Alter Scheiß? Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

1976 veröffentlichte Ross Thomas (19. Februar 1926 – 18. Dezember 1995) seinen fünfzehnten Roman „Yellow Dog Contract“.

1978 erschien als „Geheimoperation Gelber Hund“ die deutsche Ausgabe.

Jetzt erschien im Alexander-Verlag, als Teil der nur lobenswerten Ross-Thomas-Wiederveröffentlichungen, das Buch in einer überarbeiteten und vollständigen Übersetzung als „Der Yellow-Dog-Kontrakt“.

In dem Polit-Thriller soll Harvey Longmire (früher Wahlkampfberater, heute Gedichteschreiber und Bauer) für Roger Vullo, der gerade die Arnold-Vullo-Foundation gegründet hat, die Verschwörungen aufdecken will, herausfinden, warum der Gewerkschaftsführer Arch Mix verschwand. Longmire nimmt den Auftrag vor allem an, weil er wissen will, ob er inzwischen zum alten Eisen gehört. Denn von seiner früheren Arbeit als Wahlkampfberater, Abteilungen „Stimmen um jeden Preis beschaffen“, kennt er Mix, die Gewerkschaften und das politische Geschäft.

Bei seinen Recherchen, die vor allem im Kreis seiner Familie, seinen Bekannten aus dem Politikgeschäft (Freunde wäre wahrscheinlich die falsche Bezeichnung) und dem Umfeld der Gewerkschaft stattfinden, wird es für ihn schnell gefährlich. Denn jemand will mit allen Mitteln verhindern, dass herauskommt, was mit Arch Mix geschah und er ermordet dafür jeden, der die Wahrheit kennt.

Als Longmire erfährt, dass erst kürzlich in mehreren Großstädten die Gewerkschaftsbosse durch unbekannte Nachfolger ersetzt wurden und diese unerfüllbare Forderungen an die städtischen Arbeitgeber stellen, glaubt er, dass hier ein Yellow-Dog-Kontrakt (ein in den USA bekannter Begriff für einen, seit 1932 verbotenen, Arbeitsvertrag, in dem dem Arbeitnehmer die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft untersagt wird) vorbereitet werden soll. Er weiß allerdings noch nicht, wie diese beiden Ereignisse zusammenhängen.

Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist sicher nicht der beste Thriller von Ross Thomas. Dafür ist das Komplott letztendlich doch zu unübersichtlich und wird am Ende zu hastig aufgelöst und dass die Geschichte, wie in einem klassischem Privatdetektivroman aus Longmires Sicht erzählt wird, erhöht hier die Spannung nicht unbedingt. Auch sind die Charaktere weniger farbig als in seinen anderen Büchern. Nur Longmires Onkel Jean-Jacques Le Gouis, kurz „Slick“, erinnert als Mann, der wahrscheinlich in jedem zweiten schmutzigen Geschäft zwischen dem Zweiten Weltkrieg und Watergate seine Finger drin hatte, an die überlebensgroßen Ross-Thomas-Charaktere. Die anderen sind doch sehr brave Beamte und Gewerkschaftler; – jedenfalls nach Ross-Thomas-Standard. Roger Vullos Angewohnheit ständig auf seinen Fingern herumzukauen, ist anfangs amüsant, verbraucht sich als Running Gag aber schon während Longmires erster Audienz bei Vullo (den wir uns heute wohl als eine Mischung aus Mark Zuckerberg und Julian Assange vorstellen können). Da ist der zweite Running Gag, nämlich dass jeder einen anderen Schauspieler nennt, als er sagt, an wen ihn Longmires Bart erinnere, schon gelungener.

Aber im Vergleich zu John le Carrés neuestem Werk „Verräter wie wir“ ist „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ein hundsgemeiner Thriller aus den Hinterhöfen der Politik. Denn es geht im Post-Watergate-Washington um Gewerkschaften, die für politische Zwecke gebraucht werden (von Missbrauch wollen wir nicht reden, denn die Gewerkschaftler machen gerne mit) und die Idee, dass mit Streiks sogar Präsidenten gemacht werden können. Es gibt herrlich zynische Dialoge und einige köstliche Einblicke in das politische Geschäft.

Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

(übersetzt von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann)

Alexander Verlag, 2010

272 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Yellow Dog Contract

William Morrow & Co, 1976

Deutsche Erstausgabe

Geheimoperation Gelber Hund

(übersetzt von Edith Massmann)

Ullstein, 1978

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Voodoo, Ltd.“ (Voodoo, Ltd., 1992)

Kleine Ross-Thomas-Covergalerie in der Kriminalakte

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One Response to Alter Scheiß? Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt

  1. […] Meine Besprechung von Ross Thomas’ “Der Yellow-Dog-Kontrakt” (Yellow Dog Contract,… […]

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