Im Verhörzimmer nebenan: Thomas Assheuer befragt Michael Haneke

Mit seinem neuesten Film „Das weiße Band“ ist Michael Haneke wahrscheinlich an einem Ort angekommen, an dem er nie ankommen wollte. Denn der Schwarzweiß-Film wird von den Kritikern abgefeiert (bei Haneke normal), mit Preisen überhäuft (auch bei Haneke nicht ungewöhnlich, aber die Menge ist dann doch besorgniserregend: Cannes, Golden Globe, Deutscher Filmpreis,…) und auch vom Publikum geliebt. In Österreich haben über 100.000 Menschen den Film gesehen. In Deutschland über 600.000. Hier in Berlin hält der Film sich seit Monaten in den Kinos. Und dabei kann man dem Film alles vorwerfen, außer dass er leichte Kost ist.

Leichte Kost waren die Filme von Michael Haneke noch nie. Meistens geht es um Gewalt: wie sie entsteht und wie sie in den Medien vermittelt wird. „Bennys Video“, „Funny Games“, „Code unbekannt“, „Die Klavierspielerin“, „Wolfzeit“ und „Caché“ sind seine bekanntesten und auch kontroversesten Filme. Seine früheren, vor allem für das Fernsehen gedrehten, Filme sind dagegen, auch weil sie kaum gezeigt werden, unbekannter.

So ein Filmemacher lädt natürlich zu einer eingehenderen Betrachtung ein. „Zeit“-Journalist Thomas Assheuer wählte in „Nahaufnahme Michael Haneke“ den direkten Weg. Er interviewte Haneke zu seinem Werk. Den Hauptteil des Buches bildet dabei ein vom 14. bis zum 16. Juni 2007 in Wien geführtes Interview in dem Assheuer mit Haneke über dessen Leben, seine ästhetischen Vorstellungen und sein Werk, vor allem das Spätwerk, sprach. Sie unterhielten sich vor allem über wiederkehrende Themen in Hanekes Filmen und weniger über einzelne Filme.

Ich sage immer: Was unter den Teppich gekehrt wird, wird den Teppich irgendwann in Bewegung setzen. Wir leben alle mit Schuldgefühlen. Man kann gar nicht anders, denn es scheint die condition humaine zu sein. Man wird immer, willentlich oder unwillentlich, schuldig an anderen. Schuld ist immer dort, wo Leid entsteht. Wir können nicht schuldfrei leben, als Teil einer Gemeinschaft und eines Systems wird man zwangsläufig schuldig. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Meistens drücken wir uns.

Michael Haneke, S. 65

Dabei, und das macht den Österreicher Michael Haneke in dem Gespräch sympathisch, wehrt er sich gegen platte Interpretationen. Ebenso rigoros wehrt er viele persönliche Fragen und (vulgär-)psychologische Interpretationen seiner Filme ab. Er präsentiert sich als einen sehr nachdenklichen Menschen, der durchaus selbstironisch über seine Filme und die verschiedenen Reaktionen des Publikums spricht. So sind einige Filme in Frankreich (seinem zweiten Land, in dem er regelmäßig dreht) erfolgreich, aber nicht in Österreich oder Deutschland – und in den USA sieht es wieder anders aus.

Wenn mich die Leute in New York auf der Straße an sprechen und mir sagen, Caché habe sie bewegt wie noch lange kein Film mehr, dann freut mich das natürlich. Und in Frankreich passiert mir das auch oft. In Frankreich kennt man mich ohnehin besser als hier. Dort gibt es ein Kinopublikum, das wirklich enthusiastisch ist, und die Leute zeigen es einem auch. Natürlich gibt’s dann auch Lob von der falschen Seite. Mir sind die kritischen Äußerungen eines intelligenten Kritikers lieber als die Begeisterung von Dummköpfen. Aber selbst die freut einen – wer ist schon frei von Eitelkeit?

Michael Haneke, S. 126

Für die zweite Auflage von „Nahaufnahme Michael Haneke“ interviewte Assheuer am 7. November 2009 den Regisseur über seinen neuen Film „Das weiße Band“. Dabei geht Haneke vor allem auf die Schwierigkeiten vor und während des Drehs ein: die langwierige Suche nach den Kinderdarstellern und dem richtigen Drehort und die ebenfalls langwierige Überzeugungsarbeit bei Geldgebern, dass „Das weiße Band“ in Schwarzweiß gedreht wird. Eine Entscheidung, die aus ästhetischen Gründen nachvollziehbar ist, aber normalerweise den Tod an der Kasse bedeutet.

Als nette Beigabe gibt es die beiden von Michael Haneke geschriebenen Texte „Schrecken und Utopie der Form – Bressons ‚Au hasard Balthazar’“ und der Vortrag „Gewalt und Medien“ zu einer Vorführung von „Bennys Video“.

Die Interviews laden zum Nachdenken über das eigene Sehen und zum wiederholten (?) Sehen der Filme von Michael Haneke, die ja ziemlich regelmäßig im Fernsehen laufen und auf DVD erhältlich sind, ein.

Nahaufnahme Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer

(Zweite, aktualisierte Auflage)

Berlin, 2010

224 Seiten

14,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Michael Haneke (deutsch, englisch)

Arte: Interview mit Michael Haneke zu „Das weiße Band“


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2 Responses to Im Verhörzimmer nebenan: Thomas Assheuer befragt Michael Haneke

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