DVD-Kritik: Über den Noir-Gangsterfilmklassiker „The Long Good Friday“

Der englische Gangsterfilm „The Long Good Friday“, der in Deutschland auch als „Rififi am Karfreitag“ lief, ist ein Blick in die Vergangenheit auf ein England und ein London, das es nicht mehr gibt. Denn obwohl „The Long Good Friday“ bereits 1979 gedreht wurde, nahm er fast schon prophetisch die Thatcher-Jahre und die Bebauung der Londoner Docks vorweg.

Denn der Held des Films, Harold Shand, der unumstrittene Gangsterboss von London mit guten Kontakten zur Polizei und Politik (grandios gespielt von Bob Hoskins), plant ein großes Projekt: die Bebauung der heruntergekommenen Docklands. Das Geld dafür soll aus Amerika kommen. Von der Mafia. Deren Vertreter Charlie (Eddie Constantine) hat allerdings nichts mit dem „Paten“-Pomp zu tun. Er ist ein stinknormaler Geschäftsmann im feinen Anzug, der seine Geschäfte ohne Aufsehen zu erregen machen will.

Doch Aufsehen verursachen gerade jetzt einige Anschläge auf Harolds Imperium. Sogar auf seine Mutter wird ein Bombenattentat verübt. Während Harold und seine Frau Victoria (Helen Mirren) Charlie hinhalten, sucht Harold den Mann, der die Anschläge auf ihn verübt. Als er herausfindet, dass sein Gegner nicht irgendein anderer Gangster, sondern die IRA ist, weiß er, dass er in Lebensgefahr schwebt.

Diese IRA-Geschichte führte dann auch dazu, dass der Film nach dem Dreh erst einmal im Giftschrank verschwand. Denn ITV-Chef Lew Grade hasste den Film, den er aufgrund der Darstellung des britischen Militärs in Nordirland für unpatriotisch hielt. Er glaubte auch, dass der Film einen schlechten Einfluss auf junge Menschen haben könne. Außerdem befürchtete er Anschläge der von dem Film beleidigten IRA auf Kinos, in denen der Film gezeigt würde. Denn die Terroristen würden ja als Gangster gezeigt. Regisseur Mackenzie erfuhr später, dass ihnen „The Long Good Friday“ gefiel: „Die Jungs hatten nichts gegen den Film. Sie sahen darin nicht dumm aus und er zeigte sie als offensichtlich gute Planer.“

Für den US-Markt wurde damals eine gekürzte Version zusammengeschnitten und, weil die Produzenten befürchteten, dass die Amerikaner den Londoner Akzent von Bob Hoskins nicht verstünden, wurde Bob Hoskins einfach mal schnell synchronisiert. Das sorgte für Ärger. Regisseur Mackenzie erzählt in seinem sehr informativem Audiokommentar, dass mehrere hochkarätige Schauspieler, wie Richard Burton und Sir Alec Guiness, eine Petition unterschrieben, in der sie darauf hinwiesen, wie wichtig die Stimme für einen Schauspieler sei, und Hoskins mit einer Klage drohte. In diesem Moment ergriffen die Produzenten die Chance, den Film an die für den englischen Film der achtziger Jahre enorm wichtige Firma „Handmade Films“ zu verkaufen. Ex-Beatle und Firmenchef George Harrison kaufte den Film, für 850.000 Pfund. Dabei hatte er, so Mackenzie, 900.000 Pfund gekostet. 1980 wurde er auf dem London Film Festival gezeigt und kurz darauf startete er in den englischen Kinos. Erfolgreich.

Auch in den USA stieß er auf positive Resonanz und Barrie Keeffes Drehbuch erhielt 1983 einen Edgar. Bob Hoskins erhielt den Evening Standard British Film Award und war für den BAFTA nominiert.


