DVD-Kritik: The Texas Chainsaw Massacre – 35th Anniversary Edition

The Texas Chainsaw Massacre“ ist ein Low-Budget-Horror aus den Siebzigern, der den Machern den Weg nach Hollywood ebnen sollte. Da bot sich ein Genrefilm, bevorzugt Horror oder Krimi, an, weil sie billig zu drehen sind und es immer ein Publikum für sie gibt. Dass er dann so erfolgreich wurde, überraschte alle Beteiligten. Dass er Eingang in die Popkultur finden würde, dass es ein ausgewachsenes Fantum geben würde und dass er stilbildend für viele weitere Horrorfilme werden würde, hätten die Macher sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt.

Auch nicht, dass „The Texas Chainsaw Massacre“, im Gegensatz zu anderen Horrorfilm-Blockbustern, wie „Der Exorzist“ und „Das Omen“, die damals ebenfalls für Kontroversen sorgten, auch über 35 Jahre nach der Premiere nichts von seiner schockierenden Wirkung verloren hat.

Denn, wie George A. Romero in dem ebenfalls systemkritischen „Die Nacht der lebenden Toten“, inszenierte Tobe Hooper einen Alptraum, in den die jungen Protagonisten hineingeworfen werden und aus dem es kein Entkommen gibt. Sie sind plötzlich fremden Mächten ausgeliefert, die nicht mit ihnen reden wollen, sondern mit nackter Brutalität agieren. Damals war das auch ein sehr deutlicher Kommentar zum Vietnamkrieg, Watergate und dem brutalen Agieren des Staates gegen die Hippie-Bewegung und deren friedliche Antikriegsproteste.

In Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ fahren fünf Jugendlichen, zwei Pärchen und der im Rollstuhl sitzenden Franklin, nach Texas um das Grab des Großvaters zu besuchen. Sie nehmen einen verrückten Anhalter mit, fahren an einem Schlachthof vorbei (was Franklin die Gelegenheit gibt, zu erzählen wie früher und heute Rinder getötet werden) und verirren sich in der texanischen Einöde. Sie erkunden ein leerstehendes Haus und entdecken ein weiteres Haus, in dem der geistig zurückgebliebene „Leatherface“ und seine Familie leben. Sie sind Kannibalen und das Haus ist ein bizarrer Schlachthof. „Leatherface“, der von dem plötzlichen Auftauchen der vielen Besucher überfordert ist, behandelt sie wie Schlachtvieh. Denn Tiere töten kann er. Am liebsten tötet er seine Opfer mit einem gezielten Hammerschlag auf den Kopf, aber auch die titelgebende Kettensäge erweist ihm gute Dienste. Pam hängt er an einem Fleischerhaken auf.

Der Höhepunkt des Schreckens ist für Sally, die einzige Überlebende der fünf Freunde, ein Abendessen mit der Kannibalenfamilie.

Diese Geschichte folgt den heute sehr ausgetretenen und oft auf Schocks reduzierten Pfaden der Urbanoia-Geschichten, in denen nette, harmlose, weiße Anfang Zwanzigjährige bei einem Ausflug ins platte Land auf eine Sippe degenerierter, gewaltlüsterner Hinterwäldler stoßen. Außerdem ließen die Drehbuchautor Kim Henkel und Tobe Hooper sich etwas von dem wahren Serienmörder Ed Gein inspirieren, der in den Fünfzigern in Wisconsin lebte. Aber im Gegensatz zu neueren Filmen, in denen die Leinwand in Blut getaucht wird und man alles sehen kann, werden in „The Texas Chainsaw Massacre“ die Morde nur angedeutet. So geschieht Leatherfaces erster Mord fast nebenbei, indem er Kirk mit einem gezielten Schlag auf den Kopf wie ein Tier tötet. Auch die anderen Morde spielen sich vor allem im Kopf des Zuschauers ab – und sind so viel wirkungsvoller.

Dafür nimmt Hooper sich viel Zeit, eine beängstigende Atmosphäre zu schaffen. Das beginnt schon in den ersten Minuten mit der Einleitung, in der betont wird, dass es sich um ein wahres Ereignis handelt (was natürlich Quatsch ist, denn die Ereignisse in dem Film finden nach dem Ende der Dreharbeiten statt) und den folgenden Schnappschüssen von teilweise mumifizierten und verwesten Menschenteilen, den Bildern von den beiden verwesten Leichen, die auf einem texanischen Friedhof in der Gluthitze zur Schau gestellt wurden, und den Sonneneruption. Ein Radiosprecher berichtet von unerklärlichen Gewalttaten. Die unüblichen Aufnahmewinkel, meistens aus der Untersicht, und die minimalistische Musik, die eher eine experimentelle Klangcollage ist, verstärken die bedrohliche Atmosphäre.

