Hat Ian Rankin „Ein reines Gewissen“?

Ein Fall für Malcolm Fox“ steht groß auf dem Cover von Ian Rankins neuem Roman „Ein reines Gewissen“ und damit ist die Botschaft eindeutig: Malcolm Fox soll der neue Seriencharakter von Ian Rankin werden. Seinen vorherigen, sehr erfolgreichen Inspector John Rebus musste er altersbedingt in Pension schicken. Danach probierte Ian Rankin einiges aus: eine Oper, ein Comic, ein Kurzromane und einen Fortsetzungskrimi für die New York Times. Diese Geschichte überarbeitete er für die Buchveröffentlichung gründlich. Der so entstandene Heist-Krimi „Der Mackenzie-Coup“ war eine unterhaltsame Geschichte über den großen Coup. Es war allerdings auch eindeutig ein Zwischenwerk. Ein tiefes Durchatmen vor neuen, großen Taten.

Mit „Ein reines Gewissen“ soll ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. DI Malcolm Fox ist jünger. Er arbeitet bei den Internen Ermittlern. Er ist ein Teamspieler. Er lebt zwar auch allein, aber er hat eine Schwester, die er öfters sieht und einen Vater, der in einem Altersheim lebt und den er noch öfters sieht. Er ist ein Ex-Alkoholiker. Und, sicher auch weil Ian Rankin Malcolm Fox zu einem Gegenentwurf von John Rebus machen wollte, hat er einen ziemlichen Langweiler entworfen. Denn auch nach fünfhundert Seiten ist einem dieser nette Malcolm Fox immer noch ziemlich egal.

Auch der Fall verläuft in den gewohnten Bahnen. Malcolm Fox soll der Abteilung für Kinderschutz helfen. Sie glauben, dass DS Jamie Breck sich Kinderpornos auf seinen Computer runtergeladen und mit seiner Kreditkarte bezahlt hat. Fox und sein Team sollen ihnen die nötigen Informationen beschaffen. Schnell findet Fox Breck sympathisch und, je mehr er über ihn erfährt, umso weniger glaubt er, dass der Verdacht richtig ist.

Parallel erzählt Ian Rankin wie Malcolm Fox seinen Vater Mitch in einem Altersheim besucht und wie er sich über Vince Faulkner, den neuen Freund seiner Schwester Jude, ärgert. Denn Faulkner schlägt sie und sie ist nicht bereit ihn zu verlassen. Was auch daran liegt, dass sie selbst, nun, keine unproblematische Person ist.

Als Faulkner ermordet wird, Fox in Verdacht gerät und suspendiert (Gähn!) wird, verbündet er sich mit Breck. Sie wollen den Mörder fangen und herausfinden, wer Breck wegen Kinderpornographie anschwärzen will. Tja, und irgendwann verschwindet der Bauunternehmer Charlie Brogan, der Chef von Faulkner war und verheiratet mit der Tochter von einem Gangsterboss ist, spurlos während eines Segeltörns. Ein Unfall, Selbstmord (denn auch in Edinburgh sind die Immobilienpreise im Keller) oder Mord?

Spätestens ab diesem Moment erzählt Ian Rankin „Ein reines Gewissen“ wie auf Autopilot fertig.

Denn „Ein reines Gewissen“ beginnt unglaublich holprig. Man hat den Eindruck, dass Rankin nachdem er im ersten Viertel des Buches mit viel zu viel Privatgedöns langweilt, irgendwann feststellte, dass er einen Abgabetermin hat und bis dahin eben fünfhundert Seiten gefüllt haben muss.

Das macht „Ein reines Gewissen“ noch nicht zu einem wirklich schlechtem Buch. Es ist aber ein enttäuschendes Ian-Rankin-Werk, das den eher schwachen „Mackenzie-Coup“ (es ist, weil die Genrekonventionen so stark sind, einfach schwer, einen guten Heist-Roman zu schreiben) zu einem besseren Roman macht. Rankin scheint immer noch keinen Plan für seine nächsten Romane zu haben.

Vielleicht sollte er sich in seinem nächsten Malcolm-Fox-Roman wirklich auf die internen Ermittlungen der Polizei konzentrieren oder einfach die Seiten wechseln und einige Gangsterromane schreiben. Da würde dann auch der Vergleich mit dem übermächtigen John Rebus wegfallen. Immerhin sind in England die Rebus-Romane, wie bei uns, Bestseller und zwei Schauspieler verliehen John Rebus für das Fernsehen ihr Gesicht.

À propos Fernsehen: Die Verfilmungen von „Der Mackenzie-Coup“ und „Ein reines Gewissen“ sind für 2011 von ITV und BBC geplant und Rankin darf bei der Besetzung mitreden.

Ian Rankin: Ein reines Gewissen

(übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2010

512 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Complaints

Orion Books, London 2009

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Ian Rankin in der Kriminalakte

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