielt von dem brasilianischen Star Wagner Moura), der als Chef einer Einheit der Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) seinen Nachfolger sucht. Seine Frau ist schwanger und der Dreißigjährige möchte für sein Kind ein guter Vater sein. Dafür ist allerdings der Einsatz an vorderster Front zu gefährlich. Als mögliche Nachfolger hat er zwei junge Polizisten im Blick: einer ist ein Hitzkopf, einer ist ein Denker, der nebenher Jura studiert und den Blick vor den Drogengeschäften der Studenten verschließt.

Außerdem muss Nascimentos Einheit – der Film spielt 1997 – vor dem Papstbesuch eine Favela verbrecherfrei machen. Denn wenn der Papst an einem bestimmten Ort übernachten will, wird vorher die Umgebung von Verbrechern gesäubert. Dass die eh schon gefährliche Arbeit der BOPE-Polizisten so noch schwieriger wird, interessiert die Regierung nicht.

Dieser Einsatz, bei dem die BOPE über dreißig Drogenhändler tötete, beruht, wie der gesamte Film, auf Tatsachen, die teilweise für den Film abgemildert wurden. So starben bei der BOPE-Ausbildung, die sich an der britischen SAS-Ausbildung orientiert, Bewerber und BOPE-Polizisten ermordeten BOPE-Kollegen, die im Verdacht standen, korrupt zu sein. Denn die BOPE ist, so wird den Bewerbern während der Ausbildung immer wieder eingetrichtert, im Gegensatz zur normalen Polizei, nicht korrupt.

Schonungslos zeigen Regisseur José Padilha (der mit der Dokumentation „Bus 174“ schon die andere Seite beschrieb) und die Autoren Bráulio Mantovani (auch „City of God“), Rodrigo Pimentel (der BOPE-Captain war) und John Kaylin den Kreislauf der Gewalt. Denn einerseits braucht man diese emotionslosen Spezialisten, die wie eine Spezialeinheit des Militärs aufräumen und so die ersten Pfähle von Rechsstaatlichkeit in einer von Gangstern und korrupten Polizisten beherrschten Gesellschaft einzurammen. Andererseits fachen sie mit ihren Handlungen den Kreislauf der Gewalt weiter an. Im Interview sagt Padilha, dass die BOPE zeige, wie krank die brasilianische Gesellschaft sei.

In Brasilien war der Film schon vor der Kinopremiere ein Hit. Zwischen elf und fünfzehn Millionen Brasilianer sahen die von einer während der Produktion geleakten Version gezogenen Raubkopien. Ins Kino gingen dann wieder über 2,5 Millionen Brasilianer und der Film wurde auch ein Kassenhit, der die Jugendkultur beeinflusste. Außerdem initiierte „Tropa de Elite“ eine Diskussion über das Agieren der BOPE.

Bei uns lief der Film auf der Berlinale und erhielt den Goldenen Bären.

Im Kino lief er dann, sicher auch weil er nur in einer untertitelten Version (mit einem Voice-Over des Erzählers Nascimento) und mit sehr wenigen Kopien lief, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Auf DVD sollte der Film, der sich weit außerhalb der beruhigenden Konventionen des linksliberalen politischen Kinos bewegt, einige interessierte Zuschauer finden, die damit Leben können, dass das Ende nachhaltig verstört.

Denn die Macher bieten keine Lösung an, sondern werfen den Zuschauern einfach das mit BOPE geschaffene Problem vor die Füße. Insofern ist, weil nach „Tropa de Elite“ niemand mehr sagen kann, er habe nichts gewusst, das nihilistische Ende eine Aufforderung zum Handeln. Wobei für uns Europäer der Film nicht die Dringlichkeit hat, die er für sein Publikum in Brasilien hat.