Es ist klar, dass im Staate Texas etwas nicht stimmt.

Der verrückte Anhalter, der sich in die Hand schneidet, und eine zurückgebliebene Putzkraft an einer Tankstelle, die kein Benzin mehr hat, verstärken dieses Gefühl einer diffusen Bedrohung, das erst im Haus der Familie greifbar wird. Da lebt „Leatherface“, der immer mit einer Ledermaske herumläuft und nur unartikulierte Töne ausstößt. Die Möbel sind aus Knochen gefertigt, auf dem Boden liegen Hühnerfedern und Knochen, an den Fenstern und den Decken baumeln Mobiles aus Knochen und ein Huhn ist in einen viel zu kleinem Vogelkäfig eingesperrt.

Und bis dahin haben wir den Rest der Familie und Großvater noch nicht kennen gelernt.

Aus dem kurzen Ausflug an einem sonnigen Sommertag wird ein von Tobe Hooper beeindruckend konsequent inszenierter Alptraum, aus dem es für die Jugendlichen kein entkommen gibt.

Und weil Hooper nicht die Schocks, sondern Suspense, gepaart mit einer ordentlichen Portion Paranoia, ins Zentrum stellte, ist „The Texas Chainsaw Massacre“ ein auch heute noch zutiefst beunruhigender Film, der einerseits als Fabel auf die damalige Zeit, aber auch sehr einfach auf die Gegenwart bezogen werden kann.

Außerdem, das wird heute, nach dem Genuss der abertausend Epigonen gern vergessen, begründete „The Texas Chainsaw Massacre“ ein Subgenre.

The Texas Chainsaw Massacre“ als Lehrstunde des deutschen Rechts

Fast überall hatte „The Texas Chainsaw Massacre“ Probleme mit der Zensur. Teilweise war er sogar verboten. Aber in den vergangenen Jahren erfuhr Hoopers Film fast überall eine Neubewertung und Erwachsene, oft auch Jugendliche, dürfen sich den Horrorfilm-Klassiker ansehen.

In Deutschland hatte der Film wegen dem Titel und der Handlung bereits vor der Kinoauswertung 1978 einige Probleme mit der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK). Am 25. August 1978 startete „Blutgericht in Texas“, erleichtert um einige Handlungsszenen, in den deutschen Kinos und war auch hier ein Hit.

In den Achtzigern eroberten Videorekorder die heimischen Wohnzimmer und zu den beliebtesten Filmen gehörten Myriaden billiger Sex-, Gewalt- und Horrorfilme. Gleichzeitig gab es zum Schutz der gefährdeten Jugendlichen eine Welle von Beschlagnahmungen und Indizierungen. Genrefans erinnern sich vor allem an den seit 1983 mehrfach beschlagnahmten „Tanz der Teufel“ (von „Spider-Man“-Regisseur Sam Raimi) oder an Lucio Fulcis „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (allein der Titel versetzte die Sittenwächter in höchste Erregung).

Auch „The Texas Chainsaw Massacre“ wurde damals zuerst indiziert (also: nur noch unter der Ladentheke erhältlich) und dann verboten (also: gar nicht mehr erhältlich). Der Beschlagnahmebeschluss vom 23. Dezember 1985 vom Münchner Landgericht 1 wegen Gewaltverherrlichung ist wegen seiner Argumentation („keine Kunst“) und Beobachtungsgabe (es wird der Film beschrieben, der sich im Kopf des Zuschauers abspielt, aber nicht die zu sehenden Bilder) legendär:

Der Film ‚Ketten-Sägen-Massaker‘ ist sicher kein Werk der Kunst, so dass bereits aus diesem Grunde auf die Bedeutung des Kunstvorbehalts des Art. 5 Abs. 3 GG nicht eingegangen zu werden braucht. Nach alledem stellt der Film weder eine Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dar (§ 131 Abs. 2 StGB) noch zielt er auf das kritische Bewusstsein des Betrachters ab. Er liefert auch keinen Denkanstoß hinsichtlich der Problematik der Ursachen von grausamer Gewalt, sondern er versteht sich als Horrorfilm, der von brutalen und geschmacklosen Szenenfolgen lebt.“

Seitdem gab es den Film in Deutschland nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr ungekürzt. Einige Bootlegs (die dann auch verboten wurden) und eine höchstens für Sammler von Absurditäten interessante Ab-16-Version, in der wirklich jede bekannte Szene aus dem Film gekürzt wurde, gab es zu kaufen.

