Thor Kunkel und der Sex mit der „Schaumschwester“

Frank Nowatzki ist schuld.

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Ja, Frank Nowatzki ist schuld. Denn wenn er nicht „Kuhls Kosmos“ veröffentlicht hätte, hätte ich Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“ keines Blickes gewürdigt. Ich meine Zukunft, Sexpuppen, und so. Das klingt nach Science-Fiction, vielleicht sogar Pulp, aber der Verlag „Matthes & Seitz“ ist doch eher als Verlag für das Hochliterasche und Anspruchsvolle bekannt. Da ändert auch die Veröffentlichung des Drehbuchs „Welt am Draht“ für den gleichnamigen Rainer-Werner-Fassbinder-Film in der Reihe „Neue Welt“ nichts.

Außerdem hat Thor Kunkel die literarische Bühne mit dem Erhalt des Ingeborg-Bachmann-Preises betreten. Für mich hat der Bachmann-Preis höchstens eine abschreckende Wirkung; aber auch dafür müsste ich die Preisträger überhaupt erst einmal wirklich wahrnehmen. Dass er danach mit „Endstufe“ einen veritablen Literaturskandal produzierte, machte ihn mir grundsätzlich sympathisch, aber weil das meiste, was in den Feuilletons abgefeiert wird, mich höchstens gotterbärmlich langweilt, interessierte Thor Kunkel mich nicht weiter.

Bis Frank Nowatzki „Kuhls Kosmos“, eine Tour de Force durch die Siebziger in Frankfurt und auf den Bahamas, veröffentlichte und es mir gefiel.

Mit seinem neuesten Roman „Schaumschwester“ liefert Kunkel eine spannende Mischung aus Science-Fiction und Agententhriller, geschmückt mit einigen philosophischen Exkursen, ab.

In der sehr nahen Zukunft wird der desillusioniert-melancholische Kryptologe Robert Kolther von der Loge, einem geheimen Machtzirkel beauftragt, bei einem Treffen der Puppenfreunde in Nizza, Scheinbergs Computer zu knacken.

Paddy Scheinberg macht ein Vermögen mit Sexpuppen, die sich in vielen Teilen nicht von echten Frauen unterscheiden, immer perfekter werden und, in unterschiedlichen Modellen, die unterschiedlichsten Wünsche befriedigen können. Aber sie können keine Kinder zeugen und Kolthers Auftraggeber befürchten, dass auf lange Sicht die zeugungsunwilligen Europäer aussterben. Dass es viel schlimmer kommt, verrät Kunkel schon auf der ersten Seite:

Mit dem unseligen Fortpflanzungsdrang von Schmeißfliegen ausgestattet, vermehrten sie sich in kürzester Zeit und überlebten nur, indem sie Raubbau an der Substanz des Planeten betrieben.

Heute, am Beginn des vierten Jahrtausends, stellen wir fest, dass eine Überbevölkerung durch diese Spezies nicht länger existiert.

Die Krankheit namens Mensch ist verschwunden.“

Wie es dazu kam und welche Rolle ein kleiner Kryptologe, der selbst so eine Schaumschwester besitzt, dabei spielt, erzählt Kunkel auf 270 kurzweiligen Seiten, die mit allem gefüllt sind, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.

Schaumschwester“ von Thor Kunkel ist der zweite Band der Reihe „Neue Welt“ und wenn die Verleger das Niveau halten, könnte das mit der Zeit eine schöne kleine SF-Reihe, die spannende Geschichten mit philosophischen Gedanken verbindet, werden.

Thor Kunkel: Schaumschwester

Matthes & Seitz, 2010

288 Seiten

14,80 Euro

Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“

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One Response to Thor Kunkel und der Sex mit der „Schaumschwester“

  1. […] Meine Besprechung von Thor Kunkels „Schaumschwester“ […]

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