DVD-Kritik: Luchino Viscontis zeitloses Epos „Der Leopard“

Auf den ersten Blick hat Alain Delon, der vor allem für seine Verbrecherrollen bekannt ist, in Luchino Viscontis dreistündigem Epos „Der Leopard“ eine untypische Rolle. Er spielt Tancredi Falconeri, den Neffen von Don Fabrizio Salina (Burt Lancaster). Don Fabrizio ist ein sizilianischer Adliger und Großgrundbesitzer, der sich um 1860 mit der neuen Zeit arrangieren muss und dem es, auch weil er ein kluger Machtpolitiker ist, auch gelingt.

Tancredi ist der junge Filou, für den der Krieg ein tolles Abenteuer ist; wobei er strategisch klug die Seite der Antiroyalisten wählt, weil sie so nach dem erwartbarem Sieg der Garibaldi-Revolutionäre den Fuß in der Tür des neuen Systems haben. Gegenüber seinem Onkel begründet er seine Entscheidung mit dem inzwischen berühmtem Satz: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“ (in der deutschen Synchronisation: „Wenn wir wünschen, dass die Verhältnisse so bleiben wie sie sind, müssen gewisse Dinge verändert werden.“)

Nach der Revolution (die für die Don Fabrizio nur eine Revolte war) soll Tancredi dessen Tochter Concetta Salina (Lucilla Morlacchi) heiraten, aber er verliebt sich in Angelica Sedara (Claudia Cardinale), die Tochter eines Emporkömmlings, der jetzt Bürgermeister ist. Don Fabrizio Salina unterstützt diese Heirat. Denn so können sie auch in der neuen Zeit an der Macht bleiben.

In diesen letzten Minuten des Films, am Ende einer unendlich langen und wahrscheinlich unglaublich teuren Ballsequenz, wird deutlich, dass Tancredi nicht nur ein anpasserischer Filou ist, der seinem Herzen folgte, sondern immer auch seinen Aufstieg im Sinn hatte. Und dafür war die Heirat mit Angelica Sedara geeigneter als die mit Concetta Salina.

Deshalb unterscheidet sich auf den zweiten Blick Tancredi gar nicht so sehr von Delons bekannten bekannten Verbrecherrollen, in denen er Männer spielt, die egoistisch ihre Ziele verfolgen, nicht zu festen Bindungen fähig sind und in erster Linie Geld und Macht wollen. Denn dass Angelica gut aussieht hat ihm seine Entscheidung sicher erleichtert, aber letztendlich hat er genau wie Don Fabrizio die Frau geheiratet, die seinen Zielen am besten dient. Und die wenigen Szenen zwischen Don Fabrizio und seiner Frau geben einen illusionslosen Blick auf das Ende einer Zweckehe.

Neben diesem machtpolitischem Zynismus, der den Film wohltuend von anderen Kostümdramen unterscheidet, wird in „Der Leopard“ vor allem, auf verschiedenen Ebenen (Achten Sie auf die Gebäude!) die Geschichte eines Verfalls erzählt. Denn die Hauptrolle hat nicht Alain Delon (der sogar erstaunlich selten im Bild ist) sondern Burt Lancaster. Er ist der alternde Herrscher eines Hauses, das versucht, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Dabei kämpft er nicht gegen die sich verändernde Gesellschaft an, sondern er bemüht sich immer, möglichst langfristig seine Macht und damit verbunden die Macht seiner Familie zu sichern. Gleichzeitig ist er sich, wie ein schöner Dialog am Anfang des Films zwischen ihm und dem Geistlichen zeigt, seiner eigenen Vergänglichkeit und Machtlosigkeit bewusst. Er weiß, dass seine Macht nur weltlich und damit endlich ist, während die Kirche ewig lebt.

Auch deshalb unterstützt er Tancredi bedingungslos. Mal offen, indem er ihm Geld für die Aufständischen zusteckt. Mal weniger offen, indem er einen Sitz im Parlament ablehnt und stattdessen, durch die Blume, Tancredi als einen Mann der neuen Zeit empfiehlt.

Gleichzeitig sieht Don Fabrizio auf die neuen Machthaber herab. Luchino Visconti (selbst ein Adliger) zeigt das immer wieder, wenn die Kamera unangenehm lang auf dem angewiderten Blick von Don Fabrizio verharrt. Für ihn sind die Gewinner der Revolution nur kulturlose Kriegsgewinnler, die man wie Schmeißfliegen erträgt. Denn kaum sind sie an der Macht, machen sie ihm in seinem Haus betont devote Aufwartungen, wechseln flugs die Kleider und verleihen sich Adelstitel.

Luchino Visconti zelebriert, mit schwelgerischem Pomp, in seinem ersten Spielfilm nach seinen neorealistischen Werken (der letzte war „Rocco und seine Brüder“, ebenfalls mit Alain Delon) das Ende einer Ära, die für Don Fabrizio auch ein Sittenverfall ist. Denn die Umwelt mit all ihren niederen Trieben dringt immer tiefer in das Haus Salina ein. Auch hier stehen sich Anfang und Ende des Film spiegelbildlich gegenüber. In den ersten Minuten beten die Salinas in ihrem Haus. Von außen dringt Lärm herein. Aber das Ritual des Gebetes ist wichtiger.

Am Ende ist diese Welt in das Haus der Salinas eingedrungen. Denn auf dem Ball, der im Film sagenhafte 45 Minuten dauert, mischen sich die Adligen mit den Aufsteigern und der gesittete Ball nimmt immer wieder die Züge einer Orgie an.

Dabei verdeckt die äußere Pracht nur mühsam die bittere Botschaft des vielschichtigen Films, der gerade aus seinen Widersprüchen und damit verbundenen Interpretationsangebote auch für heutige Zuschauer seine Kraft zieht.

 

Die DVD

 

Das Bild ist fantastisch. Die dreistündige Version (weltweit die längste) wurde jetzt durchgehend synchronisiert. Schade ist, dass dafür am Bonusmaterial gespart wurde: es gibt nur den italienischen Trailer und eine Bildergalerie.

Der Leopard (Il Gattopardo, Italien 1962)

Regie: Luchino Visconti

Drehbuch: Suso Cecchi d’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli, Luchino Vicsonti

LV: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Il Gattopardo, 1957 (Der Leopard, Il Gattopardo)

mit Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Serge Reggiani, Rina Morelli, Mario Girotti, Giuliano Gemma

DVD

Koch-Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Italienischer Kinotrailer

Länge: 178 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Leopard“ (deutsch, englisch)

Luchino-Visconti-Fanseite

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon

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7 Responses to DVD-Kritik: Luchino Viscontis zeitloses Epos „Der Leopard“

  1. […] Jahre nach „Der Leopard“ traten Burt Lancaster und Alain Delon wieder gemeinsam in einem Film auf. Und wieder spielten […]

  2. […] Und ehe ich jetzt ins Schwärmen gerate, verweise ich kühl auf meine ausführliche Besprechung des Films. […]

  3. […] Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster) […]

  4. […] Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster) […]

  5. […] Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster) […]

  6. […] Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster) […]

  7. […] Meine Besprechung von “Der Leopard” (mit Alain Delon und Burt Lancaster) […]

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