Jack Ketchum ist nicht „Lost“

Bei Hollywood-Filmen werden wir schon länger von der Unsitte belästigt, die Originaltitel nicht mehr ins Deutsche zu übersetzen. Der Grund dafür ist, dass die klugen Köpfe in den Hollywood-Marketingabteilungen festgestellt haben, dass in einigen Ländern falsche oder sinnentstellende Titel verwandt wurden. Deshalb bleibt es jetzt bei dem Originaltitel, auch wenn er von niemand verstanden wird. Ich meine, wer weiß schon, was „The Dark Knight“, „Cop Out“, „Fair Game“ und „True Grit“ auf deutsch bedeuten? Und „The American“, „The Road“ und „The Tourist“ kann man zwar verstehen, ohne englisch zu können, aber „Der Amerikaner“, „Die Straße“ (so ist auch der Titel der deutschen Ausgabe von Cormac McCarthys Roman) und „Der Tourist“ (oder „Der Urlauber“) wären sicher auch okay gewesen.

Jetzt beginnen auch die Verlage mit dem Unfug. Denn Jack Ketchums Klassiker „The Lost“ ist jetzt bei Heyne Hardcore als „The Lost“ mit einem nichtssagendem Cover in einer, jedenfalls bei kursorischer Prüfung, guten Übersetzung erschienen.

Naja, da ist immerhin die Suche nach dem Filmtitel einfach.

Und ich kann mal einen auf „Fauler Mann“ machen und einen Teil meiner Besprechung des Films wieder posten:

In „The Lost“ erzählt Jack Ketchum die Geschichte eines Psychopathen und mehrerer, ihn wie Satelliten umkreisender, seelisch verlorener Menschen während des für sie nicht existierenden Summer of Love.

1965 ermordet der Teenager Ray Pye nachts am See Lisa Steiner. Elise Hanlon kann schwerverletzt flüchten. Pyes Freunde Tim Bess und Jennifer Fitch haben die Tat beobachtet und ihm geholfen die Spuren zu verwischen.

Vier Jahre später stirbt Elise Hanlon, die nie aus dem Koma erwachte. und der Kleinstadt-Detective Charlie Schilling möchte den Fall immer noch lösen. Doch anstatt den Krimiplot energisch voranzutreiben, entwirft Jack Ketchum ein pessimistisches Porträt einiger Bewohner der Kleinstadt Sparta, New Jersey, bei dem die Zahl der Sympathieträger an den Fingern einer abgehackten Hand abgezählt werden kann. Neben dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Psychopathen Ray Pye, der bevorzugt jüngere Frauen vögelt und als kleiner Drogenhändler der ungekrönte König der Kleinstadtjugendlichen ist, den ihm hörigen Freunden Tim Bess und Jennifer Fitch, die nichts gegen Rays zahlreiche Seitensprünge hat, sind das vor allem die beiden 1965 ermittelnden Polizisten und ein gerade aus San Francisco zugezogenes Mädchen.

Detective Charlie Schilling ist ein geschiedener Alkoholiker, der seine Abende nach dem Besuch in der Bar, allein vor dem Fernseher mit einer Dose Bier verbringt. Sein Kollege Ed Anderson ist inzwischen Frührentner und hat eine Beziehung zur gerade volljährig gewordenen Sally Richmond. Katherine Wallace, das neuen Mädchen in der Stadt, findet Ray Pye interessant, hat eine in der Irrenanstalt sitzende, todkranke Mutter und stiftet Ray zu mehreren kleinen Verbrechen an. Keiner von ihnen taugt als Vorbild.

Nach Hanlons Tod beginnt Charlie Schilling wieder den Druck auf Pye zu erhöhen. Er will ihn jetzt endlich als Doppelmörder überführen, indem er dessen übergroßes Ego beschädigt. Er sprengt eine Party von Pye, bei der er kostenlos Drogen an Minderjährige verteilte. Gleichzeitig überzeugt er Sally Richmond, die Stelle in dem Motel der Familie Pye, wo auch Ray arbeitet, zu kündigen, und er redet mit Pyes Freunden. Pyes Nerven sind deshalb schon zum Zerreißen gespannt. Verschärfend kommt für den Kleinstadt-Aufreißer hinzu, dass Sally nicht mit ihm ins Bett steigen will, seine große Liebe Katherine die Beziehung zu ihm beendet und Tim, der für ihn Drogen bei sich aufbewahrt und dabei ungefragt einen Teil für sich abzweigt, ihn betrügt.

Das alles wird Pye irgendwann zuviel und er explodiert. Er beginnt sich an all den Menschen, die sich ihm verweigerten, in einem Amoklauf zu rächen.

Jack Ketchums großartiger, aber auch bedrückender und beunruhigender Roman ist die fast klinische Studie eines Amokläufers und seines Umfeldes.

Dabei ist „The Lost“ so sehr mit der Handlungszeit, dem August 1969, verbunden, dass eine andere Handlungszeit unmöglich erscheint. Denn während die Hippiebewegung den Summer of Love und Woodstock feiert, ist in Sparta nichts von der Utopie einer besseren Welt angekommen. Nur die Drogen und die Gewalt, gepaart mit einer kräftigen Portion reaktionärem Denken, sind in der Provinz angekommen; – falls sie nicht schon immer da waren. Pyes erste Sätze im Buch sind, nachdem er sieht, wie die Freundinnen Steiner und Hanlon sich einen unschuldigen, flüchtigen Kuss geben: „Unfassbar. Lesben. Mann, ist das eklig.“

Das und seine Neugier, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen, führen zu den ersten Morden.

Später ist er von dem Morden der Charlie-Manson-Familie, vor allem dem bestialischen an Sharon Tate, fasziniert. Zum wenige Tage später stattfindenden Woodstock-Festival will er allerdings nicht fahren. Denn dort ist alles versammelt, was er verabscheut. Insofern zeigt Jack Ketchum, ähnlich wie die Rockband „Velvet Underground“, die düstere Seite der späten sechziger Jahre.

Jack Ketchum: The Lost

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne Hardcore, 2011

416 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

The Lost

Leisure Books/Cemetery Dance Publications, 2001

Verfilmung

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005)

Regie: Chris Sivertson

Drehbuch: Chris Sivertson

Mit Marc Senter, Shay Astar, Alex Frost, Megan Henning, Robin Sydney, Dee Wallace-Stone, Michael Bowen, Ed Lauter, Erin Brown

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

 

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One Response to Jack Ketchum ist nicht „Lost“

  1. […] Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001) […]

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