DVD-Kritik: „Gegen jeden Zweifel“ ist überraschend gut

Aus dem Kino verschwand der Film schneller, als ich „Buh“ sagen konnte.

Bei Rotten Tomatoes kommt der Film auf einen desaströsen Frischegrad von 4 Prozent (von 100 Prozent). Alle anderen Arbeiten von Regisseur Peter Hyams und Schauspieler Michael Douglas erhalten bessere Frischegrade; sind also besser.

Und in fast jeder Kritik stand, dass das Original besser sei. Das Original dürfte allerdings kaum jemand kennen. Denn Fritz Langs Noir „Jenseits allen Zweifels“ (Beyond a reasonable doubt, USA 1956) lief schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen und auf DVD wurde der Film auch noch nicht veröffentlicht.

Sollte Peter Hyams, der bei „Gegen jeden Zweifel“ wieder einmal neben der Regie auch den Part des Drehbuchautors und Kameramanns übernahm, dieses Mal so richtig daneben gegriffen haben?

Das wäre schon erstaunlich. Denn bisher hat er fast immer ordentliche Unterhaltung, oft sogar mit einer gesellschaftskritischen Note, abgeliefert. „Unternehmen Capricorn“, „Outland – Planet der Verdammten“, „Ein Richter sieht rot“ (ebenfalls mit Michael Douglas), „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ (die Fortsetzung von „2001“), „Diese zwei sind nicht zu fassen“, „Time Cop“, „Sudden Death“, „Das Relikt“ und „End of Days“ gehen auf sein Konto.

 

Ein Noir

 

Dass „Gegen jeden Zweifel“ ein totales Desaster ist, ist daher kaum zu glauben und, sicher auch aufgrund der vielen negativen Besprechungen und der damit verbundenen drastisch reduzierten Erwartungen („4 Prozent“! Sogar das aseptische „Basic Instinct 2“ hat bei Rotten Tomatoes 7 Prozent und das grottige „Catwoman“ hat überragende 10 Prozent erhalten.), unterhält Peter Hyams neuer Film ganz gut. „Gegen jeden Zweifel“ ist nicht ohne Fehler. Die beiden Actionszenen (Peter Hyams hat da in der Vergangenheit immer Gutes geliefert) sind unmotiviert und, vor allem die zweite, ist auch reichlich absurd. Denn da darf die Damsel in Distress in einem leeren Parkhaus minutenlang vor einem Auto weglaufen, ohne auch nur einmal von diesem Auto berührt zu werden. Die wenigen Suspense-Momente, wie das Besorgen der Originaldateien aus der Asservatenkammer der Polizei, sind eher lieblos heruntergekurbelt. Vom Drehort, immerhin wurde vor Ort in Louisiana gedreht, gibt es kaum Außenaufnahmen. Die meisten Szenen spielen in geschlossenen Räumen ohne ein Fenster nach außen – und tragen damit zur klaustrophobischen Atmosphäre, die Hyams allerdings nicht konsequent nutzt, bei. Die Story ist ordentlich verwickelt, aber für Noir-Fans auch erschreckend vorhersehbar (Oder habe ich mich zu gut an die Lektüre einer vor Ewigkeiten gelesenen Inhaltsangabe für den Lang-Film erinnert? Oder habe ich die Hinweise auf die Lösung unbewusst zu gut erkannt?). Jedenfalls dürften Noir-Fans das Ende schon sehr früh (und ich meine sehr früh) ahnen.

Im Mittelpunkt des Films steht der junge, leicht arrogante und karrierebewusste TV-Journalist C. J. Nicholas (Jesse Metcalfe, „John Tucker must die“, „Desperate Housewives“). Er hatte eine tolle investigative TV-Reportage über eine vor der Ausstrahlung verstorbene Obdachlose gemacht und dafür die Stelle bei einem TV-Sender in Louisiana bekommen. Dort will er den Staatsanwalt Mark Hunter (Michael Douglas mit sehr wenig Filmzeit) als Betrüger, der, um Verurteilungen zu erreichen, Beweise manipuliert, entlarven. Hunter ist sogar als künftiger Gouverneur im Gespräch. Für ihn spricht immerhin seine eindrucksvolle Bilanz an Verurteilungen. Zu eindrucksvoll meint Nicholas. Vor allem weil es immer Indizienprozesse waren.

Als er von seinem Chef zurückgepfiffen wird, verfällt er auf einen abenteuerlichen Plan. Er will selbst als Mörder für ein Verbrechen angeklagt werden, das er nicht begangen hat und dann Hunter im Gerichtssaal entlarven.

Ein toller Plan, der nachdem sein Freund Corey Finley (Joel David Moore, „Avatar“, „Bones“) mit den Videoaufnahmen, die seine Unschuld beweisen, bei einem Autounfall stirbt, gnadenlos den Bach hinuntergeht. Nicholas wird zum Tod verurteilt und nur seine Freundin Ella Crystal (Amber Tamblyn, „Die himmlische Joan“), die Assistentin von Hunter, kann ihn vielleicht retten.

„Gegen jeden Zweifel“ ist ein überraschend gelungener Noir, der die vielen Verrisse nicht verdient hat. Die beiden Hauptcharaktere Nicholas und Hunter sind reichlich unsympathische Karrieristen, die die Welt nur als Spielbrett benutzen. Die Story selbst ist mehr an Stimmungen und dem Zeigen der verschiedensten Arten von Verführung, als an Logik und Plausibilität (zwei Dinge, die auch für Noir-Fans nicht an erster Stelle stehen) interessiert. Denn der Plan von Nicholas ist so gewagt wie bescheuert. Vor allem, wenn man sieht, wie einfach Crystal später die Beweise für seine Unschuld findet. Auch dass es keine Kopien der ihn entlastenden Videoaufnahmen gibt, ist heute, im Zeitalter der unendlichen Reproduzierbarkeit, unglaubwürdig. Vor allem weil Nicholas ein investigativer Journalist ist. Aber in diesem Moment verhält er sich eher wie ein Teenager beim Räuber-und-Gendarm-Spiel

Die Bilder liefern oft ein angenehmes Retro-Feeling. Das mag auch daran liegen, dass vor Ort in Louisiana gedreht wurde und Gefängnisse und Polizeistationen nicht im Jahrestakt renoviert werden, sondern oft über viele Jahre einfach nur ausgebessert werden.

