DVD-Kritik: „Du und ich“ oder ein vergessenes Meisterwerk von Fritz Lang

Es wäre Unfug, Fritz Langs hoch budgetiertes Drama „Du und ich“ auf eine Stufe mit seinen Stummfilmmeisterwerken „Der müde Tod“, „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Spione“, „Frau im Mond“, seinem Tonfilmdebüt „M“, seinem letzten deutschen Film vor seiner Flucht, „Das Testament des Dr. Mabuse“ zu stellen. Aber schlechter als seine zahlreichen, immer noch bekannt-beliebten Hollywood-Noirs, wie „Gefährliche Begegnung“, „Gardenia – Eine Frau will vergessen“ und „Heißes Eisen“ (bei denen ihm das geringe Budget deutliche Schranken setzte) ist „Du und ich“ nicht.

Denn „Du und ich“ (ein seltsam austauschbarer und nichtssagender Titel) ist viel besser als seine Bekanntheit, genauer Unbekanntheit, vermuten lässt. In den USA war der am 1. Juni 1938 uraufgeführte Film ein Kassenflop. In Deutschland erlebte er, wie viele von Langs Hollywood-Filmen, erst am 16. Januar 1978 im WDR seine Premiere und auch bei der wurde anscheinend auf eine deutsche Synchronisation verzichtet. Jedenfalls findet sich auf der jetzt in der „Film Noir Collection“ veröffentlichten Fassung keine deutsche Tonspur.

Geplant war von Fritz Lang ein Brechtsches Lehrstück über den Kapitalismus, Verbrechen und Resozialisierung. Dafür spricht auch, dass Kurt Weill die Musik schrieb. Jedenfalls einen Teil, bis er ein besseres Angebot erhielt und Hollywood gegen den Broadway eintauschte. Dennoch gefiel ihm der Rohschnitt des Films: „Es ist ein sehr schöner, teilweise aufregend schöner Film, aber zu lang, (d. h. zu lang und zu Lang), oft sehr schleppend und sehr deutsch, aber im Niveau unvergleichlich besser als alles was sie hier machen.“

Der fertige Film ist allerdings nicht „zu lang“ und auch nicht „zu Lang“. Denn schon der Auftakt, ein Kurt-Weill-Lied über den Kapitalismus, das von Bildern aus dem Kaufhaus und der Warenwelt illustriert und ironisch kommentiert wird, stimmt furios auf die folgenden neunzig Minuten ein. In den ersten Filmminuten werden einige Verkäufer ohne Umschweife als Verbrecher vorgestellt. Dann erklärt der Kaufhausbesitzer Jerome Morris (Harry Carey) seiner Frau, dass er vielen Verbrechern eine zweite Chance gebe und bis jetzt sei noch keiner rückfällig geworden.

Einer von diesen auf Bewährung entlassenen Verbrechern ist Joe Dennis (George Raft). Gerade bei ihm sah der Knastdirektor keine Chance auf eine Rehabilitation. Aber jetzt scheint ihm der Ausstieg aus dem Verbrecherleben zu gelingen. Joe ist in die Verkäuferin Helen Roberts (Sylvia Sidney) verliebt. Weil Joe noch auf Bewährung draußen ist, darf er unter anderem nicht heiraten. Er will, nachdem er seine Bewährungsstrafe erfolgreich hinter sich gebracht hat, nach Kalifornien umziehen und dort ein vollkommen neues Leben als ehrlicher Mann beginnen. Aber Helen fragt ihn nach einem gemeinsam verbrachtem, wundervollem Abend bei dem er das Ende seiner Bewährungsstrafe feierte, ob er sie heiraten will. Joe, der sein Glück kaum fassen kann, ist einverstanden. Er zieht bei ihr ein, wird von Helens Vermietern akzeptiert, erhält seine frühere Arbeit wieder und alles könnte perfekt sein.

Aber da erfährt er zufällig und nicht von Helen, dass sie ebenfalls auf Bewährung draußen ist. Für ihn zerbricht der Traum von einem ehrlichen Leben. Er trifft sich wieder mit seinen alten Kumpels (eine weitere, der zahlreichen erinnerungswürdigen Szenen des Films) und gemeinsam planen die Verbrecher, von denen etliche auch im Kaufhaus arbeiten, einen Einbruch in das Kaufhaus.

Und wenn Helen dann den während des Einbruchs erwischten Einbrechern in der Kinderabteilung den Kapitalismus erklärt gibt es eine kleine Lernstunde in angewandter Ökonomie. Denn sie rechnet den Jungs vor, wie hoch die Beute ist, was daran der Hehler verdient, welche Ausgaben sie haben und was ihnen am Ende bleibt. Es ist erschreckend wenig und untermauert eindrucksvoll die These, dass Verbrechen sich nicht lohne, lange bevor Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner mit „Freakonomics“ einen Bestseller landete, in dem sie erklärten, warum Drogenhändler bei ihrer Müttern wohnen.

Damals bemängelten Kritiker, dass Fritz Lang sich nicht für ein Genre entscheide. Gerade dieser elegante Wechsel zwischen den verschiedenen Genres und natürlich die meisterhafte Beherrschung des filmischen Handwerks und einer stringent entwickelten, pointiert erzählten Geschichte verleihen dem über siebzig Jahre altem Film eine auch heute noch ungeahnte Kraft. Auch dass der Film nicht stupide seine Botschaft hinausbrüllt, sondern die verschiedenen Positionen nebeneinander präsentiert und sie immer wieder ironisch bricht, trägt zur Frische des Lehrstücks ohne Botschaft bei.

 

Die DVD

 

Du und ich“ erschien als sechster Film in der „Film Noir Collection“ von Koch Media. Über die Einsortierung von „Du und ich“ als Noir könnte diskutiert werden (ich würde ihn unter Drama und nicht unter Noir einsortieren), aber nicht über die gewohnt liebevolle Ausstattung. Der Film wurde digital restauriert und entsprechend gut ist das Bild. Auch über den Ton des über siebzig Jahre alten Films kann nicht gemeckert werden Es gibt eine umfangreiche Bildergalerie, den Kinotrailer und ein zwölfseitiges Booklet mit einem informativem Text von Thomas Willmann über den Film.

Du und ich (You and Me, USA 1938)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: Virginia Van Upp (nach einer Geschichte von Norman Krasna)

mit Sylvia Sidney, George Raft, Robert Cummings, Barton MacLane, Roscoe Karns, Harry Carey

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 6)

Bild: 1,37:1 (4:3)

Ton: Englich (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Original Trailer, Booklet

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

 

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2 Responses to DVD-Kritik: „Du und ich“ oder ein vergessenes Meisterwerk von Fritz Lang

  1. […] Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938) […]

  2. […] kein Nachteil war. Es entstanden „Blinde Wut“ (Fury), „Gehetzt“ (You only live once), „Du und ich“ (You and me), „Rache für Jesse James“ (The Return of Jesse James), „Menschenjagd“ (Man Hunt), „Auch […]

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