DVD-Kritik: „Flashpoint“ oder Aus dem Alltag einer Spezialeinheit der Polizei

Das Team steht im Mittelpunkt. Bei einem echten Spezialeinsatzkommando und auch in der kanadischen TV-Serie „Flashpoint“. Deshalb wird in der ersten Staffel der Krimiserie über die alltägliche Arbeit der Strategic Response Unit (SRU) der Polizei von Toronto das Privatleben der Teammitglieder Ed Lane, Gregory Parker, Julianna ‚Jules‘ Callaghan, Sam Braddock, Mike Scarlatti, Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth, Lewis Young und der ihnen ab und zu helfenden Psychologin Dr. Amanda Luria, falls überhaupt, nur in Nebensätzen thematisiert.

Ed Lane ist der einzige Polizist, dessen Familienleben auch etwas (dick unterstrichen!) gezeigt wird. Das liegt auch daran, dass die Folgen seines gerechtfertigten, gezielten Todesschusses während einer Geiselnahme in der Auftaktepisode „Skorpion“ in „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ und „Söhne des Krieges“ wieder angesprochen werden und er, neben Gregory Parker, das erfahrenste Teammitglied ist. Sie sind, soweit bei „Flashpoint“ davon gesprochen werden kann, die Hauptdarsteller.

Skorpion“ ist dabei der etwas verunglückte Auftakt der spannenden und realistischen Serie. Denn die Geiselnahme ist bereits in der Mitte der Episode mit einem gezielten Todesschuss von Lane erledigt. Danach zeigen die Macher, was anschließend mit Lane geschieht: Er darf kein Wort mit seinen Kollegen wechseln. Er muss seine Waffe und seine Kleider abgeben. Er wird verhört und kehrt am Abend zu seiner Frau zurück. In den Interviews erzählen die Macher Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dass gerade diese Folgen eines Einsatzes, bei dem der Schütze, obwohl er auf Befehl handelte und ein Polizist ist, wie ein Verdächtiger behandelt wird, sie fasziniert habe. Und sie hatten sich gefragt, was ein Polizist tue, wenn er bereits am Vormittag einen Menschen erschießen müsse.

Wie lief der Tag wohl für den Mann, der in aller Öffentlichkeit einen anderen Menschen exekutieren musste? Also starteten wir einige Nachforschungen in der Spezialeinheit von Toronto und fanden darin eine Quelle der Inspiration“, erzählt Erfinder Mark Ellis zur Inspiration für die Serie. In der ersten Episode zeigten sie dann, was sie bei ihren Nachforschungen erfahren haben.


Lane lässt, immerhin kennt er im Gegensatz zu einem deutschen TV-Polizisten die Prozedur und die Regeln, das Verfahren emotionslos über sich ergehen. Denn er hat nichts Falsches getan.

Der Sohn des toten Geiselnehmer sieht das anders. Petar Tomasic zeigt ihn an und in der Folge „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ muss Dillon ins Gericht. Diese Geschichte ist allerdings nur ein Subplot für die Geiselnahme von Michael Jameson. Der Sechsundzwanzigjährige möchte mit dem Staatsanwalt reden, der ihn vor elf Jahren mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis schickte und ihm so eine lebenslange Biographie als Vergewaltiger und Mörder einer Gleichaltrigen verpasste.

In der letzten Episode der ersten Staffel erreicht dann der Konflikt zwischen Petar Tomasic und Ed Lane seinen Höhepunkt. Tomasic verteidigte in Kroatien sein Dorf gegen die Serben. Jetzt setzt er seine Fähigkeiten als Scharfschütze im Zentrum von Toronto ein.

In den anderen Folgen haben auch die anderen Teammitglieder große Auftritte. In „Warteliste“ versucht der Teamleiter und Hauptverhandler Gregory Parker einen Vater zur Aufgabe zu bewegen. Er kann nicht akzeptieren, dass aufgrund formaler Gründe seine todkranke Tochter kein Spenderherz bekommen soll.

In „Am Abgrund“ verfolgt eine Mädchen-Gang in einer Shopping-Mall eine Gleichaltrige. Als diese sich umbringen will, versucht Julianna ‚Jules‘ Callaghan sie davon abzuhalten. Auch in „Das verlorene Paradies“ muss Callaghan einen wichtigen Teil der Verhandlungen führen. Denn die beiden von einem Pädophilen entführten Kinder glauben, dass die Polizei sie umbringen will. Die Ältere versucht sie mit einer Pumpgun gegen die Eindringlinge zu beschützen. In „Zu viele Verlierer“ führt dagegen der Frischling im Team, Sam Braddock, die Verhandlungen. Eine Frau, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, hat die Geliebte ihres Mannes als Geisel genommen. Als sie erfährt, dass die Geliebte schwanger ist, eskaliert die Situation weiter.