Weil der Film inzwischen allgemein als Horrofilmklassiker und auch als Filmklassiker anerkannt ist und ein runder Geburtstag eine gute Gelegenheit ist, eine umfassende Geburtstagsedition auf den Markt zu werfen, erwarb Turbine Medien 2008 die Heimvideorechte. Sie ließen einige Gutachten erstellen, die dem Film die strafrechtliche Unbedenklichkeit bescheinigten und als sie der Bundesprüfstelle den Film zeigten, wurde ihr Anliegen wohlwollend aufgenommen. Turbine Medien befürchtete sogar eine Freigabe ab 16 Jahren.

Aber dann sagte ihnen der Vorsitzende der Bundesprüfstelle, dass sie den Film nicht prüfen könnten, weil er verboten sei. Eine Neuprüfung und damit eine mögliche Listenstreichung sei nur möglich, wenn eine Gesetzesänderung stattfände, eine nachfolgende rechtskräftige Gerichtsentscheidung die strafrechtliche Relevanz verneine, die Auslegung des Straftatbestandes sich zwischenzeitlich durch bundesgerichtliche oder obergerichtliche Rechtssprechung ändere oder die ursprüngliche gerichtliche Entscheidung aufgehoben werde.

In der Kurzfassung heißt das: Wenn in Deutschland ein Kunstwerk einmal verboten ist, ist es für immer verboten.

Denn es wird sich nur selten ein Filmanbieter finden, der ein teures Gerichtsverfahren mit einem sehr ungewissen Ausgang riskiert. Wobei es natürlich zuerst einen Staatsanwalt geben muss, der ein entsprechendes Verfahren initiiert.

Auch Turbine Medien vertreibt die „The Texas Chainsaw Massacre“-Geburtstags-Edition derzeit nur in Österreich. In Deutschland versuchen Turbine Medien und ihre Anwälte immer noch eine Freigabe des Films zu erreichen, damit wenigstens Erwachsene den Film in Deutschland kaufen dürfen. Denn derzeit ist „The Texas Chainsaw Massacre“ zu gefährlich für Erwachsene.

The Texas Chainsaw Massacre“ – die „35th Anniversary Edition“

Die von Turbine Medien erstellte Geburtstagsedition ist das Rundum-glücklich-Paket für den Fan. Es gibt den Film, digital remastered, mit einer vollständigen deutschen Synchronisation und der alten deutschen Synchronisation, auf Blu-Ray und DVD. Das Bild ist atemberaubend gut. Die beiden Audiokommentare sind informativ, aber wer vorher die Dokumentationen auf der Bonus-DVD gesehen hat, erfährt wenig neues.

Auf der dritten DVD gibt es gut drei Stunden sehr informatives Bonusmaterial. Besonders die siebzigminütige Dokumentation „The Shocking Truth“ ist sehr gelungen. Die ebenfalls siebzigminütige Doku „Flesh Wounds“ wirkt dagegen etwas wie eine Zusammenstellung von aus „The Shocking Truth“ geschnittenen Szenen. Denn in „Flesh Wounds“ kommen, neben einigen am Film „The Texas Chainsaw Massacre“ beteiligte Personen, mehrere Fans und Organisatoren von Horrorfilm-Veranstaltungen zu Wort. In dem achtminütigem „Das TCM-Haus“ führt „Leatherface“ Gunnar Hansen (dessen Darstellung von Leatherface gar nicht genug gelobt werden kann) durch das Haus, in dem sie 1973 den Film drehten und das heute ein Familienrestaurant ist.

Weil in dem gesamten Bonusmaterial durchgängig die Fan-Perspektive eingenommen wird, wären für eine zweite Auflage ein dritter Audiokommentar von einem Filmwissenschaftler und eine Dokumentation über die Zensurgeschichte von „The Texas Chainsaw Massacre“ (besonders natürlich der deutschen Zensurgeschichte) wünschenswert.

