Neu im Kino/Filmkritik: Das grandiose Biopic „Carlos – Der Schakal“

Vorbemerkung 1: Das ist eine Besprechung der 190-minütigen Kinofassung.

Vorbemerkung 2: Ich kenne die 330-minütige Langfassung, die in einigen Kinos läuft, nicht. Daher weiß ich nicht, wo Regisseur Olivier Assayas die Schere angesetzt hat. Ich vermute in der zweiten Hälfte, nachdem Carlos in Wien den Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier verübte.

Vorbemerkung 3 gibt es nicht, weil ich jetzt mit meiner Kritik von dem, mit kleinen Einschränkungen, grandiosem Film beginne.

Carlos, wie sich der am 12. Oktober 1949 in Caracas (Venezuela) geborene Anwaltssohn Ilich Ramirez Sánchez, nannte war in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der meistgesuchte Terrorist. Seinen Ruf begründete er im Dezember 1975 mit der Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier in Wien und der anschließenden gelungenen Flucht. In den folgenden Jahren war er der meistgesuchte Terrorist der Welt und wahrscheinlich jeder über 35-jährige erinnert sich noch an das Fahndungsfoto und einige seiner Anschläge. 1982 und 1983 verübte Carlos, weil die französische Polizei seine Frau Magdalena Kopp verhaftete, in Frankreich mehrere blutige Anschläge auf Züge, Bahnhöfe und Gebäude. Auch in Berlin (Hey, mein Wohnort) verübte er 1983 einen Anschlag auf das französische Kulturzentrum „Maison de France“. Nach dem Ende des Kalten Krieges tauchte Carlos mit seiner Frau Magdalena und ihrer Tochter Elba Rosa zunächst in Amman (Jordanien) unter. Am 14. August 1994 wurde er in Khartum (Sudan) verhaftet und 1997 in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt.

Olivier Assayas erzählt nach einem von ihm und Dan Franck geschriebenen Drehbuch diese Lebensgeschichte. Vor dem Dreh recherchierten sie gründlich und dabei wurde aus einem normallangem Spielfilm schnell ein in zehn Ländern und mit über 120 Schauspielern gedrehtes Epos, das dieses Jahr beim Filmfestival in Cannes seine umjubelte Premiere erlebte. Für die normale Kinoauswertung wurde dann ordentlich gekürzt. Die lange Fassung ist, als Dreiteiler, vor allem für das Fernsehen gedacht.

Die Kinofassung zerfällt in zwei Teile. Im ersten, längeren und mitreisenderen Teil erzählt Assayas den Aufstieg von Carlos bis zur Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier, der anschließenden Flucht mit einem Flugzeug und, entgegen dem Befehl von Wadi Haddad (dem Anführer der Volksfront für die Befreiung Palästinas [PFLP]) der Freilassung der Geisel gegen ein erkleckliches Lösegeld. Haddad und Carlos trennen sich.

Im zweiten, kürzeren Teil versucht Carlos eine eigene Terrorgruppe aufzubauen, er verliebt sich in die Deutsche Magdalena Kopp, verübt als Söldner für verschiedene Terrorgruppen weltweit zahlreiche Anschläge, versteckt sich an verschiedenen Orten und isoliert sich zunehmend. Der Schakal, wie Carlos auch genannt wurde, wird zum gehetzten Tier, das einen großen Teil seiner Zeit in verschiedenen Verstecken verbringt. Dieser Teil ist, weil es im Gegensatz zum ersten Teil für Carlos kein handlungstreibendes Ziel mehr gibt, schwächer. Die Handlung wirkt sprunghaft und deshalb langweilig. Wahrscheinlich hat Assayas hier am meisten gekürzt.

Doch das ist nur ein kleiner Minuspunkt. Denn insgesamt ist „Carlos“ ein mitreisender Film, der die Geschichte des internationalen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre aus der Perspektive einer der, vielleicht sogar der treibenden Kraft erzählt und seinen Protagonisten als einen sehr zwiespältigen, aber auch sehr faszinierenden Charakter porträtiert. Dank dem großartigem Spiel von Édgar Ramirez (Domino – Live Fast, Die Young; 8 Blickwinkel, Das Bourne Ultimatum, Che) ist Carlos, trotz all seiner negativen Seiten, eine verdammt coole Socke. Es wird erfahrbar, warum er damals als Held verehrt wurde und man kann erahnen, warum heute andere Terroristen als Helden verehrt werden.

Kleiner Tipp: Weil in „Carlos“, wie in der Realität, ein buntes Sprachengemisch herrscht, sollte die untertitelte Originalfassung angesehen werden. Die Geschichte wirkt dann noch authentischer.

Carlos – Der Schakal (Carlos, Frankreich/Deutschland 2010)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck

mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Carlos“

Wikipedia über Illich Ramirez Sánchez (Carlos) (deutsch, englisch)

The Crime Library: Patrick Bellamy über Carlos

2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Das grandiose Biopic „Carlos – Der Schakal“

  1. Kann es ein Zufall gewesen sein, dass sich Carlos-Komplize “Lothar” am Tag des schlimmsten Terroranschlags der italienischen Geschichte am Tatort aufhielt?

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/11/02/carlos-komplizen/

  2. […] Olivier Assayas Biopic „Carlos – Der Schakal“ war ich vor etwas über einem halben Jahr begeistert. Ich kannte zwar nur die dreistündige […]

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