DVD-Kritik: „Der Zinker“, die alte Version

Lange vor den immer noch beliebten Edgar-Wallace-Filme der Rialto, die einmal im Jahr im Fernsehen laufen, gab es zahlreiche weitere Edgar-Wallace-Verfilmungen, die heute kaum noch jemand kennt. Etliche englische Edgar-Wallace-Verfilmungen wurden nie synchronisiert. Die Stummfilme werden sowieso nicht mehr gezeigt. Und die frühen Tonfilm-Verfilmungen entsprechen nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Deshalb werden sie so oft wie die Stummfilme gezeigt.

Filmfestivals und spezialisierte Kinos sind da, falls überhaupt noch eine Kopie des Films existiert, nur ein kümmerlicher Ersatz.

Deshalb ist die jetzt in der DVD-Reihe „Schätze des deutschen Tonfilms“ veröffentlichte, Verfilmung von „Der Zinker“ eine rundum begrüßenswerte Veröffentlichung, die aus zwei in Archiven gefundenen Kopien zusammengeschnitten wurde. Bild und Ton wurden überarbeitet und sind erstaunlich gut, das Bonusmaterial ist informativ und neben der Originalfassung ist auch die von Florian C. Reithner für die Wiederaufführung komponierte Musik auf der DVD.

Die gelungene Verpackung kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Der Zinker“ hoffnungslos veraltet ist. Denn der 1931 gedrehte Film wurde, bis auf einige Bilder, ausschließlich im Studio gedreht, es gibt keine Filmmusik, kaum Schnitte und der Film wirkt immer wie ein abgefilmtes Theaterstück mit hoffnungslos chargierenden Mimen.

Das verwundert wenig, denn die Drehbuchautoren Rudolf Katscher, Egon und Otto Eis verarbeiteten neben dem Roman auch das von Edgar Wallace, der schon immer ein Meister der Zweit- und Drittverwertung war, geschriebene Theaterstück über einen geheimnisvollen Unbekannten, der als „Der Zinker“ der Schrecken von Londons Unterwelt ist. Denn wer seine Beute nicht für ein Taschengeld an ihn verhökern will, wird von dem Zinker verzinkt, also an die Polizei verraten. Deshalb wird er von Verbrechern, die von ihm verraten wurden, und der Polizei gejagt.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Leopard-Club, ein halbseidener Spielsalon für die High-Society, und die Autoexport-Firma von Frank Sutton. Dort ist ein Firmeninhaber verschwunden, aber jemand benutzt immer wieder heimlich den Schreibtisch des Abwesenden.

Auch ohne den Firmengeist tun alle Charaktere immer furchtbar geheimnisvoll und machen sich so furchtbar verdächtig. Jeder hat irgendetwas zu verbergen, aber meistens wird nicht klar, was das mit dem Zinker zu tun hat und wie die Taten der verschiedenen Charaktere, die oft auch ihre wahre Identität und ihre wahren Absichten verbergen, sie näher an die Enttarnung des Zinkers bringen.

Da verwechseln die Macher Verwirrung beim Zuschauer mit Spannung. Und das ist dann gar nicht so weit weg von den Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Filmen. Autor Egon Eis schrieb in den Sechzigern etliche Drehbücher für Edgar-Wallace-Filme, unter anderem das Drehbuch für den ersten Rialto-Wallace „Der Frosch mit der Maske“. Für den Rialto-“Zinker“ schrieb er ein Treatment. Sein Kollege Rudolf Katscher schrieb das Drehbuch für „Der Rächer“.

Auch der humoristische Sidekick (ich sage nur Eddie Arent) taucht später wieder auf. In „Der Zinker“ ist er sogar verteilt auf drei Charaktere: einen Polizisten, der seinem Vorgesetzten immer hilft, die richtigen Worte zu finden; einem Journalisten, der überall seine Nase hineinsteckt (Hey, so sind die Schreiberlinge!); und einem bemüht freundlichem – gemeine Menschen würden „schmierig“ sagen – Spielclubbetreiber. Es gibt die in Lebensgefahr schwebende Jungfrau. Es gibt den taffen Ermittler, der nicht unbedingt Scotland-Yard-Beamter ist. Und es gibt die vollkommen überraschende Lösung. Das alles erinnert an die bekannten Wallace-Filme aus den Sechzigern.

Aber die kammerspielartige Inszenierung und das deutlich vom Theater und vom Stummfilm beeinflusste Spiel der Schauspieler verorten den Film eindeutig in den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Daher ist „Der Zinker“ vor allem für filmhistorisch interessierte Krimifans einen Blick wert. Außerdem kann der Film leicht als eine Vorstudie und Fingerübung für die spätere Edgar-Wallace-Reihe gesehen werden.

Die DVD

Das Bild und der Ton sind für einen achtzig Jahre alten Film sehr gut. 1931 gab es, zur Uraufführung, weil es technisch nicht möglich war, noch keine Filmmusik. 2009 schrieb Florian C. Reithner zur Wiederaufführung eine Filmmusik, die auch auf der DVD enthalten ist. Daher kann der Film in der Originalfassung oder mit der neuen Musik gesehen werden.

Es gibt eine kleine Bildergalerie, einen ziemlich langen Trailer zur Wiederaufführung und, wenn auch nur als Texttafeln, ziemlich umfangreiche Informationen zum Film.

Über die DVD-Umsetzung kann nicht gemeckert werden.

Der Zinker (D 1931, R.: Carl Lamac, Martin Fric

Drehbuch: Rudolf Kaischer, Egon Eis, Otto Eis

LV: Edgar Wallace: The Squeaker, 1927 (Der Zinker)

mit Lissy Arna, Karl Ludwig Diehl, Fritz Rasp, Peggy Norman, Paul Hörbiger, Szöke Szakall

DVD

Spirit Media

Bild: 4:3 (SW)

Ton: Deutsch (mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bio- und Filmographien (Edgar Wallace, Fritz Rasp, Carl Lamac, Karl Ludwig Diehl, Lissi Arna, Martin Fric, Paul Hörbiger, Szöke Szakall, Florian C. Reithner), Filminfos, Der neue Soundtrack (alles Texttafeln), Bildergalerie, Trailer (zur Wiederaufführung), Film mit der neuen Musik von Florian C. Reithner

Länge: 70 Minuten

FSK: ab12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Zinker“ (1931)

Krimi-Couch über Edgar Wallace

Kirjasto über Edgar Wallace

Englische Edgar-Wallace-Seite

Deutsche Edgar-Wallace-Seite

Noch eine deutsche Edgar-Wallace-Fanseite

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2 Responses to DVD-Kritik: „Der Zinker“, die alte Version

  1. […] Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung „Der Zinker“ (D 1931) […]

  2. […] „Der Zinker“ ist vor allem für filmhistorisch interessierte Krimifans einen Blick wert. Außerd… […]

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