„Martha Washington“ – Frank Millers und Dave Gibbons‘ Vision von der Gegenwart

Was passiert, wenn „Sin City“, „The Dark Knight Returns“ (Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters) und „Watchmen“ aufeinander stoßen?

Das ist eine interessante Frage, die bereits 1990 beantwortet wurde.

Frank Miller und Dave Gibbons haben sich damals zusammengetan und mit der vierteiligen Serie „Martha Washington“ (die später aufgrund des Erfolgs einige Fortsetzungen erhielt, die jetzt, teilweise erstmals, bei uns erscheinen) eine vollkommen andere Welt geschaffen, die als Science-Fiction-Geschichte damalige Entwicklungen fortschrieb und, teilweise, an Frank Millers äußerst gewalttätige dystopische, fast zeitgleich entstandene Philip-K.-Dick-Hommage „Hardboiled“ erinnert. Weil Dave Gibbons „Watchmen“ und „Martha Washington“ zeichnete, sind die Parallelen zu Alan Moores in einer Parallelwelt spielendem Epos unübersehbar. Auch der Einsatz von erklärenden Zeitungsreportagen, Titelseiten und Anzeigen ist aus „Watchmen“ vertraut und zeichnet ein vielschichtiges, satirisches Bild einer totalitären Zukunft, die in erster Linie ein unübersehbarer Kommentar zur Tagespolitik war.

Heute, zwanzig Jahre später, ist es natürlich interessant zu sehen, was um 1990 heftig diskutiert wurde, was immer noch aktuell ist und was sich ganz anders entwickelte.

So ist die USA in „Martha Washington“ in verschiedene Staaten zerfallen. Es gibt „God’s Country“ („ein Paradies ohne Zigaretten und Drogen“ in dem „schlechte Musik, schlechtes Essen, schmutzige Wörter, Verhütung, Pornographie und Ehebruch“ verboten sind), „Wunderland“ (nun ja: Hollywood), das „Mexikanische Territorium“ (Hauptquelle für billige Arbeitskräfte), „Real America“ (regiert von dem Fastfood-Konzern Fat Boy Burgers), die „Lone-Star-Republik“ (Texas), „Florida“ (das wahrscheinlich demnächst von Kuba annektiert wird), die „Frauen-Konföderation“ (liegt natürlich an der Ostküste und glaubt, dass „alles Schlimme in dieser Welt von Männern verursacht wird“), die „Kapitalistische Ostküsten-Diktatur“ (Manhattan und anliegende Gebiete), die „New-England-Staatenföderation“ (die alle Verfassungszusätze ab 1990 annullieren möchte und 2009 den Crash der Datenbank des Finanzamtes verursachte) und noch einige Reststaaten, die in den „Vereinigten Staaten von Amerika“ verblieben sind und seit mehreren Wahlperioden von dem gleichen Präsidenten regiert werden.

Die 1995 geborene Afroamerikanerin Martha Washington wächst in Chicago in einem gescheiterten Projekt für Soziales Wohnen auf, kommt in eine Geschlossene Anstalt (eine Möglichkeit dem Ghetto zu entkommen) und geht zum US-Militär, das jetzt „PAX“ heißt. Für Martha gibt es dafür drei gute Gründe: „Jeder, der zu PAX geht, kriegt eine saubere Akte. Man kann nicht verhaftet werden. Das wird Mama echt anpissen.“

In Südamerika kämpft sie als PAX-Friedenskämpferin gegen internationale Fastfood-Konzerne, die den Urwald abholzen. Damals war das Abholzen der Regenwälder ein großes Thema (Na, ihr alten Säcke, erinnert ihr euch noch an die Demos mit dem „MacDonalds holzt den Regenwald ab“-Plakaten?), heute redet niemand mehr darüber.

Dafür ist aber die schlechte Situation der Indianer in den Reservaten bekannter. Marthas Abenteuer verschlagen sie nämlich auch in das unbewohnbare Reservat der Apachen. Fast die Hälfte der Apachen leidet, aufgrund von umweltverschmutzenden Ölraffinerien, an verschiedenen Lungenkrankheiten.

In dem Apachengebiet landete sie, nachdem sie im Weltall eine Mission gegen die Arische Achse, eine militante schwule Rassistengruppe, die als Racheakt mit einer Laserkanone das Weiße Haus einäschern wollen, mehr oder weniger erfolgreich beendete.

Aber auch dort wird Martha Washington von ihrem Intimfeind Moretti verfolgt. Sie rettete dem Feigling mit hochfliegenden Ambitionen im Dschungel das Leben. Danach baute er seine Karriere auf einer falschen Heldentat auf und er will die einzige Zeugin dafür töten. Diese Rachegeschichte ist die am Ende des ersten Heftes „Heim & Garten“ beginnende heftübergreifende Geschichte für die nächsten drei, hübsch ironisch betitelten Hefte „Freizeit & Vergnügen“, „Gesundheit & Wohlergehen“ und „Tod & Steuern“ von „Das Leben und Wirken der Martha Washington im 21. Jahrhundert“, wie der vollständige, an die offiziell-pompöse Geschichtsschreibung erinnernde Titel der Sammelausgaben der Martha-Washington-Geschichten lautet.

Ende August erscheint bei Panini mit „Martha zieht in den Krieg“ der zweite Band der dreibändigen „Martha Washington“-Komplettausgabe.

Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons /(Zeichner): Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2010

212 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Give me liberty

Dark Horse Comics, 1990 (Vier Hefte)

später auch als Sammelband erschienen

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Homepage von Dave Gibbons (coming soon…)

Dave-Gibbons-Fanseite

Wikipedia über Dave Gibbons (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons‘ „Watchmen“ (Watchmen, 1986/1987)

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3 Responses to „Martha Washington“ – Frank Millers und Dave Gibbons‘ Vision von der Gegenwart

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