Neu im Kino/Filmkritik: Die geniale Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“

Die erste Cormac-McCarthy-Verfilmung „All die schönen Pferde“ (All the pretty horses, USA 2000) war ein langer Marlboro-Werbespot. Die zweite wurde dann von den Coen-Brüdern erledigt und alle waren von „No Country for old men“ (USA 2007) begeistert. Die dritte, von John Hillcoat, kommt jetzt – entgegen aller Erwartungen und fast ein Jahr nach dem US-Start – in die deutschen Kinos und das ist gut so. Denn „The Road“ ist ein beeindruckender postapokalyptischer Science-Fiction-Film, der von Hollywood nur einige Bilder und den grandiosen Viggo Mortensen („Herr der Ringe“) geborgt hat.

John Hillcoat erzählt, nach einem Drehbuch von Dramatiker Joe Penhall, in fast farblosen Bildern und sehr buchgetreu, wie ein Vater und sein ungefähr zehnjähriger Sohn nach einer Apokalypse, die alle Tiere und fast alle Menschen tötete, durch die USA gehen. Ihr Ziel ist das Meer und die wahnwitzige Hoffnung, dass es dort irgendetwas gibt, was ihr Leben bessert. Auf ihrer Reise versuchen sie die Guten zu bleiben. Jedenfalls erzählt das der Vater seinem Sohn. Die rote Linie ist dabei der Verzicht auf das Essen von Menschenfleisch. Doch bereits vor der roten Linie müssen sie sich bei jeder Begegnung mit anderen Menschen fragen, ob sie ihnen vertrauen können. Und weil der Vater seinen Sohn beschützen will, verteidigt er ihn mit allem, was er hat. Der Sohn fragt sich indessen, ob sie noch die Guten sind, wenn sie niemandem mehr vertrauen und alle anderen Menschen als Feinde behandeln.

Hillcoat und Penhall veränderten in ihrer Verfilmung von Cormac McCarthys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman „Die Straße“ fast nichts. Die episodische Struktur des Romans bleibt erhalten und so haben die viele exzellenten Schauspieler zwar nur kleine, aber für die Geschichte sehr wichtige Rollen. Auch viele Dialoge und, was das wichtigste ist, die Stimmung, das Thema und die Aussage des Romans, der eine düstere Meditation über die Grenzen der Menschlichkeit ist, finden sich im Buch und im Film. Penhall ordnete, was bei einer Reiseerzählung fast egal ist, nur einige Episoden anders an, strich hier einiges, füge da einiges hinzu. Auch die wenigen Action-Szenen sind im Film etwas länger als im Buch. Aber mehr haben Penhall und Hillcoat nicht geändert.

Hillcoat bediente sich einige Mal, wenn eine Bande von Wegelagerern auftaucht und der Vater einen von ihnen erschießen muss oder wenn sie in einem abgelegenem Haus im Keller auf abgemagerte Menschen treffen und in letzter Sekunde vor einem Kannibalenclan flüchten können, vertrauter Filmbilder. Auch die Aufnahmen von zerstörten Städten erinnern an bekannte Vorbilder. Aber im Gegensatz zu dem buntem, menschenleerem, stark computergeneriertem Manhattan von „I am Legend“ sind die farblosen Bilder von Kameramann Javier Aguirresarobe („Vicky Cristina“, „Barcelona, Sprich mit ihr“, „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“) Visionen einer Mondlandschaft, durch die einige Menschen in schmutzigen Kleidern wanken. Die Städte sind verwüstet. Die Flüsse ausgetrocknet. Ein Schiff ist in einer Stadt gestrandet. Der Himmel ist immer grau. Für diese Bilder wurde im Winter in und um Pittsburgh, Pennsylvania, gedreht. Dort fanden die Filmemacher, neben dem passendem Wetter, eine stillgelegte Schnellstraße, verlassene Kohlebergwerke und einen alten Vergnügungspark, der abgerissen werden sollte, die als stilechte Kulissen für die postapokalyptische Geschichte dienten.

Nick Cave und Warren Ellis schrieben die atmosphärische Musik. Cave und Hillcoat sind seit Jahren befreundet. Er schrieb die Musik für alle Filme von Hillcoat und er schrieb auch die Drehbücher für Hillcoats Spielfilmdebüt, den Knastthriller „Ghosts…of the civil dead“, und seinen bislang letzten Film, den Western „The Proposition – Tödliches Angebot“.

„The Road“ ist – Wer könnte nach dem Genuss des Trailers daran zweifeln? – kein Film für einen unbeschwert-vergnüglichen Abend. Aber es ist ein Film ohne einen falschen Ton, der zum Diskutieren über die Grenzen der Humanität einlädt – und im Abspann noch eine wichtige Botschaft enthält.

The Road (The Road, USA 2009)

Regie: John Hillcoat

Drehbuch: Joe Penhall

Vorlage: Cormac McCarthy: The Road, 2006 (Die Straße)

mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron, Robert Duvall, Guy Pearce, Michael K. Williams, Garret Dillahunt, Molly Parker

Länge: 111 Minuten

Deutsche Taschenbuchausgabe

Cormac McCarthy: Die Straße

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

256 Seiten

8,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Rowohlt Verlag, 2007

Originalausgabe

The Road

Alfred A. Knopf, New York, 2006

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film (Derzeit als attackierende Webseite gemeldet. Also: Vorsicht!)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Road“

Wall Street Journal: Interview mit Cormac McCarthy zum Film (20. November 2009)

Homepage der Cormac-McCarthy-Society

Wikipedia über Cormac McCarthy (deutsch, englisch)

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2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Die geniale Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“

  1. […] Meine Besprechung der Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“ […]

  2. […] Meine Besprechung der Cormac-McCarthy-Verfilmung “The Road” […]

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