Das Bonusmaterial besteht aus dem Trailer, einem fünfminütigen TV-Beitrag des Kulturmagazins „ttt – titel thesen temperamente“ und einem halbstündigem, sehr informativem Interview mit José Padilha. Er erzählt von den Vorbereitungen, den Dreharbeiten, den Reaktionen und dem Verhältnis von seinem Film zur Wirklichkeit. Padilha wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm drehen, aber die Polizisten wollten nicht vor der Kamera sprechen und sich bei ihrer Arbeit filmen lassen. Einiges, wie die Ausbildung der BOPE, ist in der Wirklichkeit sogar noch schlimmer. Das Bonusmaterial ist daher die konzentrierte Ergänzung zu einem grandiosen, Diskussionen auslösendem Film.

In Brasilien startet Mitte August die Fortsetzung des Cop-Thrillers. José Padilha schrieb und inszenierte „Tropa de Elite 2“. Wagner Moura spielt wieder mit. Selbstverständlich gibt es noch keinen deutschen Starttermin.

P. S.: Der Trailer ist Scheiße.

Tropa de Elite (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)

Regie: José Padilha

Drehbuch: Bráulio Mantovani, José Padilha, Rodrigo Pimentel, John Kaylin (Adaption)

LV: André Batista/Rodrigo Pimentel/Luiz Eduardo Soares: Elite da Tropa

mit Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junqueira, Milhem Cortaz, Fernanda Machado, Maria Ribeiro, Paulo Vilela

DVD

Senator-Film

Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)

Ton: Deutsch, Portugiesisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit José Badilha, „ttt – titel, thesen, temperamente“-Beitrag, Trailer

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Brasilianische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Tropa de Elite“

Wikipedia über „Tropa de Elite“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „Tropa de Elite“


TV-Tipp für den 30. Juni: Parole Chicago

Juni 30, 2010

Eins Festival, 21.20

Parole Chicago: Die Sache mit dem Ohrring/Ein todsicherer Trick (D 1980, R.: Reinhard Schwabenitzky)

Drehbuch: Heiner Schmidt

LV: Henry Slesar: Ruby Martinson (Ruby Martinson – 14 Geschichten um die größten erfolglosen Verbrecher der Welt erzählt von einem Freunde)

Mal wieder ein Griff in das Senderarchiv. „Parole Chicago“ ist eine dreizehnteilige Gaunerserie, die wahrscheinlich eher „komisch gemeint“ als „komisch“ ist und an die ich mich absolut nicht erinnern kann.

In der im Berlin der zwanziger Jahre spielenden Serie versuchen die beiden blöden Kleinkriminellen Harry und Ede mit genialen Raubzügen ihr Geld zu verdienen und fallen dabei regelmäßig auf die Schnauze.

Macher Reinhard Schwabenitzky inszenierte auch einige Didi-Filmen (keine Empfehlung) und die beiden Münchner „Tatorten“ „Die Macht des Schicksals“ und „Gegenspieler“ (Empfehlung, weil Ulf Miehe die Bücher schrieb).

Parole Chicago“ war einer der ersten Filmauftritte von Christoph Waltz.

Mit Gottfried Vollmer, Christoph Waltz, Monika John, Susanne Herlet, Joachim Wichmann

Wiederholungen

Samstag, 3. Juli, 17.55 Uhr (beide Folgen)

Sonntag, 4. Juli, 14.15 Uhr (beide Folgen)

Hinweise

Eins Festival über „Parole Chicago“ (wenig Text, aber acht Bilder)

Fernsehserien über „Parole Chicago“

Wikipedia über „Parole Chicago“


Cover der Woche

Juni 29, 2010


TV-Tipp für den 29. Juni: Wenn der Postmann zweimal klingelt

Juni 29, 2010

ARD, 00.35

Wenn der Postmann zweimal klingelt (USA 1981, R.: Bob Rafelson)

Drehbuch: David Mamet

LV: James M. Cain: The postman always rings twice, 1934 (Wenn der Postmann zweimal klingelt, Die Rechnung ohne den Wirt)

Frank Chambers verliebt sich in Cora, die gelangweilte Frau des Tankstellenbesitzers Nick. Gemeinsam planen sie seinen Tod.

