DVD-Kritik: Mäh, „Männer, die auf Ziegen starren“

Ganz dunkel erinnere ich mich an einen Artikel aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer schnell eingestellten Lizenzausgabe eines amerikanischen Science-Fiction-Magazins über parapsychologische Experimente von US-Soldaten. Damals wusste ich nicht, wie glaubwürdig die Reportage war. Vielleicht erinnere ich mich auch vollkommen falsch an den Text. In jedem Fall dachte ich, dass er wahrscheinlich Unfug war.

Vor sechs Jahren veröffentlichte Jon Ronson ein Buch über seine Recherchen über das erste Erdbataillon und wir erfuhren, dass die US-Army in den Siebzigern und Achtzigern in diese Richtung forschte. Sie wollten bessere Soldaten werden und friedlichere Formen des Krieges finden. Nach dem 11. September wurden einige Ideen in die Praxis umsetzt. Einmal dürfen Sie raten, welche.

Jetzt inszenierte Grant Heslov eine durchgeknallte, starbesetzte Schwarze Komödie, die sich, trotz der von Drehbuchautor Peter Straughan für den Film erfundenen Geschichte, erstaunlich genau an Ronsons Buch hält. Straughan (er schrieb auch das Drehbuch zur neuen John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Tailer, Soldier, Spy“) übernahm viele Szenen wortgenau und hielt sich an Jon Ronsons gewöhnungsbedürftige Struktur. Ronson erzählt die Geschichte der Psychosoldaten als eine Abfolge von Interviews, die in der Chronologie hin und herspringen. Dabei ist es schwer, auch weil Ronson vor allem den naiven, Fragen stellenden Journalisten spielt, den Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen zu überprüfen. Beim Lesen ergibt sich jedenfalls nur langsam ein halbwegs vollständiges Bild von den Experimenten des Militärs. Am Ende seines Buches erzählt Ronson von der dunklen Seite der Psychoexperimente. Denn während die Psychosoldaten mit Musik für eine friedliche Stimmung sorgen wollten, wurde im Krieg gegen den Terror Musik als Folterinstrument eingesetzt.

Diese Struktur von aktueller Recherche, die mit Rückblenden illustriert wird, funktioniert im Film wesentlich besser als im Buch. Und die neu erfundene Geschichte (ein Journalist begleitet einen ehemaligen Psychosoldaten, der seine reaktivierte Einheit sucht) zeigt ebenfalls die Aktualität der Ideen von Oberstleutnant i. R. Jim Channon, dem Initiator des First Earth Battalion. Channon suchte nach dem Vietnam-Krieg nach neuen Wegen der Kriegsführung. Er fragte sich, inwiefern man die Ideen der verschiedenen in Kalifornien existierenden Esoterik-Zirkel und das Gedankengut der Hippies für die Armee nutzen könne. Er suchte nach Möglichkeiten, wie Soldaten ihr Potential besser nutzen können und wie man Kriege anders führen könnte. Diese von ihm im „Handbuch des Ersten Erdbataillons“ niedergelegten Gedanken zirkulierten dann im Militär, fanden Anhänger und wurden weitergedacht.

Außerdem folgt der Film den beiden im Buch angelegten emotionalen Reisen. Die eine ist die der Psychosoldaten von den überbordenden Hoffnungen am Anfang hin zur Enttäuschung über die sinnentstellende Verwendung ihrer Ideen – und ihrem Versuch im Irak eine positive Stimmung zu verbreiten. Die andere ist die des Journalisten vom Skeptiker, der die Psychosoldaten für Spinner hält hin zu einer positiveren Einstellung ihnen gegenüber. Im Film ergreift der Journalist am Ende sogar Partei für die Psychosoldaten und in der letzten Filmminute, nachdem er seine Reportage über die „Männer, die auf Ziegen starren“ geschrieben hat, läuft er durch die Wand. Es ist, immerhin ist es ein Film, vor allem ein Aufruf auch das Undenkbare zu denken und zu probieren. In seinem Audiokommentar betont Jon Ronson, dass er immer ein Skeptiker geblieben sei – und auch der Film gibt dieser Skepsis reichlich Nahrung.

