DVD-Kritik: Die Charakterstudie „Der Uhrmacher von St. Paul“

Ein Vater steht vor der Frage, wie er damit umgeht, dass sein Sohn ein Mörder ist. Das ist die Geschichte von „Der Uhrmacher von St. Paul“, die der über Dreißigjährige Bertrand Tavernier in den frühen Siebzigern in seinem in seinem Geburtsort spielendem Debütfilm erzählte. Dafür nahm er einen bereits 1954 erschienenen Roman von Maigret-Erfinder Georges Simenon und passte ihn seinen Bedürfnissen an. So verlegte er die Geschichte in die Gegenwart und nach Lyon.

Dort ist Michel Descombes (Philippe Noiret) ein geachteter Uhrmacher, der sich regelmäßig mit seinen bourgeoisen Freunden in einer Gaststätte trifft, allein lebt und allein einen Sohn großgezogen hat. Er glaubt, dass sie sich gut verstehen und Bernard keine Geheimnisse vor ihm hat. Umso schockierter ist er, als die Polizei ihm sagt, Bernard habe einen Mord begangen und sei mit seiner Freundin auf der Flucht.

Descombes fragt sich, warum Bernard zum Mörder wurde und warum er nichts von seiner Freundin wusste. In den Medien wird der Mord schnell und entsprechend dem Zeitgeist zu einer politischen Tat gegen einen Ausbeuter umgedeutet.

Dieser politische Hintergrund ist in „Der Uhrmacher von St. Paul“ immer, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen, präsent. Auch die 68er kämpften gegen ihre Eltern, fragten sie nach ihrer Verantwortung für Hitler und die Kollaboration (das dunkle Kapitel in Frankreichs Geschichte), kämpften für eine antikapitalistische Gesellschaft, wollten alles anders machen als ihre Eltern und stellten sie als Mitläufer an den Pranger. Dieser Generationenkonflikt, der in den Sechzigern auf den Pariser Straßen ausgetragen wurde, ist auch in der Provinz angekommen. Eine Versöhnung schien 1973, als der Film gedreht wurde, immer noch unmöglich.

Dieser teils politisch, teils familiär ausgetragene Konflikt zwischen den Vätern und ihren Söhnen steht im Zentrum des Films. Dabei nimmt der 1941 geborene Tavernier die Perspektive der Eltern ein. Er fragt sich, wie Eltern mit den Taten ihrer Kinder umgehen sollen.

Und er wählte eine zutiefst ironische Struktur. Am Anfang wohnt Bernard noch bei seinem Vater, sie verstehen sich gut und haben keine Geheimnisse voreinander. Descombes legt sich auch, nachdem er von der Tat erfahren hat, in das Bett seines Sohnes. Sie sind, wie das Bild sagt, zwar körperlich voneinander getrennt, aber seelisch zusammen. Jedenfalls glaubt Descombes das und er beginnt das ihm unbekannte Leben seines Sohnes zu erforschen. Er erfährt, dass er und sein Sohn zwar zusammenlebten, aber er nichts von seinem Sohn wusste.

Nach über einer Stunde, vor dem ersten Auftritt von Bernard, wird von dem ermittelndem, immer betont freundlichem Inspektor Guilboud (Jean Rochefort) gegenüber Descombes die zentrale Frage für den Film und die damalige Zeit gestellt: „Da man seine eigenen Kinder nicht versteht, wofür Sie ein Beispiel sind, versucht man wenigstens die der anderen zu verstehen. Es ist mein Beruf Mördern und Gangstern nachzujagen, aber deren Motive sind mir egal. Die Geschichte ihres Sohnes ist viel wichtiger. Sie ist symptomatisch für unsere Zeit. Ich frage mich, was wir den jungen Leuten getan haben.“

Descombes weiß darauf keine Antwort und auch der Film verweigert die Antwort.

Das Ende wird mit der Gerichtsverhandlung vorbereitet, die nur aus einem Satz besteht. Descombes, leicht von unten aufgenommen erinnert an einen Priester ohne Talar, sagt: „Ich erkläre mich hiermit völlig solidarisch mit meinem Sohn.“

Damit gibt Tavernier eine damals sicher utopische, heute fast schon selbstverständliche Antwort auf den tobenden Generationenkonflikt: die Eltern müssen sich auf die Seite ihrer Kinder stellen. Auch wenn sie vielleicht nicht alle Beweggründe verstehen. Auch wenn die Kinder nicht mit ihnen reden wollen.

Im Gefängnis besucht Descombes seinen zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Sohn. Jetzt sind sie zwar physisch voneinander getrennt. Sie können sich durch die Gitter und den sie trennenden Gang noch nicht einmal berühren, aber dafür sind sie psychisch wieder vereinigt.

Das ist das Ende einer ruhigen Charakterstudie über einen introvertierten Menschen und eines beeindruckenden Debütfilms, der auch aufgrund seines langsamen Erzähltempos keine leichte Kost ist. Außerdem ist „Der Uhrmacher von St. Paul“ eine Liebeserklärung an Taverniers Geburtsort.

In den folgenden Jahrzehnten drehte Tavernier wahrscheinlich in jedem Genre spannende Filme und er verfilmte immer wieder Krimis. 1981, wieder mit Noiret in der Hauptrolle, Jim Thompsons „Pop. 1280“ (1280 schwarze Seelen) als „Der Saustall“. 2009 James Lee Burkes „In the electric mist with confederate dead“ (Im Schatten der Mangroven) als „In the electric mist“.

Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Bertrand Tavernier, Jean Aurenche, Pierre Bost

LV: Georges Simenon: L’horloger d’Everton, 1954 (Der Uhrmacher von Everton)
mit Philippe Noiret, Jean Rochefort, Jacques Denis, Sylvain Rougerie, Christine Pascal

DVD

Arthaus

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Uhrmacher von St. Paul“ (deutsch, englisch, französisch)

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Senses of Cinema: Carloss James Chamberlin über Bertrand Tavernier (August 2003)

Meine Besprechung der von Bertrand Tavernier inszenierten James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist“

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2 Responses to DVD-Kritik: Die Charakterstudie „Der Uhrmacher von St. Paul“

  1. […] Mehr in meiner ausführlichen Besprechung. […]

  2. […] Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul“ […]

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