Düsteres Drama mit Jack Nicholson und Jessica Lange. – Das schmale Buch von Cain wurde fünfmal verfilmt und mindestens drei Verfilmungen sind Klassiker: „Ossione“ (I 1942, R.: Lucino Visconti), „Die Rechnung ohne den Wirt“ (USA 1946, R.: Tay Garnett) und „Wenn der Postmann zweimal klingelt“.

Hinweis

Wikipedia über James M. Cain (deutsch, englisch)

Kirjasto über James M. Cain

Krimi-Couch über James M. Cain

Mordlust über James M. Cain

Meine Besprechung von David Mamets “Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness” (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


„Scenario 4“ – Hier spricht der Drehbuchautor

Juni 28, 2010

Auch für die vierte Ausgabe des Film- und Drehbuchalmanachs „Scenario“ änderte Herausgeber Jochen Brunow nichts am bewährten Aufbau. Es beginnt mit einem langen Interview. Es gibt einige verschieden interessante Essays, ein Tagebuch, Erinnerungen von Drehbuchautoren und die Splitter einer Geschichte des Drehbuchs. Es gibt einige ausführliche Buchbesprechungen und es endet mit dem vollständigen Abdruck des „Drehbuch des Jahres“. Dieses Jahr wurde der Deutsche Drehbuchpreis für das beste unverfilmte Drehbuch an „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ von Karsten Laske verliehen.

Es gibt natürlich auch einige enttäuschende Texte. Aber insgesamt hat Jochen Brunow wieder eine Menge guter Texte zusammengetragen.

Das beginnt schon mit Jochen Brunows Interview mit Michael Gutmann. Gutmann schrieb die Bücher für „Nach Fünf im Urwald“, „23“, „Crazy“, „Lichter“, „Krakat“ und „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ und er führte Regie bei „Rohe Ostern“ und den Tatorten „Der oide Depp“, „Das namenlose Mädchen“ und „Der König kehrt zurück“ (dafür schrieb er auch das Drehbuch). In dem Gespräch werden neben den biographischen Stationen auch Gutmanns Zusammenarbeit mit Hans-Christian Schmid und seine Meinung zu den verschiedenen Drehbuchtheorien erörtert. Die dann folgenden Essays sind durchwachsen. Gerhard Midding schreibt über die Zunahme von Filmen, die auf wahren Ereignissen beruhen. Wieland Bauder über Musiker-Biographien. Beide Texte sind nicht uninteressant, aber in erster Linie liefern sie einen Überblick über einige neue Filme und wie die Macher sich ihrem Sujet nähern. Damit könnten die Essays in jedem Filmbuch stehen.

Keith Cunninghams Manifest „Neue Story-Welten“ ist in seinem Glauben an die Kraft fiktionaler Geschichten sympathisch. Denn für ihn ist die Klimakatastrophe eine Tatsache, die, wie der Kalte Krieg, in jeder Geschichte (auch wenn es nur im Hintergrund ist) thematisiert werden muss. Er hofft so die Menschen zum Schutz des Klimas animieren zu können (und ich fürchte schon den nächsten „Tatort“, in dem die Kommissare über den Schutz des Klimas reden). Gewinnbringender ist die Besprechung von Keith Cunninghams „The Soul of Screenwriting“ und seinem Versuch seiner Lösung des Konflikts zwischen Plot und Charakter: „Cunninghams einfache Antwort auf die Gretchenfrage der Dramaturgen besteht darin, den Übergang von der Figur zur Handlung in der Figurenkonstellation zu suchen – das konventionelle binäre Modell (Figur und Plot) also durch ein ternäres Model aus Figur, Figurenkonstellation und Plot zu ersetzen. (…) Der Plot trägt die als Figurenkonstellation externalisierte innere Spannung einer Figur aus. Andere Figuren sind primär Externalisierungen innerer Spannungen unserer Hauptfigur, die sich im Plot entladen.“

Dorothee Schön, die auch etliche „Tatorte“ schrieb, bietet in ihrem 2009 geführtem Tagebuch einen launigen Überblick über die Kämpfe in der Filmakademie und die Verfilmung von ihrem Drehbuch „Frau Böhm sagt nein“. Das ist ein kleiner Blick hinter die Kulisse. Auf ihre Arbeit als Autorin geht sie kaum ein.

