Gute Verpackung, schlechter Inhalt

Die Covers sind gut und, obwohl von verschiedenen Gestaltern entworfen, sogar überraschend ähnlich. Der Inhalt auch. Irgendwie. Denn beide sind Pulp. Beide haben eine schwarzhumorige Note. Beide haben einen guten Anfang. Beide werden teilweise euphorisch gelobt. Vor allem Bazells Debüt „Schneller als der Tod“ gefällt anscheinend allen. Denis Johnsons „Keine Bewegung!“ wird wesentlich reservierter aufgenommen. Und von beiden Büchern hatte ich viel mehr erwartet.

Auf der ersten Seite von „Schneller als der Tod“ wird Assistenzarzt Dr. Peter Brown auf dem Weg zur Arbeit überfallen. Er schlägt den Dieb übel zusammen, vögelt auf dem Weg zur Dienstbesprechung eine Pharmavertreterin und wirft sich wie blöde Pillen ein. Kurz: ein ganz normaler Arbeitstag in einem New Yorker Krankenhaus, bis Brown sich einen neuen Patienten ansieht und mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Denn der Patient ist der Mafiosi Eddy Squillante, der ihn sofort als den ins Zeugenschutzprogramm untergetauchten Mafiakiller Pietro „Bärentatze“ Brnwa erkennt und, damit er seine Operation auch wirklich überlebt, droht, Brown an seine Mafiafreunde zu verraten.

Während Dr. Brown versucht, das Leben des todkranken Mafiosi und sein eigenes zu retten, schneidet Bazell Browns Biographie in die aktuellen Ereignisse. Er erzählt, wie Brown zum Killer wurde, wie er seine Großeltern rächen wollte, wie er seine Arbeit erledigte, wie er sich mit seinem besten Freund zerstritt und wie er letztendlich ausstieg. Diese fast 170-seitige Backstory bringt die Hauptgeschichte des 300-seitigen Krimis nicht voran und gibt dem Helden eine höchst überflüssige, klischeebeladene Vorgeschichte. Denn natürlich wurde Brown nur deshalb zum Killer, um seine feige ermordeten Großeltern zu rächen. Undsoweiterundsofort.

Außerdem, was natürlich bei einem Comic-Crime-Buch (irgendwie klingen die deutschen Übersetzungen „Krimikomödie“ und „witziger Kriminalroman“ blöd) ein großer Nachteil ist, fand ich „Schneller als der Tod“ nicht witzig. Ich konnte, und dabei lache ich mich bei Carl Hiaasen oder Donald Westlake schlapp, nicht einmal lachen.

Dennis Johnsons „Keine Bewegung!“ ist dagegen ein Versuch in Noir.

Freizeitmusiker Jimmy Luntz ist vielleicht kein guter Musiker, aber er ist definitiv ein schlechter Schuldner. Nach einem Konzert möchte Ernest Gambol, dass Luntz endlich seine Schulden zurückzahlt. Als sie gemeinsam unterwegs sind, eskaliert die Situation und plötzlich liegt Gambol verletzt auf der Straße und Luntz ist auf der Flucht. Er trifft Anita Desilvera, die gerade bei ihrer Scheidung gnadenlos über den Tisch gezogen wurde und jetzt mittellos ist. Aber sie weiß, wo ihr Mann, der Bezirksstaatsanwalt, und ihr Geliebter, der Richter, dessen Sekretärin sie war, über zwei Millionen Dollar gebunkert haben. Die beiden tun sich zusammen.

Und dann ist da noch Gambol. Er kuriert seine Verletzung nicht aus, sondern verfolgt hasserfüllt Luntz.

Der mit dem National-Book-Award ausgezeichnete Denis Johnson schrieb „Keine Bewegung!“ als vierteilige Geschichte für den „Playboy“. Aber das entschuldigt nicht die chaotische Geschichte, bei der einem alle Charaktere herzlich unsympathisch und egal sind. Dazu kommt Johnsons eigenwilliger Stil. Er erzählt gerne, leicht achronologisch, die Ereignisse vor einem Vorfall, dann die Auswirkungen und erst anschließend, in einer halbherzigen Rückblende, manchmal erst Seiten später, was geschah. Da fragt man sich als Leser öfters, leicht verwirrt, warum jetzt jemand blutend auf dem Boden liegt oder an einem anderen Ort ist. So liest sich „Keine Bewegung!“ wie ein liebloser Verschnitt verschiedener nicht miteinander zusammenhängender Geschichten.

Da hätte ein echter Pulp-Autor mehr herausholen können.

Josh Bazell: Schneller als der Tod

(übersetzt von Malte Krutzsch)

Fischer Verlag, 2010

304 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

Beat the Reaper

Little, Brown and Company, 2009

Dennis Johnson: Keine Bewegung!

(übersetzt von Bettina Abarbanell)

Rowohlt, 2010

208 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

Nobody Move

Farrar, Straus and Giroux, 2009

Hinweise

Homepage zu „Beat the Reaper“

Focus interviewt Josh Bazell (11. März 2010)

Krimi-Forum interviewt Josh Bazell (März 2010)

Wikipedia über Dennis Johnson (deutsch, englisch)

Lesung

Am Dienstag, den 12. Oktober, besucht Josh Bazell Berlin. Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr im Babylon-Kino (Rosa-Luxemburg-Straße 30; Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz).

Keine Angst, ich werd sicher nochmal darauf hinweisen.

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3 Responses to Gute Verpackung, schlechter Inhalt

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  2. […] 6 Josh Bazell: Schneller als der Tod […]

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