Bis dahin ist die „35th Anniversary Edition“ von Turbine Medien die definitive Veröffentlichung des Films.

The Texas Chainsaw Massacre (The Texas Chainsaw Massacre, USA 1974)

Regie: Tobe Hooper

Drehbuch: Kim Henkel, Tobe Hooper

mit Marilyn Burns, Allen Danziger, Paul A. Partain, William Vail, Teri Mcminn, Edwin Neal, Jim Siedow, Gunnar Hansen

auch bekannt als „Blutgericht in Texas“

DVD/Blu-Ray

35th Anniversary Edition (Film auf Blu Ray und DVD, Bonusmaterial auf Extra-DVD, digitally remastered, mit durchgängig deutscher Synchronisation)

Turbine Medien

Bild: 1080p24 Full HD (1,78:1) (Blu-Ray), 16:9 anamorph (1,78:1) (DVD)

Ton: Englisch (Dolby Digital 5.1, Surround, 2.0 Stereo), Deutsch (Dolby Digital 5.1 Surrond, 2.0 Mono)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch, Englisch

Bonusmaterial (circa 160 Minuten): Multi-Angle Introtext in Englisch und Deutsch, Audiokommentar mit Regisseur Tobe Hooper, Kameramann Daniel Pearl, und Gunnar Hansen (Leatherface), Audiokommentar mit den Darstellern Marilyn Burns, Paul A. Partain, Allen Danzinger und Art Director Robert A. Burns, „The Shocking Truth“ (Dokumentation), „Flesh Wounds“ (Dokumentation), „Off the Hook“ (Dokumentation), Eine Führung durch das TCM-Haus mit Gunnar Hansen, Entfernte Szenen, Outtakes, Bloopers, Kino-Trailer (USA, D), US-TV- und Radio-Spots, „The Shocking Truth“-Outtakes

Länge: 84 Minuten

FSK: – (in Deutschland verboten, Verkauf in Österreich legal)

Präsentation der DVD, mit anschließender Diskussion

Am Samstag, den 4. September 2010, präsentieren das Filmkunst 66, die Humanistische Union, One World Berlin/realeyz.tv und Turbine Medien um 22.30 Uhr im Berliner Kino Filmkunst 66 Tobe Hoopers Debütfilm „The Texas Chainsaw Massacre“ nach vielen Jahren wieder auf der großen Leinwand.

Nach der Filmvorführung diskutieren wir mit

Dr. Stefan Höltgen (Medienwissenschaftler, F.LM – Texte zum Film)

und

René Bahns (wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität, Promotion zum Thema „Indizierung von Filmen“)

über die filmhistorische und gesellschaftliche Bedeutung von „The Texas Chainsaw Massacre“ und die bundesdeutsche Verbotspolitik bei Kunstwerken.

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Texas Chainsaw Massacre“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich FSK-16 – ungeprüft; Vergleich VPS Tape – L. P. (mit einigen historischen Texten und Covers); Vergleich SPIO/JK VHS – Österreichische DVD (ebenfalls mit vielen Covers und Plakaten)

Photobucket: umfangreiche Bildersammlung zu „The Texas Chainsaw Massacre“

Heise: Stefan Höltgen: Schwere Erwachsenengefährung (zum Verbot von TCM in Deutschland, 3. Juli 2010)

Berliner Zeitung: Thomas Klein über den verstaubten Umgang der deutschen Zensur mit Gewaltdarstellungen im Film (13. März 2004)

Kriminalakte über „The Texas Chainsaw Massacre“ (umfangreiche Veranstaltungsankündigung)

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3 Responses to DVD-Kritik: The Texas Chainsaw Massacre – 35th Anniversary Edition

  1. […] Infos zum Film und zur Veranstaltung. Bei Trailers from Hell gibt es den kommentierten Trailer und im Neuen […]

  2. […] endlich ist Tobe Hoopers Horrorfilmklassiker „The Texas Chainsaw Massacre“ nicht mehr verboten und die wunderschöne „35th Anniversary…kann auch endlich legal in Deutschland gekauft werden. Ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr ja […]

  3. […] denn schon 2009 hatten sie den Film in Österreich in einer limitierten, opulent ausgestatteten „35th Anniversary Edition“ veröffentlicht, noch eine DVD mit der einstündigen Doku “A Family […]

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