Ein bisschen Serienmord – oder „Schnittstellen“ in der „Killer/Culture“

Schon der Titel „Killer/Culture“ des von Stefan Höltgen und Michael Wetzel herausgegebenen Sammelbandes über eine wissenschaftliche Tagung zum „Serienmord in der populären Kultur“ regt zum Nachdenken an. Dass in einer Tagung, vor allem wenn es eine eintägige Kurztagung mit fünf Wissenschaftlern und einem Künstler ist, und einem darauf basierendem Buch mit dreizehn Aufsätzen nur einige Punkte des Forschungsfeldes angerissen werden, dürfte jedem intuitiv einleuchten.

Daher ist „Killer/Culture“ als erste deutschsprachige, wissenschaftliche Bestandsaufnahme, trotz aller Kritik, eine gewinnbringende Lektüre. Dass die meisten Aufsätze sich mit dem Film beschäftigen ist, angesichts der Bedeutung von Filmen in der populären Kultur und der weltweiten Verständlichkeit (vor allem wenn die Filme synchronisiert werden), nachvollziehbar. Auch der von den überwiegend jungen Autoren gewählte Fokus auf aktuelle Entwicklungen und Werke ist aus dem gleichen Grund nachvollziehbar. Darunter leidet allerdings die historische Betrachtung von frühen Serienmörderfilmen (wie „The Lodger“/“Der Mieter“ und „M – Eine Stadt sucht den Mörder“), Liedern und Romanen. Ebenso wird nicht auf die schon immer vorhandene Popularität von Verbrechern und Serienmördern in der amerikanischen Popkultur eingegangen, die einen Erklärungsansatz für den Erfolg der Gangstersaga „The Sopranos“ (ein Mafiosi als Held), der Polizeiserie „The Shield“ (ein korrupter Cop als Held) und der Polizeiserie „Dexter“ (ein Serienmörder als Held; – und keiner dieser Helden hat, weil er seine Gemeinschaft beschützt, ein übermäßig schlechtes Gewissen) bietet. Denn diese Serien waren und sind in den USA Hits und hier Flops. Der Unterschied in den Sehgewohnheiten zwischen Amerika (und auch England) und Deutschland wäre deshalb eine eigene Betrachtung wert.

Hendrik Seither konzentriert sich in seinem Aufsatz über „Dexter“ auf den Aspekt der Wiederholung in der Serie und der Ritualisierung bei einem Serienmörder. Das ist wissenschaftlich in Ordnung, ignoriert aber die Produktionsbedingungen von TV-Serien, deren Kennzeichen ist, dass sie jede Woche das gleiche, aber anders liefern, und dass in einer TV-Serie innerhalb der ersten Minuten alle wichtigen Elemente für die kommenden Folgen etabliert werden. Das gilt für jede Serie.

Joachim Linder analysiert die beiden Romane „Tannöd“ und „Kalteis“ von Andrea Maria Schenkel und kommt zu dem zutreffendem Ergebnis: „Im Grunde lassen die beiden Texte alles beim Alten. Die Risikobereitschaft, die sich in der erzählerischen Präsentation auf genreuntypische Weise andeutet, findet in den Deutungsperspektiven keine Entsprechung. Darin mag man den Hauptgrund für den Erfolg sehen.“

Ivo Ritzer bespricht einige Songs über Serienmörder, Stefan Höltgen skizziert knapp und informativ das Verhältnis von Serienmördern und Videospielen von 1983 bis heute und Stephan Harbort bietet eine Kurzfassung seiner in zahlreichen Sachbüchern publizierten Arbeit über die wahren Serienmörder.

Die anderen Aufsätze befassen sich, teils in einzelnen Filmanalysen oder Überblicksartikeln, mit verschiedenen Aspekten des Phänomens Serienmörder in Spielfilmen. Es gibt Analysen von „Peeping Tom“ und „Se7en“. Michaela Wünsch thematisiert in ihrem aufgrund des überbordenden wissenschaftlichen Jargons sehr schwer zu lesendem Aufsatz anhand der „Halloween“-Filme den Serienmörder als Herrensignifikant und wendet die whiteness-Forschung auf die Filmanalyse an.

Christian Hoffstadt bleibt mit seinem „Zum Tod lachen“ eher im anekdotischen stecken, weil er sich zu sehr auf neue Filme zum Thema, wie „Scream“ und „Mann beißt Hund“, konzentriert, und auf Klassiker, wie „Arsen und Spitzenhäubchen“ (die beiden alten Damen haben ein beeindruckendes Sündenregister), verzichtet.

