DVD-Kritik: „Das Experiment“-Regisseur will „Five Minutes of Heaven“

Das Experiment“ war großes Kino.

Mein letzter Film“ war ein Einpersonenstück mit Hannelore Elsner.

Der Untergang“ war noch größeres Kino.

Ein ganz gewöhnlicher Jude“ war ein Einpersonenstück mit Ben Becker.

Invasion“ war als großes Hollywood-Kino mit Weltstars geplant und wurde ein Flop.

Five Minutes of Heaven“ ist wieder ein kleiner Film. Nach dem Trailer ein Zweipersonenstück mit Liam Neeson und James Nesbitt.

Und sein nächster Film ist wieder großes Theater. Denn nach „Five Minutes of Heaven“ inszenierte Oliver Hirschbiegel die hier noch nicht gezeigte, sechsteilige TV-Serie „Borgia“. Das dürfte wieder pralles Historienkino mit großen Schauwerten sein.

Die Schauwerte in „Five Minutes of Heaven“ sind vor allem in dem Spiel der beiden Hauptdarsteller Liam Neeson und dem bei uns eher unbekanntem James Nesbitt, dessen bekanntester Auftritt immer noch der des nordirischen Politikers, Bürgerrechtlers und Demonstrationsführers Ivan Cooper in Paul Greengrass‘ semidokumentarischem Spielfilm „Bloody Sunday“ sein dürfte. In dem Film ging es um den blutigen Sonntag am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry. Das britische Militär schoss auf eine friedliche Demonstration. 14 Demonstranten starben. Anschließend radikalisierte sich die Situation in Nordirland.

Five Minutes of Heaven“ beginnt im Februar 1975 in Nordirland, als ein siebzehnjähriges Mitglied der Ulster Volunteer Force (UVF) einen katholischen Handwerker erschießt. Einen Jungen, der ihn dabei beobachtet, lässt er leben. Der Zeuge ist der Bruder des Ermordeten.

Fast 35 Jahre später soll es zu einer vom Fernsehen inszenierten Begegnung zwischen dem Mörder Alistair Little (Liam Neeson) und dem damaligem Zeugen Joe Griffin (James Nesbitt) kommen. Der Sender plant eine große Versöhnungsshow. Aber Little trägt selbst schwer an seiner Tat und Griffin will vor allem seine titelgebenden „Fünf Minuten Himmel“ indem er Little tötet.

Zu dieser Begegnung kommt es aber zunächst nicht. Denn Little und Griffin erzählen in getrennten Handlungssträngen über den Mord und welche Folgen er für sie hatte.

Es geht um Schuld, Sühne und Vergebung. Dabei verweigert der Film letztendlich die offensichtlichen Antworten und demaskiert bereits in den ersten Minuten die große Versöhnungsshow im TV als banal-falsche Inszenierung. Das TV attestiert sich selbst, immerhin ist „Five Minutes of Heaven“ ein TV-Film, die Unmöglichkeit einer medialen Versöhnung. Die geht, so die Botschaft des Films, nur individuell.

Es geht natürlich auch um die Nachwirkungen des Bürgerkriegs in Nordirland und es geht auch um den Weg in den Terrorismus. Denn Little erzählt vor laufender TV-Kamera, wie er zum Mörder wurde und was getan werden kann, um andere Jugendliche von diesem Weg in den Terrorismus abzuhalten. In diesen Momenten geht es auch um den aktuellen islamistischen Terrorismus.

Gerade in diesen Monologen wirkt der Film dann wie ein Theaterstück. Das kann an seiner Herkunft liegen. „Five Minutes of Heaven“ ist eine TV-Produktion mit teilweise arg pathetischen und theaterhaften Monologen. So schütten Little und Griffin den verschiedenen TV-Leuten und Psychologen ihr Herz aus.

Aber dank der guten Besetzung und Hirschbiegels Regie entstehen immer wieder Bilder, die auch für die große Leinwand geeignet sind. Auch die ständigen Flashbacks und die Verknüpfung von Bildern und Voice-Overs verlangen einen aufmerksamen Zuschauer. In diesen Momenten zeigt sich wieder, dass in England die TV-Macher es als ihre Aufgabe ansehen, die Zuschauer auch intellektuell zu fordern und gleichzeitig auf hohem Niveau zu unterhalten. Denn „Five Minutes of Heaven“ weigert sich konsequent, einfache Antworten zu geben. Stattdessen wird man zum Denken aufgefordert.

Die DVD

Das Bonusmaterial ist mit den interessanten Interviews (in denen wir auch einiges über die wahren Hintergründe des Films und Alistair Little und Joe Griffin erfahren) und dem Making-of, das eigentlich eine B-Roll ist, sehr überschaubar. Da hätte man für den deutschen Markt schon noch einige Informationen über den Nordirlandkonflikt dazupacken können.

Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Guy Hibbert

mit Liam Neeson, James Nesbitt, Barry McEvoy, Anamaria Marinca

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Liam Neeson, James Nesbitt, Oliver Hirschbiegel, Guy Hibbert und Eoin O’Callaghan (Produzent), Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Five Minutes of Heaven“

Wikipedia über „Five Minutes of Heaven“ (deutsch, englisch)

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