DVD-Kritik: John Wayne ist „Der letzte Scharfschütze“

Wenn man heute den Roman „The Shootist“ von Glendon Swarthout liest, hat man immer John Wayne vor Augen. Denn wer außer dem ikonischen Westerndarsteller sollte einen alternden Revolverhelden spielen?

In der gleichnamigen, sich sehr genau an den Roman haltenden Verfilmung spielte John Wayne dann den gefürchteten Revolverhelden John Bernard Books. Am 22. Januar 1901 nimmt er in Carson City ein Zimmer bei der Witwe Bond Rogers (Lauren Bacall). Sein Arzt (James Stewart) hatte ihm gesagt, dass er Krebs habe (das war damals die Todesursache Nr. 1 für Revolverhelden) und in wenigen Wochen qualvoll sterben werde.

Glendon Swarthout entwarf in seinem Roman ein pessimistisches Bild der Gesellschaft und Don Siegel hatte, obwohl der Film etwas positiver endet, keine Probleme, dem zu folgen. In „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (doofer denglischer Titel) ist der Revolverheld Books von einer Horde Geschäftemacher, die alle seinen Tod als eine Möglichkeit zum Geldverdienen sehen und sich dafür nicht schämen, und einem Ortspolizisten, der seine Freude über Books baldiges Sterben auch vor Books nicht verbirgt, umgeben. Books wenigen „Freunde“ sind seine Vermieterin und sein Arzt, den er seit fünfzehn Jahren (also seit „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“) nicht mehr gesehen hat. In einem solchen Umfeld wird der mehrfache Mörder Books zu einem ehrlichen Mann, der seinem Kodex folgt und Gewalt immer nur zur Selbstverteidigung benutzt.

Books, der sich über die menschliche Natur keine Illusionen macht, treibt in seinen letzten Tagen den Preis für sein Eigentum und seinen Leichnam in die Höhe. Nicht weil er das Geld für sich oder seine Nachkommen (die es nicht gibt) benötigt, sondern aus Prinzip. Aus Prinzip wirft er auch einen Journalisten, der Books Geschichte leicht ausgeschmückt verkaufen möchte, aus dem Gästehaus der Witwe Rogers.

Gleichzeitig freundet Books sich, soweit das ein Mann, der immer auf sich allein gestellt war, mit seiner Vermieterin Bond Rogers an und er versucht für ihren Sohn Gillom (der spätere Regisseur Ron Howard [zuletzt „Frost/Nixon“ und „Illuminati“]) ein Vater zu sein. Denn Gillom bewundert den Revolverhelden maßlos.

In diesen Tagen fragt Books sich, wie er sterben möchte und welches Bild von sich er der Welt überlassen will. Dafür bereitet er seinen Tod, in einem abschließendem Duell, präzise vor.

Am Ende macht er der Stadt sogar, wie im Buch ein Bewohner von Carson City sagt, noch ein Geschenk: „He killed every hard case around!“

Gleichzeitig hat er sich einen würdigen Abgang verschafft.

Jedenfalls im Film.

Dass „Der Shootist“ John Waynes letzter Film wurde, ahnte 1976 niemand. Damals war es nur ein weiterer John-Wayne-Film. Aber jeder wusste, dass der am 26. Mai 1907 geborene John Wayne langsam zu alt wurde, um den Cowboy zu spielen. Viele bekannte Schauspieler, die von dem Projekt hörten, wollten eine der letzten Gelegenheiten wahrnehmen, mit der Legende zu spielen – und verzichteten dafür auch auf ihre üblichen Gagen. So kostete der Film trotz seiner namhaften Besetzung nur 4,5 Millionen Dollar.

Als John Wayne am 11. Juni 1979, wie Books, an Krebs starb, erhielt der Film eine bittere Pointe. Denn während des Drehs glaubte John Wayne, den Krebs besiegt zu haben.

Inzwischen ist „Der Shootist“, wie Swarthouts Roman, ein Western-Klassiker. Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.

Außerdem ist der von Don Siegels inszenierte melancholische Spätwestern unbestritten einer von John Waynes besten Filme – und in jedem Fall, nach einigen schwachen und durchschnittlichen Filmen, ein würdiger Abschied aus dem Filmgeschäft.

Der Shootist – Der letzte Scharfschütze (The Shootist, USA 1976)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Miles Hood Swarthout, Scott Hale

LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)

mit John Wayne, Lauren Bacall, Ron Howard, James Stewart, Richard Boone, Hugh O’Brian, Bill McKinney, Harry Morgan, John Carradine, Richard Lenz, Scatman Crothers

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet, Trailer (deutsch, englisch), zwei Teaser mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (deutsch, englisch)

New York Times: Richard Eder bespricht „The Shootist“ (12. August 1976 – eher negativ)

Homepage von Glendon Swarthout

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6 Responses to DVD-Kritik: John Wayne ist „Der letzte Scharfschütze“

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