 

Das Original und das Remake: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

 

Peter Hyams übernahm vieles von Fritz Langs Film und passte es teils nur geringfügig an die Gegenwart an. Aber er veränderte die Beziehungen der Hauptcharaktere und er ließ die Langs Film beherrschende Diskussion über die Todesstrafe links liegen.

In seinem Film diskutierte Fritz Lang das Für und Wider zur Todesstrafe und, damit verbunden, ob ein Mensch nur aufgrund von Indizien zum Tod verurteilt werden darf. Diese Botschaft steht dabei der Story immer etwas im Weg. Das liegt auch daran, dass „Jenseits allen Zweifels“ reichlich unplausibel ist. So lässt sich der Schwiegersohn in spe von dem Zeitungsherausgeber überreden, sich freiwillig als Verdächtiger ins Gespräch zu bringen. Doch warum sollte ein Unschuldiger das tun? Deren Plan und auch die Lösung hängen essentiell von der schlampigen Arbeit der Polizei ab. Denn der Staatsanwalt ist zwar an Verurteilungen interessiert, aber er bricht dafür – im Gegensatz zum Remake – keine Gesetze. Und die Enttarnung des Mörders erfolgt in Langs Film absolut überraschend, fast schon nach der „Der Gärtner ist der Mörder“-Methode.

Egal wie man es betrachtet, Fritz Langs letzter in den USA gedrehter Film gehört nicht zu seinen besten Werken. Als Spielfilm ist „Jenseits allen Zweifels“ sogar reichlich missraten. Als Folge von „Alfred Hitchcock zeigt“ wäre die Geschichte sicher okay gewesen.

Peter Hyams will dagegen in erster Linie in seinem angenehm altmodischem Film nur unterhalten. Denn abgesehen von den forensischen Teilen (DNA-Analyse und Manipulation von Bildern am Computer), hätte „Gegen jeden Zweifel“ so auch vor dreißig Jahren entstehen können. Hyams thematisiert immer wieder, in jeder Szene, die verschiedene Formen von Verführung, Vertrauen, Macht und Machtmissbrauch. Dabei glauben seine jungen Charaktere, dass sie die Regeln des Spiels bestimmen. Und, weil Nicholas und Hunter für ihre persönlichen Ziele skrupellos die Regeln manipulieren, ist Hyams Remake sogar erheblich düsterer als Langs doch sehr durchschnittliches Original.

 

Die DVD

 

Das Bonusmaterial gehört in die Abteilung „mehr Schein als Sein“. Denn die drei Interviews sind Rohmaterial für das Making-of. Hinter „Behind the Scenes“ verbirgt sich eine Mischung aus B-Roll und Dokumentation der Explosion eines Autos am Ende einer Verfolgungsjagd. Der Hintergrundbericht zur forensischen Arbeit der Polizei ist höchstens für Menschen, die in den vergangenen Jahren nicht eine „CSI“-Folge gesehen haben, von geringfügigem Interesse. Insgesamt ist das Bonusmaterial in weniger als dreißig Minuten angesehen und, weil es reines Werbematerial ist, auch sofort vergessen.

Der Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe ist durchwachsen. Metcalfe sagt wenig und auch Peter Hyams gehört nicht zu den Dauerrednern. Aber wenn Hyams etwas sagt, ist es sehr interessant. So erklärt er, warum er bestimmte Szenen so und nicht anders filmte, an welchen Stellen es Hinweise auf die Lösung gibt, welche Funktion bestimmte Szenen haben und er liefert einige Hintergründe zum Stil und den Dreharbeiten. Insgesamt vermisst man aber, gerade weil Hyams als sehr nachdenklicher und uneitler Filmemacher rüberkommt, einen Interviewer, der Hyams die wichtigen Fragen gestellt und zum Reden animiert hätte.

 

Gegen jeden Zweifel (Beyond a reasonable doubt, USA 2009)

Regie: Peter Hyams

Drehbuch: Peter Hyams

Vorlage: Drehbuch „Beyond a reasonalbe doubt“ von Douglas Morrow (1956)

mit Jesse Metcalfe, Amber Tamblyn, Michael Douglas, Joel David Moore, Orlando Jones, Lawrence Beron

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1; DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Peter Hyams und Jesse Metcalfe, Interviews mit Michael Douglas, Amber Tamblyn und Peter Hyams, Behind the Scenes, Criminal Forensics, Making of, Orginaltrailer, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gegen jeden Zweifel“

Noir of the Week über das Original „Jenseits allen Zweifels“ (es handelt sich um eine kritische Nacherzählung der Geschichte. Wer also die Lösung nicht wissen möchte…)

Bonusfilm

Fritz Langs „Jenseits allen Zweifels“ im englischen Original

 

 

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One Response to DVD-Kritik: „Gegen jeden Zweifel“ ist überraschend gut

  1. ManuRitter sagt:

    Ich leihe mir meine DVD´s ja online und hatte diesen Film aufgrund der miesen Kritiken schon wieder von meiner Leihliste gestrichen.

    Aber ich denke, ich setze ihn jetzt wieder drauf. 😉

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