Ein Film über die wahren Jedi-Krieger

Kleinstadtjournalist Bob Wilton (Ewan McGregor) wurde gerade von seiner Freundin verlassen. Jetzt sitzt er in Kuwait City und wartet auf die große Story vom Kampf der amerikanischen Soldaten gegen die bösen Iraker. Aber die Topjournalisten meiden ihn und er ist hier nicht näher an der großen Story als in Ann Arbor, Michigan. Eines Abends sieht er Lyn Cassady (George Clooney). Von ihm hat er, als er eine Reportage für die “Vermischtes“-Seiten schrieb, schon einmal gehört: Cassady soll ein begnadeter Psychokrieger sein, der mit der Kraft seiner Gedanken Ziegen töten kann. Wilton hielt die Geschichte damals für offensichtlichen Unfug. Aber jetzt könnte es eine Story sein.

Nachdem Cassady sich von der Vertrauenswürdigkeit des Journalisten überzeugte (eine Zeichnung spielt dabei eine wichtige Rolle), nimmt er ihn mit in den Irak. Denn Cassady ist reaktiviert und auf dem Weg zu seiner Einheit.

Diese Suche nach Cassadys wiederbelebter Einheit ist eine Folge absurder Abenteuer, die von Cassadys Erinnerungen unterbrochen wird. Er erzählt Wilton, wie Bill Django (Jeff Bridges) in jeder Hippie-Kommune und jedem Esoteriker-Treffen in Kalifornien in den Siebzigern Feldstudien betrieb, die New Earth Army gründete, sie ausbildete und Cassady eine Ziege totstarrte.

Das ist pointiert erzählt, zeigt einiges vom Wahnsinn militärischen Denkens und schon von der Grundidee, obwohl sie und alle Rückblenden auf Tatsachen basieren, komisch. Denn allein die Bilder von Djangos Reise durch die kalifornischen Selbstverwirklichungsgruppen, die zu Hippie-Musik tanzenden Soldaten in Uniform oder die todernsten Vorträge von Bill Django, dem Initiator der New Earth Army, über die neue, friedliche Form des Kampfes und die ausdruckslosen Gesichter der ihm zuhörenden Soldaten, sind grandios. Ein weiterer Pluspunkt sind die Schauspieler, die erkennbar ihren Spaß haben und den gesamten Unfug absolut glaubhaft präsentieren.

Aber dennoch hat man immer den Eindruck, dass „Männer, die auf Ziegen starren“ unter seinen Möglichkeiten bleibt. Vielleicht liegt es an dem assoziativen Plot, vielleicht an der mangelnden satirischen Schärfe, vielleicht an der unentschiedenen Haltung zwischen Spaß mit und Spaß über die Soldaten, vielleicht an dem fantastischen und unbefriedigendem Ende im Irak oder dem etwas banalen Aufruf am Filmende, dass wir jetzt mehr Jedi-Krieger (wie sich die Psychosoldaten selbst nennen) brauchen.

Dabei, und in diesem Punkt haben die Macher absolut recht, braucht die Gesellschaft Menschen, die auch außerhalb der gewohnten Konventionen denken und neues probieren. Auch wenn sie, wie Generalmajor Albert Stubblebine III (in der Realität) oder Dean Hopgood (im Film) beim Durch-die-Wand-Gehen immer wieder scheitern und die Erlebnisse von Wilton und Cassady im Irak mehr als einmal Zweifel an Cassadys paranormalen Fähigkeiten wecken. Immerhin versuchen sie es.

Außerdem ist allein der konsternierte Blick von Ewan McGregor auf die todernste Eröffnung von George Clooney, er sei ein Jedi-Krieger, das Ansehen wert. McGregor sieht ihn an, als habe er als einziger Mensch im Universum noch nie etwas vom „Krieg der Sterne“ gehört. Im Trailer ist diese Szene gar nicht so witzig.