Oliver Nöding zeigt anhand einiger 80-er Jahre Actionfilme, wie sich in dem Genre in diesem Jahrzehnt ein tiefgreifender Wandel vollzog. Denn die neuen Serienmörderfilme haben nichts mit den alten Action-Filmen und den Macho-Helden zu tun: „Es wird recht deutlich sichtbar, dass der ‚Siegeszug‘ des Serienmörderfilms und der Niedergang des Actionfilms Hand in Hand gingen. (…) Der Actionfilm der 1980er zelebrierte ein Kino der Körperlichkeit: Doch im Konflikt mit dem Serienmörder musste diese Körperlichkeit letztlich vor dem Geist kapitulieren.“

Marcus Stiglegger nimmt diesen Faden auf, indem er sich dem Serienmörder als dunklem, amoralischem Souverän im zeitgenössischen Thriller (mehr) und Horrorfilm (viel weniger) widmet und mit „Untraceable“ im World Wide Web landet. In der zweiten Hälfte seines Aufsatzes widmet er sich Col. Kurtz und „Apocalypse Now“, der schon 1979 die Zuschauer verführte.

Roland Seim verknüpft in seiner Analyse der „The Texas Chainsaw Massacre“-Horrorfilmen und ihrer Wirkung auf das Genre mit der deutschen Zensurgeschichte, die derzeit ihren traurig-absurden Höhepunkt erlebt. Denn weil Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ in Deutschland verboten ist, gibt es derzeit keine Möglichkeit, ihn legal ungekürzt zu veröffentlichen. Dass das eine unbefangene Diskussion über den Film erschwert, muss wahrscheinlich nicht besonders erwähnt werden.

Insgesamt werden alle, die sich schon länger für Serienmörder in der populären Kultur interessieren, in dem umfangreichen Buch (die Seitenzahl täuscht) wenig neues erfahren, aber einige Anregungen zum Nachdenken finden. Einsteiger dürften in „Killer/Culture“, vor allem bei den Einzelanalysen, teilweise Probleme mit dem für einen Tagungsband unvermeidlichen wissenschaftlichen Duktus (ich sage nur „Herrensignifikanten“) haben. Für die deutschsprachige Wissenschaft ist „Killer/Culture“ allerdings ein sehr guter Aufschlag, der nach einigen weiteren Studien verlangt.

Mit „Schnittstellen – Serienmord im Film“ (Schüren) hat Stefan Höltgen, einer der beiden Herausgeber von „Killer/Culture“, bereits eine erste Lücke geschlossen. Es ist die fein illustrierte, überarbeitete Buchausgabe seiner Dissertation, die anhand 37 ausgewählter Filme zeigt, wie sich das Bild des Serienmörders im Film von 1924 („Das Wachsfigurenkabinett“) bis 2004 („The last horror movie“) veränderte. Bei den vorgestellten Filmen rekonstruiert Höltgen auch immer die damaligen und, wenn nötig, späteren Diskurse und Verbotsbeschlüsse zu den einzelnen Filmen. So entsteht auch eine kleine Kultur- und Sittengeschichte des Films, in der einige zeitgenössische Bewertungen aus heutiger Sicht verwundern und einige Vorwürfe wurden immer wieder gegen Serienmörderfilme erhoben.

Stefan Höltgen/Michael Wetzel (Hrsg.): Killer/Culture – Serienmord in der populären Kultur

(Medien/Kultur 1)

Bertz + Fischer, 2010

160 Seiten

19,90 Euro

enthält

Michael Wetzel: M. O. R. D. – Die unberechenbare Größe

Joachim Linder: Männer, die morden – Zu zwei Romanen von Andrea Maria Schenkel

Manfred Riepe: Wenn Blicke töten – Anmerkungen zu Michael Powells ‚Peeping Tom‘

Michaela Wünsch: Sehen – Toten – Ordnen – Der Serienkiller in der Funktion des Herrensignifikanten

Marcus Stiglegger: Der dunkle Souverän – Zur Faszination des allmächtigen Serial Killers im zeitgenössischen Thriller und Horrorfilm

Stephan Harbort: Wie entkommt man einem Serienmörder?

Hendrik Seither: Die Serialität des Tötens – Zur Homologie zwischen Serienmord und Fernsehserie am Beispiel ‚Dexter‘

Ivo Ritzer: Hip to Be Square – Serienmörder in der Pop-Musik

Arno Meteling: Eine Poetik der Liste – Serienmord und Apokalypse in David Finchers ‚Se7en‘

Oliver Nödling: Krankheit und Heilmittel – Die Serienmörder im Actionfilm der 1980er Jahre

Christian Hoffstadt: Zum Tod lachen?

Roland Seim: Schnitt-Stellen – Die Zensurgeschichte des Serienmörderfilms in Deutschland am Beispiel von ‚The Texas Chainsaw Massacre‘

Stefan Höltgen: Killer-Spiele – Serienmord und Serienmörder im Videospiel

Stefan Höltgen: Schnittstellen – Serienmord im Film

Schüren, 2010

420 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Bertz + Fischer über „Killer/Culture“

Schüren über „Schnittstellen

Homepage/Blog von Michael Wetzel

Homepage/Blog von Stefan Höltgen

Blog „F-lm“ von Stefan Höltgen und anderen

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