Das tut Thomas Knauf, indem er von seinem letzten DDR-Film „Die Architekten“ (der während der Wende an der Kasse natürlich gnadenlos unterging) und seinem Leben zwischen Hollywood und Babelsberg in den vergangenen zwanzig Jahren. Das liest sich ziemlich ernüchternd.

Ernüchternd sind auch die, von Michael Töteberg aufgeschriebenen, Erfahrungen von Drehbuchautor Johannes Mario Simmel. Bevor er Bestsellerautor wurde, schrieb Simmel auch etliche Drehbücher von heute vergessenen Filmen. Damals hatte er immer wieder Probleme mit den Produzenten und Regisseuren über die Bezahlung und die Geschichte. Mit den Verfilmungen seiner Bücher war er auch nicht zufrieden.

Samson Raphaelson liefert einen sehr lesenswerten und amüsant-lebensweisen Rückblick auf seine Zusammenarbeit mit Ernst Lubitsch. Der bereits 1981 geschriebene Text wurde in „Scenario 4“ erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

In seinem Drehbuch „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ erzählt Karsten Laske die Geschichte des jüngeren Bruders von Alfred Norkus von dessen Tod 1932 bis zu den ersten Nachkriegstagen. Erwin ist das vollkommene Gegenteil des Heldenimages von seinem Bruder, der als „Hitlerjunge Quex“ in dem Propagandabuch und -film bekannt wurde. Laske erzählt die Geschichte episodisch und lässt Erwin durch die Nazi-Diktatur treiben. Weil Erwin keine eigenen Ziele hat und er während seiner Jugend, den Jahren zwischen 1932 und 1946 auf keine größeren Probleme stößt, bleibt er uns als Charakter letztendlich gleichgültig.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 4 – Film- und Drehbuchalmanach

Bertz + Fischer, 2010

352 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow

Meine Besprechung von „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“


TV-Tipp für den 28. Juni: Die Brücken am Fluß

Juni 27, 2010

SRTL, 22.10

Die Brücken am Fluß (USA 1995, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Richard LaGravenese

LV: Robert James Waller: The Bridges of Madison County, 1992 (Die Brücken am Fluß)

Francesca stellt sich auf ihrer abgelegenen Farm auf vier ruhige Tage ohne ihren Mann und die Kinder ein. Da taucht ein Fotograf auf, der sie nach dem Weg zu den titelgebenden Brücken fragt. Sie zeigt ihm den Weg und verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden.

Die Vorlage soll furchtbar kitschig sein. Der Film ist es nicht.

Ein meisterhafter Film der Gefühle ohne Duselei, mit Geist, Charme und Lebenserfahrung.“ (Fischer Film Almanach 1996)

mit Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Carley, Victor Slezak

Hinweise

Wikipedia über „Die Brücken am Fluß“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte über Clint Eastwood


DVD-Kritik: Ein „Sturm“ wird kommen

Juni 26, 2010

Hans-Christian Schmid fand für seinen neuesten Film „Sturm“ einen ebenso einfachen wie genialen Dreh. Anstatt einfach nur eine weitere Geschichte tränenreiche Geschichte vom Unrecht im ehemaligen Jugoslawien und den Leiden der Opfer zu erzählen (freie Auswahl) oder das Ganze aus der Sicht eines Journalisten (wie zum Beispiel Richard Gere in Richard Shepards „The Hunting Party“) zu zeigen, stellte er eine Anklägerin und die Arbeit des Tribunals in Den Haag in den Mittelpunkt. Damit folgt er zwar oberflächlich den Konventionen eines Gerichtsthrillers, aber weil die Geschichte in einem internationalen Gerichtshof, der noch seine Rolle finden muss, der sich auf juristisches Neuland begibt und dessen Arbeit zwischen Über- und Unterforderung schwankt, liefert „Sturm“ auch den Einblick in eine fremde Welt. Denn dieser Gerichtshof soll Kriegsverbrecher verurteilen, den Opfern Recht geben, die Instanz für fehlende nationale Gerichte sein und gleichzeitig mögliche außenpolitische Verwicklungen beachten.

