Ein Mädel auf Mörderjagd

Ja früher ließen sich die Autoren immer unglaublich viel Zeit, bevor sie mit ihrer Geschichte anfingen. Nicht wie heute, wo, streng nach Schreibratgeber, bereits der erste Satz den Leser packen muss. Zum Beispiel dieser Romananfang:

Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkam. Ich war gerade vierzehn, als ein Feigling namens Tom Chaney meinen Vater unten in Fort Smith, Arkansas, über den Haufen schoss und ihm sein Leben, sein Pferd, 150 Dollar sowie zwei kalifornische Goldstücke raubte, die er im Hosenbund trug.

Und das kam so:

Das sind die ersten Zeilen von Charles Portis‘ Western „True Grit“, der jetzt dank der Coen-Brüder, die den Roman verfilmten, wiederveröffentlicht wurde. Auf den folgenden zweihundert Seiten erzählt Mattie Ross ein halbes Jahrhundert später von dieser Jagd. Denn in Fort Smith muss sie schnell feststellen, dass für die dortigen Gesetzeshüter die Verfolgung von Tom Chaney nicht an erster Stelle steht. Chaney ist nur einer von vielen flüchtigen Verbrechern. Also fragt sie nach dem besten Marshal und trifft auf Rooster Cogburn. Der ist Marshal, zäh, furchtlos, und ein versoffenes Schlachtross, das Verbrecher während der Verhaftung gerne erschießt. Gerade der letzte Punkt gefällt der rachedurstigen Mattie. Sie engagiert ihn. Später schließt sich ihnen Texas-Ranger LaBoeuf an. Er jagt Chaney, weil dieser den Hund eines Senators erschossen hat und der Senator ein hohes Kopfgeld auf den Hundemörder aussetzte. Mattie will Chaney allerdings nicht LaBoeuf überlassen. Denn Chaney soll nicht für einen Hund, sondern für den Mord an ihrem Vater am Galgen baumeln.

Chaney ist in das Indianerterritorium geflüchtet und hat sich der skrupellosen Bande von Lucky Ned Pepper angeschlossen. Mattie, Cogburn und LaBoeuf nehmen die Verfolgung auf. Dabei muss Mattie sich zuerst den Respekt der beiden Männer erarbeiten. Denn die wollen Chaney ohne ein Kind als lästige Begleitung jagen.

Die geradlinige Geschichte gewinnt durch die Stimme der Erzählerin Mattie. Die vierzehnjährige Mattie ist zwar willensstark, aber auch entsetzlich vorlaut, rechthaberisch und altklug. Und einige ihrer Ansichten sind heute nicht mehr P. C.. Damals, als 1968 der Roman erschien, waren sie es wahrscheinlich auch nicht. Aber Charles Portis lässt die Geschichte ja um 1878 spielt und erst Jahrzehnte später von der älteren, unverheirateten Presbyterianerin und Bankerin Mattie erzählen. So sagt sie über eine Gruppe von Häftlingen: „Es waren meistens Weiße, aber ein paar Indianer, Mischlinge und Neger waren auch darunter. Es war ein schrecklicher Anblick, man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Bestien in Ketten Räuber und Mörder und Fälscher waren, dass sie Züge zum Entgleisen gebracht und in Bigamie gelebt hatten – Abschaum der Menschheit.“

Gerade dieser unverstellte Blick in die Vergangenheit, in der Charles Portis nicht über seine Charaktere urteilt, trägt dazu bei, dass sich „True Grit“ wie ein historisches Dokument liest. Und sicher auch deshalb wurde Mattie Ross öfters mit Huckleberry Finn verglichen. Nur schrieb Mark Twain seine Geschichten einige Jahrzehnte vor Charles Portis.

Ach, und „True Grit“ kann mit wahrer Mumm oder echte Tapferkeit übersetzt werden. In dieser Hinsicht war der alte deutsche Titel „Die mutige Mattie“ absolut gelungen. Der neue Titel „True Grit“ ist dagegen der Hollywood-Manie geschuldet, Filme überall mit dem Originaltitel zu starten, auch wenn ihn niemand versteht und sich deshalb nichts darunter vorstellen kann.

Charles Portis: True Grit

(Überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Richard K. Flesch)

rororo, 2011

224 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die mutige Mattie

Rowohlt Verlag, 1969

Originalausgabe

True Grit

Simon & Schuster, New York, 1968

Verfilmungen

Der Marshal (True Grit, USA 1969)

Regie: Henry Hathaway

Drehbuch: Marguerite Roberts

mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Jeremy Slate, Jeff Corey, Robert Duvall, Dennis Hopper, Strother Martin


True Grit (True Grit, USA 2010)

Regie: Joel Coen, Ethan Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Amerikanische Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Deutsche Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Film-Zeit über „True Grit“ (Coen-Version)

Drehbuch „True Grit“ von Joel und Ethan Coen

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