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial für die DVD ist auf den ersten Blick mit geschnittenen Szenen, B-Roll, zwei Hintergrundberichten und zwei Audiokommentaren sehr umfangreich ausgefallen. Aber beim Ansehen bleibt dann, wie bei dem Film, das Gefühl zurück, dass mehr möglich gewesen wäre. Die geschnittenen Szenen sind erfreulich kurz ausgefallen. Hier haben die Macher wirklich das gefilmt, was dann auch in den Film kam. Die B-Roll ist, nun ja, die B-Roll. Die beiden Hintergrundberichte sind viel zu kurz. Das siebenminütige Making-of beschränkt sich hauptsächlich auf Lobhuddeleien. Das zwölfminütige Featurette über die wahren Hintergründe von „Männer, die auf Ziegen starren“ ist informativ, aber man hätte den wahren Psychosoldaten Lieutenant Colonel i. R. Jim Channon (dem Gründer des Ersten Erdbataillons), Colonel i. R. Dr. John Alexander (der Channons Ideen benutzte, um über den Einsatz nicht-tödlicher Waffen nachzudenken), Major i. R. Ed Dames und Sergeant First Class i. R. Glenn Wheaton gerne länger zugehört und genauer erfahren, wie deren Traum von einem friedlichen Militär (was ein Widerspruch in sich ist) in der Entwicklung von nicht-tödlichen Waffen, die teilweise nicht harmloser als tödliche Waffen sind, und neuen Foltermethoden endete.

In Teilen befriedigt der Audiokommentar von Jon Ronson dieses Bedürfnis. Er erzählt ausführlich aus welchen realen Vorbildern die Filmcharaktere zusammengefügt wurden, was von seinem Buch teilweise wortwörtlich übernommen wurde und von seinen Recherchen, wozu auch viele Informationen gehören, die er nicht in seinem Buch verarbeitete.

Der Audiokommentar von Regisseur Grant Heslov erschöpft sich dagegen weitgehend in einer letztendlich langweiligen Aufzählung der verschiedenen Drehorte, der dort herrschenden Temperaturen (Hinweis: Auch wenn Sie in die Wüste fahren, brauchen Sie unter Umständen Winterkleidung.) und der benutzten visuellen Effekte.

Männer, die auf Ziegen starren (The men who stare at goats, USA 2009)

Regie: Grant Heslov

Drehbuch: Peter Straughan

mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Stephen Lang, Robert Patrick, Waleed Zuaiter, Stephen Root, Glenn Morshower

DVD

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Grant Heslov, Audiokommentar von Jon Ronson, Geschnittene Szenen, Goats Declassified: Die wahren Männer des 1. Bataillons (Featurette), Projekt „Hollywood“: Ein Geheimbericht vom Set (Featurette), B-Roll, Trailer (deutsch, englisch), Bildergalerie, interactivevideo™ (exklusiver Zugang zur Online-Lounge), Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

Jon Ronson: Männer, die auf Ziegen starren

(übersetzt von Martin Jaeggi)

Heyne, 2010

272 Seiten

7,95 Euro

Deutschsprachige Erstausgabe

Durch die Wand

Salis Verlag, Zürich, 2008

Originalausgabe

The men who stare at goats

Picador, London, 2004

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Männer, die auf Ziegen starren“

Wikipedia über „Männer, die auf Ziegen starren“ (deutsch, englisch)

Homepage von Jon Ronson

Den of Geek: Interview mit Jon Ronson (5. November 2009)

UGO: Interview mit Jon Jonson (6. November 2009)

Homepage des 1st Earth Battalion

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2 Responses to DVD-Kritik: Mäh, „Männer, die auf Ziegen starren“

  1. […] McGregor spielt, nach „Männer, die auf Ziegen starren“, wieder einen Schreiber. Und wieder stolpert er in eine Geschichte hinein, die er die meiste […]

  2. […] Köstlich durchgeknallte Militärsatire (alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung von Buch und Film). […]

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