Das Minderheitenvotum zu John le Carrés „Verräter wie wir“

Die meisten Kritiker feiern John le Carrés neuen Roman „Verräter wie wir“ ab. Auf der Bestenliste der KrimiWelt landete er sofort auf dem ersten Platz. Der Autor selbst füttert mit Interviews die Pressemaschine. Denn, im Gegensatz zu den meisten Engländern und Amerikanern, spricht er Deutsch. Für TV- und Radiointerviews ist das ein unbestreitbarer Vorteil. Auch dass er Deutschland kennt, seine Romane oft hier spielen und er ein beeindruckendes Werk vorweisen kann, ist hilfreich.

Als Chronist des Kalten Krieges schrieb er sich mit realistischen Spionageromanen in die Herzen von Millionen Lesern. Danach schrieb er einige Rückblicke auf den Kalten Krieg („Der heimliche Gefährte“ [eigentlich eine Kurzgeschichtensammlung], „Absolute Freunde“), widmete sich dem illegalen Medikamentenhandel in Afrika („Der ewige Gärtner“) und beschäftigte sich mit den aktuellen Entwicklungen in den Geheimdiensten und der Internationalen Politik. In „Geheime Melodie“ war es das Schachern um afrikanische Staaten und in „Marionetten“ das Schicksal eines jungen Mannes, den die Geheimdienste für einen islamistische Terroristen halten. Alles wichtige Themen, die er teils mit zu viel Pathos und gerechter Empörung präsentierte.

In seinem neuesten Roman „Verräter wie wir“ erzählt er die Geschichte eines Russenmafiosi, der zu den Briten überlaufen will und sich dabei eines Universitätslehrers und seiner Frau, einer Anwältin, bedient. Es geht um die internationale Finanzpolitik, das Waschen von schmutzigem Geld und, wieder einmal, um einen Niemand, der in die Spiele der Geheimdienste und, inzwischen auch, Verbrecher (mit mehr oder weniger weißem Kragen) verwickelt wird. Dabei ähnelt seine Rolle der eines Bauern beim Schach.

Aber in „Verräter wie wir“ nimmt John le Carré sich, wie zuletzt in „Geheime Melodie“, viel zu viel Zeit, um die Geschichte zu beginnen. In der ersten Hälfte des Buches wird nur aus verschiedenen Perspektiven und damit in endlosen Wiederholungen, erzählt, wie der Lehrer den Mafiosi kennenlernt und sie gegeneinander Tennis spielen. Während der Plot sich in diesen Momenten im Schneckentempo vorwärts bewegt, ist man als Leser, auch ohne die Lektüre des Klappentextes, der fast die gesamte Geschichte verrät, schon weiter. Denn, auch ohne dass es ausdrücklich gesagt wird, ahnt man, dass der reiche Russe sein Geld nicht auf ehrliche Art verdient hat und man fragt sich, warum er seinen Ausstieg aus dem kriminellen Geschäft ausgerechnet mit der Hilfe eines Lehrers organisieren will und warum er sich nicht einfach direkt an den britischen Geheimdienst wendet; – obwohl die CIA der naheliegendere Ansprechpartner wäre.

Der Austausch wird erst weit nach der Hälfte des Buches vorbereitet – und spätestens dann fragt man sich, warum John le Carré eine Kurzgeschichte auf vierhundert Seiten aufbläht. Denn er erzählt die ersten Begegnungen des Lehrerpaars und des Mafiosi aus mehreren Perspektiven, was die Handlung nicht voranbringt und den Charakteren auch keine größere Tiefe verleiht, aber dafür die Seiten füllt. Später verschwendet er über dreißig Seiten für eine zähe und für die Geschichte in jeder Beziehung vollkommen unerhebliche Hintergrundgeschichte. In diesen Moment fragt man sich ob die guten Erinnerung an die früheren le-Carré-Romane, wie „Der Nacht-Manager“ (in dem Roman wird ein Hotelportier als Agent bei einem internationalen Waffenhändler eingeschleust), nicht täuschen. Denn „Der Nacht-Manager“ ist mit gut sechshundert Seiten zwar deutlich länger als „Verräter wie wir“, liest sich aber wesentlich kurzweiliger.

Auch das Ende, das ja manchmal einem schlechten Werk eine gelungene Pointe verpasst, wirkt lieblos. Es ist eines dieser Enden, das viele Fragen nicht beantwortet und sehr verschieden interpretiert werden kann. Manchmal, wie in den Paranoia-Thrillern der siebziger Jahre, kann so ein Ende zur gewollten Beunruhigung des Publikums beitragen. In „Verräter wie wir“ wirkt es allerdings so, als habe John le Carré nicht gewusst, wie er die Geschichte beenden soll und dafür dann die dümmste aller möglichen Lösungen gewählt, die sich an dem alten Rätselkrimispruch „Der Mörder ist immer der Gärtner“ orientiert.

Verräter wie wir“ reiht sich nahtlos in John le Carrés enttäuschendes Spätwerk ein. „Marionetten“ war okay. „Geheime Melodie“ und „Absolute Freunde“ waren langweilig. „Der ewige Gärtner“ präsentierte über gefühlte Hunderte von Seiten Fakten über den illegalen Medikamentenhandel, die sich wie eine Zeitungsreportage lasen, im Buch wie Fremdkörper wirkten und John le Carré ließ viel zu oft seiner moralischen Empörung freien Lauf. „Single & Single“ habe ich bis auf die Stichworte „Zirkus“, „Familienbetrieb“ und „Bankgeschäfte mit Russland“ vergessen. Und dann wären wir schon bei le Carrés Graham-Greene-Variante „Der Schneider von Panama“ und dem „Nacht-Manager“, die mir als Post-Kalter-Kriegs-Romane gefielen.

John le Carré: Verräter wie wir

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2010

416 Seiten

24,95 Euro

Originalausgabe

Our Kind of Traitor

Viking, London, 2010

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

John le Carré in der Kriminalakte

 

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7 Responses to Das Minderheitenvotum zu John le Carrés „Verräter wie wir“

  1. […] 1 (1) John le Carré: Verräter wie wir […]

  2. ottokar domma sagt:

    muss zustimmen, ich habe noch nie so einen langweiligen thriller gelesen

  3. […] 3 (1) John le Carré: Verräter wie wir […]

  4. […] Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, 2010) […]

  5. […] Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our kind of traitor, 2010) […]

  6. […] Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010) […]

  7. […] Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010) […]

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