Harlan Coben und das lauschige Vorstadtleben mit pubertierenden Kindern

Wahrscheinlich muss man Amerikaner sein oder die dortige Kultur und Psychosen gut kennen, um die Geschichte von Harlan Cobens neuem Roman „In seinen Händen“ wirklich genießen zu können. Denn im Mittelpunkt des Thrillers steht, wieder einmal, das Vorstadtleben und die Mühen und Sorgen von liebevollen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern, die einerseits Alkohol trinken wollen, andererseits dies vor dem Gesetz noch nicht dürfen. Denn in den USA darf man zwar mit 16 Jahren ein Auto fahren, aber erst mit 21 Jahren Alkohol trinken. Eine Regel, die bei uns immer wieder für Kopfschütteln sorgt.

Eine andere große Sorge amerikanischer Eltern und ihrer Kinder ist, dass sie auf die richtige Universität kommen. „Richtig“ bedeutet vor allem eine Elite-Universität. Jede Universität hat ein Auswahlverfahren und, neben den Noten, spielen auch bestimmte Quoten (wie dass eine bestimmte Zahl Afroamerikaner oder sozial Schwacher aufgenommen werden sollen) und das Verhalten der Bewerber eine Rolle. Da kann einem schon eine Strafe wegen Alkoholkonsum die Traumuni vermasseln.

In Deutschland sind die Unterschiede zwischen den Universitäten nicht so groß und es gibt keine großartigen Auswahlverfahren.

Und dann gibt es in den USA noch eine gewaltige, teils schon hysterische Jagd auf Pädophile und Sexualstraftäter. Das dafür wichtigste Gesetz ist „Megan’s Law“. Danach können die Namen von Sexualstraftätern, die sich an Minderjährigen vergangen haben, veröffentlicht werden. Das gilt auch, wenn der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war und der Altersunterschied zwischen beiden nur einige Monate beträgt. Minderjährig ist Minderjährig.

All diese Regeln und Konventionen sind für uns eher fremd, aber sie bestimmen noch mehr als in den vorherigen Thrillern des vierfachen Vaters Harlan Coben seinen neuesten Roman „In seinen Händen“, der mit der Bloßstellung des pädophilen, enorm beliebten und engagierten Sozialarbeiters Dan Mercer durch die TV-Journalistin Wendy Tynes beginnt.

Während der Gerichtsverhandlung beginnt sie an Mercers Schuld zu zweifeln. Denn außer einigen Bildern in seiner Wohnung und vier Jugendlichen hat sich keines seiner Opfer gemeldet. Aber normalerweise ist ein Pädophiler ein Serientäter mit vielen Opfern. Außerdem steht seine Ex-Frau zu ihm. Kurz nachdem die Klage vom Gericht abgewiesen wird, ruft Mercer bei der Journalistin an. Er will sich mit ihr Treffen und sagt, dass nichts so sei, wie es aussehe.

Sie willigt ein und während des Treffens wird Mercer vor ihren Augen erschossen. Sie glaubt, dass Ex-U.-S.-Marshal Ed Grayson, dessen Sohn zu Mercers Opfern gehört, der Täter ist. Aber es gibt keine Beweise gegen Grayson und eigentlich will ihn auch niemand anklagen.

Als dann in Mercers Hotelzimmer das iPhone der vor einigen Monaten verschwundenen siebzehnjährigen Musterschülerin Haley McWaid gefunden wird, scheint der Fall klar.

Nur Wendy Tynes zweifelt weiter. Vor allem, als sie entdeckt, dass in letzter Zeit mit halbseidenen Anschuldigungen das Leben von Mercers Studentenfreunde zerstört wurde. Sie fragt sich, ob sich jemand an ihnen für irgendetwas, das sie während des Studiums taten, rächen will.

Dieser Hauptplot entwickelt sich allerdings arg zäh und verschwindet immer wieder unter verschiedenen Nebengeschichten, die die Hauptgeschichte nicht wirklich voranbringen, aber dafür das Vorstadtleben ausmalen. Außerdem geschehen einige Plotwendungen arg plötzlich und das Verhalten einiger Charaktere ist arg rätselhaft. So hat Wendy keinen Grund, Mercers Collegefreunden zu vertrauen. Vor allem nachdem sie annehmen muss, dass sie in der Vergangenheit irgendetwas ausgefressen haben, das sie ihr nicht verraten wollen. Trotzdem suchen sie gemeinsam den Täter.

Und wenn dann am Ende der Haupttäter der taffen Reporterin freiwillig seine Taten gesteht, zeigt sich, dass Coben ein gewaltiges Problem mit dem Ende hatte. Auch die anderen Verbrecher gestehen freiwillig ihre Taten. Aber warum sollte jemand freiwillig ein Verbrechen gestehen?

Außerdem deutet Harlan Coben dieses Mal schon sehr früh und sehr deutlich die Lösung an. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil er in seinen anderen Thrillern am Ende immer einige absolut überraschende, aber schlüssige Twists bot.

In seinen Händen“ ist, nach dem enttäuschendem Myron-Bolitar-Pulp „Von meinem Blut“ (denn Terrorismus und weltumspannende Verschwörungen gehören nicht in die Welt eines Sportagenten), wieder ein flott geschriebenes, letztendlich aber enttäuschendes Werk von Harlan Coben. Vielleicht sollte er mal – persönliche Betroffenheit hin, persönliche Betroffenheit her – die Sorgen der Eltern über die Schulabschlüsse ihrer Kinder und die Wunschuniversität links liegen lassen und einen ordentlichen Thriller schreiben.

Sein neuestes Buch „Live Wire“, dem zehnten Myron-Bolitar-Roman, der die Tage in den USA erscheint, könnte ein solches Buch sein.

Harlan Coben: In seinen Händen

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Page & Turner, 2011

448 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Caught

Dutton, 2010

Lesereise (naja, eher Stippvisite)

Freitag, 18. März, 20.00 Uhr, Köln, MS RheinEnerngie/Literaturschiff (im Rahmen der lit.cologne)

Samstag, 19. März, 20.30 Uhr, München, Hugendubel Fünf Höfe (im Rahmen des Krimifestival München)

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Bonusmaterial

Ein ausführliches Interview mit Harlan Coben

 

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2 Responses to Harlan Coben und das lauschige Vorstadtleben mit pubertierenden Kindern

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