DVD-Kritik: Neil Jordan, Bob Hoskins und „Mona Lisa“

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war – dank Margaret Thatcher, Channel 4 und dem British Film Institute (BFI) – das britische Kino eines der aufregendsten Kinos. Fast im Wochentakt erschien ein sehenswerter Film nach dem nächsten. „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Prick up your ears“, „Sammy und Rosie tun es“, „Brief an Breshnev“, „Wasser – Der Film“, „Local Hero“, „The Fruit Machine – Rendezvous mit einem Killer“, „Rififi am Karfreitag“ (DVD-Neuausgabe im September), „Stormy Monday“, „Wish you where here“, „High Hopes“ und „Mona Lisa“, um nur einige zu nennen, die großen Mainstreamproduktionen und die Filme von Peter Greenaway ignorierend, gehören dazu. Sie erzählten oft kleine Geschichten, teils märchenhaft überhöht, aber immer mit einem genauen Blick auf die englische Realität, meisten mit Charakteren, die bislang in Filmen höchstens Nebenrollen übernehmen durften, immer mit Sympathie für die Außenseiter und normalerweise in strikter Opposition zur Thatcher-Politik.

Es war eine spannende Zeit.

Es gab viel zu entdecken.

Heute laufen die Filme viel zu selten im Fernsehen und auch auf DVD sind sie nur teilweise erhältlich. Umso erfreulicher ist die Wiederveröffentlichung von

Neil Jordans (Drehbuch und Regie) und David Lelands (Drehbuch) „Mona Lisa“.

In dem Noir erzählen sie in einem London, das oft wie eine sorgfältig inszenierte Bühne für eine griechische Tragödie wirkt, die Geschichte des kleinen Gauners George (glänzend gespielt von Bob Hoskins). Er hat gerade eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hat. Seine Frau will ihn nicht mehr sehen und versucht jeden Kontakt zu seiner fast erwachsenen Tochter zu verhindern. Auch der Gangsterboss Denny Mortwell (Michael Caine, gewohnt gut) will George nicht sehen. Aber weil George damals schwieg, verschafft Mortwell ihm ein Gnadenbrot. Er soll die dunkelhäutige Highclass-Prostituierte Simone (Cathy Tyson, ebenfalls überzeugend) zu ihren Kunden fahren. Für George ist das keine leichte Aufgabe. Denn zu seinem Working-Class-Ethos gehört es, dass Männer Frauen beschützen und dass Frauen sich nicht verkaufen. Sie hält ihn für eine Bauerntrampel.

Dennoch sind sie verwandte Seelen. Als Cathy ihm erzählt ihm, dass sie ihre verschwundene, minderjährige, drogensüchtige und sich deshalb prostituierende Freundin suche, will George ihr helfen. Er beginnt sie in den Pornoläden und Absteigen von Soho zu suchen und gerät in eine Geschichte, die er nie vollständig überblickt und die ständig mit seinen Werten kollidiert.

Mona Lisa“ reflektiert, wie die anderen Filme des New British Cinema, die Veränderungen in der englischen Gesellschaft. Während der naive George noch an den alten Werten hängt, hat Mortwell sich als erfolgreicher und pragmatischer Geschäftsmann angepasst. Er verdient jetzt mit dem Sexgeschäft in all seinen Facetten Geld. Dazu gehören neben der Highclass-Prostitution auch das Drehen von Sexvideos, Kinderprostitution und die Erpressung reicher Freier.

Und diese Geschäfte könnten weiterlaufen, wenn nicht George, der nie das ganze Bild sieht, Simone helfen möchte. Denn er wird auch von Simone benutzt. Er benimmt sich, ohne es zu bemerken, als Working-Class-Mitglied in den Gefilden der Upper-Class immer wieder falsch. Er forciert unwissentlich eine fatale Dynamik, die mit einigen Toten endet. Aber er verliert in diesem Alptraum niemals seine Integrität.

Der für seine Darstellung mehrfach nominierte und ausgezeichnete Bob Hoskins verleiht diesem Mann ein Gesicht und eine Tiefe, die uns mit ihm mitfühlen lässt. Denn, auch das ist eine Konstante des britischen Kinos: er lässt sich nicht unterkriegen. Außerdem sieht er, obwohl er das Geschäft mit dem käuflichen Sex ablehnt, hinter Simones cooler Fassade auch den Menschen. In einer Szene korrigiert er, bevor sie in einem Hotel zu einem Freier geht, ihre Kleidung und ihre Haare. Denn sie soll gut aussehen.

Als Bonusmaterial gibt es einen informativen Audiokommentar von Neil Jordan und dem schweigsamen Bob Hoskins. Jordan spricht über seine Herkunft, wie er zum Regisseur wurde, über das Drehbuch, welche Probleme es während der Produktion gab, über das Casting, die Dreharbeiten, seine Absichten bei bestimmten Szenen, über das Filmende und wie es dazu kam, dass er den Genesis-Song „In too deep“ vollständig einsetzte. Sein Kommentar ist eine kleine Filmschule.

Die „HandMade-Story“ ist ein knapp halbstündiger Zusammenschnitt aus Slideshow und Filmtrailern, bei dem Werbung und Selbstbeweihräucherung im Vordergrund stehen. Für einen ersten Einblick (oder eine Erinnerung) an eine wichtige Filmfirma ist der Film okay. Außerdem gibt es, als Texttafeln, Kurzbiographien von Bob Hoskins, Michael Caine, Robbie Coltrane und Neil Jordan, eine Bildergalerie und den Originaltrailer.

Anmerkung 1: Wer wegen der FSK-18-Bewertung auf eine satte Portion Blut, Gewalt und Sex hofft, sollte die Finger von „Mona Lisa“ lassen.

Anmerkung 2: Vergessen Sie das Cover. Anthony Hopkins spielt nicht mit.

Anmerkung 3: Die Bildqualität des Trailers ist bescheiden. Sorry, aber ich habe keinen besseren gefunden.

Mona Lisa (Mona Lisa, GB 1986)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: Neil Jordan, David Leland

mit Bob Hoskins, Cathy Tyson, Michael Caine, Robbie Coltrane, Clarke Peters

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Audiokommentar von Neil Jordan und Bob Hoskins, The Handmade-Story, Originaltrailer, Bildergalerie, Bio- und Filmographien

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage von Neil Jordan

Wikipedia über „Mona Lisa“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Mona Lisa“

Pompous Film Snob über „Mona Lisa“ (18. März 2010, sehr begeistert)

New York Times: Vincent Canby über „Mona Lisa“ (13. Juni 1986, nicht so begeistert)

Die Zeit: Norbert Grob über „Mona Lisa“ (19. Dezember 1986)

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