Gerade die Politik ist Hannah Maynard als Anklägerin egal. Sie übernimmt einen wasserdichten Fall. Sie haben einen Augenzeugen, der vor Gericht aussagen will, wie der serbische Offizier Goran Duric Bosnier umbrachte. Im Zeugenstand zerfetzt die Verteidigung seine Aussage – und, wenn Maynard nicht schnell einen glaubwürdigen Zeugen auftreibt, wird der Kriegsverbrecher freikommen. Damit könnte Maynard leben, wenn ihr Zeuge sich nicht noch in der Nacht nach der Ortsbesichtigung umbringen würde.

Sie besucht die beiden Schwestern des Zeugen, die nicht vor Gericht aussagen wollen. Eine Spur führt Maynard in ein Kurhotel in der Nähe von Kasmaj. Dort wurden im Krieg zahllose Frauen vergewaltigt. Auch die inzwischen in Deutschland lebende Schwester des Kronzeugen war dabei. Maynard kann Mira Arendt zu einer Aussage zu bewegen. Zur gleichen Zeit mahlen die Räder der Justiz und im Hintergrund wir an einem Deal gearbeitet.

Hans-Christian Schmid, der zusammen mit Bernd Lange (der auch das Drehbuch für Schmids vorherigen Film „Requiem“ schrieb), das Drehbuch schrieb, bedient natürlich die Genreerwartungen und wirft einen quasi-dokumentarischen Blick auf die Arbeit einer Institution und wie sie die Menschen formt.

Gleichzeitig wird „Sturm“ immer wichtiger, je länger die Ereignisse zurückliegen. Heute sind die Nachrichtenbilder aus dem ehemaligen Jugoslawien noch sehr gegenwärtig.

In einigen Jahren werden die Nachrichtenbilder vergessen sein. Dann wird „Sturm“ die Erinnerung wach halten. Denn die Jüngeren werden sich lieber einen Spielfilm über diesen Krieg in der Mitte von Europa als eine Dokumentation ansehen. Außerdem ist „Sturm“ eine kritische Liebeserklärung an den Internationalen Gerichtshof, der es gelingt, die Arbeit in einer internationalen Institution mit Leben zu erfüllen.

Das Making-of ist, angesichts des Themas und der Ernsthaftigkeit der Macher, erschreckend dünn. Es unterscheidet sich nämlich kaum von einem typischen Hollywood-Making-of für irgendeinen x-beliebigen Film. In dem Booklet sind lesenswerte Interviews mit den Machern und einige Informationen zum International Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY, wie der Gerichtshof offiziell heißt). Trotzdem ist unverständlich, warum im Making-of Informationen zu Bosnien, zum Kriegsverbrecherprozess und zur Arbeit eines Internationalen Gerichtshofs fehlen. Denn während der Dreharbeiten war sicher die Gelegenheit, auch mit einigen Richtern, Anklägern, Verteidigern, Polizisten und Menschenrechtsaktivisten zu reden. Ebenso hätte man die Berlinale-Pressekonferenz in das Bonusmaterial aufnehmen können.

Sturm (Deutschland/Dänemark/Niederland 2009)

Regie: Hans-Christian Schmid

Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid

mit Kerrry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Tarik Filipovic, Jesper Christensen

DVD

Piffl Medien/Good Movies

Bild: 1:2,35 (Cinemascope)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1/2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Trailer, Booklet, Audiodeskription (Hörfilm-Fassung für Blinde)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sturm“

Berlinale: Pressekonferenz zu „Sturm“ (beginnt erst nach über zwölf Minuten)

Für Freiluftfanatiker zeigt das Berliner Freiluftkino Rehberge am Sonntag, den 27. Juni, um 21.45 Uhr den Film.


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