Neu im Kino/Filmkritik: „Im Schatten“

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Petr Kurth, David Scheller

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Manchmal sind die Reaktionen der Kritiker erhellender als das besprochene Werk. Auch Thomas Arslans neuer Film „Im Schatten“ wird breit abgefeiert und weil er auf der Berlinale neben Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ und Dominik Grafs zehnteiliger TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ gezeigt wurde, machten einige Kritiker schon eine Wiedergeburt des Genrekinos in Deutschland aus und die Deutsche Kinemathek organisierte die Tagung „Die Lust am Genre“, die vor allem ein Abfeiern von „Im Schatten“ und „Im Namen des Verbrechens“, mit kleinen Seitenschritte zu „Der Räuber“, „Jerichow“ und „KDD – Kriminaldauerdienst“, war.

Da fragte ich mich als Gast der Tagung mehr als einmal, ob hier nicht aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird und vermutete, dass die Kritiker diese Filme auch deshalb so überschwänglich lobten, weil sie selbst in ihrem tiefsten Herzen Genrejunkies sind und sich freuten, neben den unzähligen, oft in mehrfacher Hinsicht quälenden deutschen Filmen endlich einmal einfach nur neunzig Minuten originäres Kino zu erleben.

Denn aus Genreperspektive ist „Im Schatten“ nicht mehr und nicht weniger als ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Denn Arslans Held Trojan ist ein prototypischer Profiverbrecher. Er ist gerade aus dem Knast entlassen worden, will sich seinen Anteil von der Beute aus einem früheren Verbrechen abholen, wird um diesen Anteil betrogen, will sich an einem Überfall auf einen Juwelier beteiligen, lässt diese Sache aber wegen der unzuverlässigen Partner sausen und plant mit einem früheren Kollegen, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat, den Überfall auf einen Geldtransporter. Der Tipp kommt von einer Anwältin. Bei den Vorbereitungen werden sie von einem korrupten Polizisten beobachtet und nach dem Überfall geht alles schief.

Für Genrefans ist das eine vertraute Geschichte, die von Arslan bewundernswert ökonomisch, ohne überflüssige Psychologisierungen und Nebengeschichten, erzählt wird. Die Dialoge sind teilweise etwas zu künstlich knapp gehalten. Die Schauspieler überzeugen. Hauptdarsteller Mišel Matičević erinnert an Alain Delon. Und Berlin zeigt sich von seiner tristen Seite, die jeder kennt, aber in Filmen zugunsten von Postkartenansichten ignoriert wird. „Im Schatten“ ist, wie ein Zuschauer auf der Tagung der Deutschen Kinemathek nach dem Film zutreffend meinte, ein erfrischend undeutscher Film.

Wahrscheinlich gefällt er deshalb den Kritikern so gut.

Und Krimifans sollten definitiv einen Blick riskieren. „Im Schatten“ ist einer der raren deutschen Gangsterfilme, der ohne Fremdschäm-Anfälle gesehen werden kann. Wenn wir die im Kleingangstermilieu spielenden Jugenddramen „Kanak Attack“ (2000) und „Knallhart“ (2006) ignorieren, müssen wir bis 1995 zurückgehen. Damals lief Lars Beckers deutlich vom französischen Gangsterfilm beeinflusster, heute trotz der Besetzung (Peter Lohmeyer, Til Schweiger) nahezu unbekannte Krimi „Bunte Hunde“ im Kino.

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über „Im Schatten“ (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über „Im Schatten“

 

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3 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Im Schatten“

  1. Jan sagt:

    Entschuldigung? das kann ich nicht glauben – habe ich den gleichen Film gesehen? Genrefan, der ich bin, erwarte ich das Spiel mit meinen Erwartungen resp. Klischees, erfreue mich aber gern an originellen und originären Interpretationen. Ein bißchen eklektisch darf es sein seit den Neunzigern.

    Das Stereotypenflickwerk von „Im Schatten“ – wohl im Sinne von entschlacktem Erzählen – erzeugt in erster Linie lächerliche Figuren, gerade in den Nebenrollen. Zur Ehre Mišel Matičević‘ sei gesagt, dass er sich unfreiwilliger Komik weitgehend widersetzen kann, ganz im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Akteure.
    Nicht nur die Dialoge sind hölzern, schlecht getimed und unglaubwürdig – ein Konzeptfilmchen, dass sich an Vorbildern abrackert und dabei Leichtigkeit einbüßt.
    Alle mühen sich redlich und ganz offensichtlich um Stringenz, aber man wünschte sich in den Figurenzeichnungen einen Hauch von Psychologie und, ja: Lokalkolorit. Das wäre dies schöne Kontrastmittel gewesen, das man von den Sternen der Gattung kennt. Arslan reduziert seine Figuren ins Stereotype – wie ein Nerd. Und die Kritiker-Nerds sind begeistert. Wie überraschend.

    Es wurde viel gelacht im Saal, immerhin.
    Trotzdem: Es schmerzt einfach, so viel Herzblut versickern zu sehen.

  2. AxelB sagt:

    Hast du. Wobei ich „Im Schatten“ letztendlich als Sehenswert einstufe.

  3. […] Meine Besprechung von Thomas Arslans “Im Schatten” Teilen Sie dies mit:TeilenE-MailDruckenDiggTwitterFacebookStumbleUponRedditGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]

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