Nach Deutschland kam „The Long Good Friday“ unter dem dümmlichen Titel „Rififi am Karfreitag“ (denn mit Rififi hat „The Long Good Friday“ nichts zu tun) erst am 22. Januar 1987. Davor lief, ebenfalls mit Bob Hoskins in der Hauptrolle, der märchenhaft-überhöhte Gangsterfilm „Mona Lisa“ bereits erfolgreich in den Kinos. Die Begeisterung der deutschen Kritiker für „The Long Good Friday“ hielt sich in überschaubaren Grenzen.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: „Nicht ganz schlüssig in der Schilderung politischer und krimineller Verstrickungen und auch auf formaler Ebene nur streckenweise überzeugend.“

Der Fischer Film Almanach verlegte den Film gleich in die 20er Jahre (was Quatsch ist) und urteilte: „Leider hat der Film mehr mit italienischen Polit-Thrillern (den schlechteren unter ihnen) als mit Richardson und Anderson zu tun. Politik ist ihm nur ein Hintergrund, der seiner Geschichte mehr Spannung verleihen soll; (…) Auf dieser Ebene ist Mackenzie freilich ein annehmbarer Film gelungen.“

Damals war die in „The Long Good Friday“ noch als leicht größenwahnsinniger Plan eines Gangster entworfene Bebauung der Docks zum Yuppie-Viertel bereits im Gang.

Einige Jahre später durfte James Bond sie in „Die Welt ist nicht genug“ (The World is not enough) als Hintergrund für eine atemberaubende Verfolgungsjagd benutzen. Bond wurde in dem 1999er-Film von Pierce Brosnan gespielt, der in „The Long Good Friday“ mit einer stummen Rolle sein Filmdebüt gab. Allerdings sind seine beiden kurzen Auftritte für den Film durchaus wichtig.

Die bekannteste und immer noch beeindruckende Szene des Films dürfte das Verhör in der Schlachterei sein. Harold hat alle Leute, die er verdächtigt, die Anschläge auf ihn verübt zu haben oder etwas darüber zu wissen, entführen gelassen und sie jetzt kopfüber an Fleischhaken aufgehängt. Die Schauspieler hingen für die Szene wirklich mehrere Stunde an den Haken.


Ebenfalls beeindruckend sind die beiden großen Ansprachen von Harold. Einmal auf der Themse vor der Tower-Bridge, einmal in einem Hotelzimmer im Savoy Hotel. Diese Mischung aus gewieftem Gangstertum, Gossenschlauheit, Thatcherismus und Größenwahn ist immer noch beängstigend und verrät viel über die damalige Inselmentalität.

Insgesamt ist „The Long Good Friday“, der in England längst als Klassiker gehandelt wird, ein packendes, noirisches Gangsterdrama, in dem John Mackenzie effizient, mit einigen Schockeffekten und mit viel schwarzem Humor seine Geschichte erzählt. Nur die damals ach so moderne, heute unhörbare Synthie-Musik von Francis Monkman, stört gewaltig.

The Long Good Friday – Rififi am Karfreitag (The Long Good Friday, GB 1979/1981)

Regie: John Mackenzie

Drehbuch: Barrie Keeffe

mit Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine, Pierce Brosnan (Filmdebüt)

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von John Mackenzie, Bio- und Filmographien von Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine und John Mackenzie, Bildergalerie, Originaltrailer, Feature „The Handmade Story“, Handmade-Trailergalerie,

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Long Good Friday“

Screen Online über „The Long Good Friday“

Movie Locations über die Drehorte von „The Long Good Friday“

New York Times über „The Long Good Friday“ (2. April 1982)

Spectator über „The Long Good Friday“ (25. Februar 2009)


Die letzte große Ansprache von Harold Shand (ganz am Ende des Films und, nun, nicht gerade spoilerfrei)

Und eine Doku über den Film


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2 Responses to DVD-Kritik: Über den Noir-Gangsterfilmklassiker „The Long Good Friday“

  1. Wyss Urs B. sagt:

    Ein einziges Bild des Regisseurs John Mackenzie würde mich sehr freuen.

    Besten Dank im Voraus

    Urs B. Wyss

  2. […] von „The Departed“ und „Der Mann, der niemals lebte“) eher an „Get Carter“ und „The Long Good Friday“, zwei Klassikern des britischen Kinos, als an „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Layer […]

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