Doch auch wenn einzelne Polizisten in verschiedenen Episoden einen wichtigeren Part beim Lösen des Konflikts haben, stehen – und das macht „Flashpoint“ zu einem bewegendem Drama – immer Täter und Opfer im Mittelpunkt. Denn nur wenn die Polizisten verstehen, warum der Konflikt eskalierte, können sie hoffen, die Situation erfolgreich zu deeskalieren. Bei jedem Einsatz ist ihr oberstes Ziel, dass niemand stirbt. Dabei kann die Sprache, wie in „Skorpion“ gezeigt wird, ein unüberwindbares Hindernis sein. Denn Verhandler Parker kann nur mit der Hilfe eines Übersetzers mit dem verzweifeltem Geiselnehmer reden.


In anderen Episoden geht es um einen Polizisten, der seine Frau schlägt („Angst“) oder um einen jungen Soldaten, der mit seinem Bruder abhauen will und in einem Streit seinen einflussreichen Vater verletzt („Ausgestoßen“). Auch hier erfahren die SRU-Männer erst langsam die wahren Hintergründe und plötzlich erscheint der Täter als Opfer oder als jemand, der etwas Gutes tun wollte und dabei ein Dynamik anstieß, die er nicht mehr beherrschen kann.

Einige Einsätze erscheinen auf den ersten Blick alltäglich. So soll die Einheit in „In der Schusslinie“ einen Drogenhändler verhaften. Aber aus der Verhaftung wird eine Geiselnahme mit einem schwerverletztem Undercover-Polizisten in der Wohnung des Drogenhändlers. In „Ohne jede Hoffnung“ wird aus einem Banküberfall eine Geiselnahme, bei der Räuber eine sehr persönliche Beziehung zu der Filialleiterin hat. Auch „Stunde der Wahrheit“ beginnt für das Einsatzkommando harmlos: sie sollen in einem Nobelhotel die Bodyguards für einen prominenten Unternehmer spielen. Als seine Frau entführt wird und kurze Zeit mit einer am Hals befestigten Bombe gefunden wird, müssen sie versuchen die Bombe zu entschärfen und die Täter zu finden.

Eine Bombe müssen sie auch in „Geister der Vergangenheit“ entschärfen. Zur gleichen Zeit ist Danny Rangford in der Zentrale der Spezialeinheit. Der ehemalige, hochgeachtete Kollege will sich umbringen. Denn er wird immer noch von einem alten zwanzig Jahre zurückliegendem Einsatz verfolgt, bei dem er sich für den Tod eines Jungen verantwortlich fühlt.

In dieser Folge stehen die seelischen Folgen der Arbeit für die Mitglieder der SRU, die sonst nur in Nebensätzen angesprochen werden, im Mittelpunkt.

Das Bonusmaterial ist überschaubar und nur in punkto Länge überzeugend. Das „Making of“ ist ein knapp fünfminütiges, wahrscheinlich für die Senderhomepage zusammengeschnittenes Promogedöns. Die Interviews mit den Schauspielern, den beiden Erfindern und dem Berater von der Polizei sind mit gut fünfzig Minuten zwar üppig ausgefallen, aber wenig tiefschürend. Das meiste, besonders wenn die Schauspieler ihre Rolle und das Besondere von „Flashpoint“ erklären, ist erkennbar Rohmaterial für Werbezwecke. Nur die Interviews mit den beiden Serienerfindern Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dem Hauptdarsteller Enrico Colantoni (der Vater von „Veronica Mars“) und dem Berater Barney McNeilly, einem ehemaligem Mitglied der Emergency Task Force (ETF) der Polizei von Toronto, die das Vorbild für die SRU ist, sind interessant.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1 (USA/Kanada 2008)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‚Jules‘ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Ruth Marshall (Dr. Amanda Luria)

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews

Länge: 585 Minuten (13 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten dreizehn Einsätze der SRU

Skorpion (Scorpio)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Warteliste (First in Line)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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In der Schusslinie (The Element of Surprise)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Angst (Asking for Flowers)

Regie: Clark Johnson

Drehbuch: Tassie Cameron

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Ohne jede Hoffnung (Who’s George?)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Adam Barken

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Am Abgrund (Attention Shoppers)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Tracey Forbes

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Ausgestoßen (He knows his Brother)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Adam Barken

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Im Zweifel gegen den Angeklagten (Never kissed a Girl)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Esta Spalding

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Stunde der Wahrheit (Eagle Two)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Tassie Cameron

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Geister der Vergangenheit (Haunting the Barn)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Zu viele Verlierer (Backwards Day)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Esta Spalding

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Söhne des Krieges (Between heartbeats)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, Tassie Cameron

Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)

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4 Responses to DVD-Kritik: „Flashpoint“ oder Aus dem Alltag einer Spezialeinheit der Polizei

  1. […] Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung der ersten Staffel. […]

  2. […] DVD-Kritik: „Flashpoint“ oder Aus dem Alltag einer Spezialeinheit … […]

  3. […] Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando – Staffel 1“ […]

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