DVD-Kritik: Der vergessene Western-Klassiker „Der letzte Wagen“ von Delmer Daves mit Richard Widmark

Als der Western „Der letzte Wagen“ irgendwann in den Achtzigern im Fernsehen lief, sah ich ihn und der Film über ein als Verbrecher verfolgtes Halbblut (gespielt von Richard Widmark), das einer Gruppe Siedler hilft, durch das Indianerreservat zu fahren, gefiel mir und ich wollte ihn mir bei der nächsten Wiederholung gerne wieder ansehen. Aber aus Gott weiß was für Gründen lief der Western, im Gegensatz zu irgendwelchen Schrottfilmen, die mindestens zweimal pro Jahr gezeigt werden, seitdem nicht mehr im Fernsehen.

Vor allem erinnerte ich mich daran, dass Richard Widmark an das Rad eines Planwagens gefesselt war.

Das ist er, wie ich jetzt beim Ansehen der gerade erschienenen, schön gestalteten DVD bemerkte, aber nur wenige Minuten am Anfang des Films. Die meiste Zeit trägt er Handschellen und kann sich ziemlich frei bewegen.

Außerdem bemerkte ich, dass ich fast den ganzen Film vergessen hatte (naja, über zwanzig Jahre ist eine lange Zeit), aber mein damaliger Eindruck immer noch stimmt: „Der letzte Wagen“ ist ein großartiger Film.

Denn die wenigen Mängel (am Ende wird es arg pathetisch; einige Charaktere sind noch etwas zu plakativ in gut und böse unterteilt) verschwinden gegenüber dem immer noch straffem Erzähltempo, den großartigen Landschaftsaufnahmen, den guten Action-Szenen, den guten Schauspielerleistungen und dem differenziertem Drehbuch, das ein ziemlich ungeschöntes und realistisches Bild des Wilden Westen zeichnete. Denn Delmer Daves zeigte auch, wie schwer das Überleben in der Wildnis war, welche Gefahren drohten und wie man doch in der Wüste Essbares findet.

Außerdem ist „Der letzte Wagen“ einer der ersten Western, der den Zwiespalt eines Mannes, der zwischen den Kulturen steht, aufnimmt. Der von Richard Widmark gespielte Comanche Todd ist ein von Indianern großgezogenes Halbblut, das vom Sheriff erbarmungslos gejagt wird, weil er mehrere weiße Männer ermordete und auf seiner Flucht vor weiteren Morden nicht zurückschreckt. Auch einige Siedler halten ihn anfangs für eine Bestie; die anderen berufen sich auf die christliche Ethik. Durch seine Taten erwirbt Todd zwar während der Reise den Respekt der wenigen Siedler, die einen Indianerüberfall überlebten. Aber Regisseur Delmer Daves und Richard Widmark glorifizieren Commanche Todd nie als edlen Wilden. Denn er bleibt immer ein höchst zwiespältiger Charakter, der skrupellos tötet und dessen Loyalität nur ihm allein gehört. Jedenfalls am Anfang.

Es dauerte noch zehn Jahre, bis in der grandiosen Elmore-Leonard-Verfilmung „Man nannte ihn Hombre“ (die im direkten Vergleich zum „letzten Wagen“ allerdings schwächer ist) wieder ein Halbblut und der Rassismus der Siedler im Mittelpunkt eines Western stand. Denn auch dieses, von Paul Newman gespielte, Halbblut musste einer Gruppe Weißer, die ihn verachteten, helfen. Und dann kam „Little Big Man“.

Aber am Anfang stand „Der letzte Wagen“.

Der letzte Wagen (The last wagon, USA 1956)

Regie: Delmer Daves

Drehbuch: James Edward Grant, Delmer Daves, Gwen Bagni Gielgud (nach ihrer Geschichte)

mit Richard Widmark, Felicia Farr, Susan Kohner, Tommy Rettig, Stephanie Griffin, Ray Stricklyn

DVD

Koch Media (Edition Westernlegenden #3)

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Kino- und TV-Synchronisation), Englisch (Dolby Digital 2.0/4.0), Italienisch

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Kinotrailer, Booklet

Länge: 95 min

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der letzte Wagen“

Turner Classic Movies über „Der letzte Wagen“

One Response to DVD-Kritik: Der vergessene Western-Klassiker „Der letzte Wagen“ von Delmer Daves mit Richard Widmark

  1. Martin Zopick sagt:

    Das Markenzeichen der Western von Delmer Daves ist das überdurchschnittlich hohe Niveau seiner Filme. Darunter leidet bisweilen schon mal die Spannung oder es kommt wie hier ein völlig verkopftes Konstrukt heraus.
    Comanchen Todd (Richard Widmark) hat aus Rache gemordet, wird verfolgt und gefangen genommen. Er schließt sich einem Siedlertreck an. Der wird von Apachen überfallen, Frauen und Kinder umgebracht.
    Im übriggebliebenen Rest sind drei Frauen: die beiden Schwestern Jolie (Susan Kohner) und Valinda (Stephanie Griffin) und Jenny (Felicia Farr), die auf Todd ein Auge geworfen hat. Ihr kleiner Bruder Billy (Tommy Rettig) findet das echt gut. Jolie ist ein Halbblut, wie man das damals nannte und Valinda (Stephanie Griffin) gibt die lernfähige Rassistin. Sie ist blond und engstirnig. Bevor die Armee den Treck rettet, wird über das Leben in der Stadt im Vergleich zum Leben in der Natur diskutiert. Letzteres ist ja wohl besser. Vorsätzlicher Mord wird mit dem Töten im Krieg verglichen und Missetaten gegen Wohltaten aufgerechnet. Todd, der wie der Regisseur Delmer Daves längere Zeit bei den Indianern verbracht hat, erklärt, warum die Lebenden wichtiger sind als die Toten, denen es in den Ewigen Jagdgründen doch gut geht. Auch das in Amerika so populäre Sprichwort ‘Auge um Auge…‘ wird bemüht. Valinda ändert ihre Meinung, Jolie hatte ohnehin immer recht und Jenny bekommt Todd, nachdem er in einem Prozess freigesprochen wurde. Ein etwas theatralisches Resümee aller Beteiligten fasst am Schluss den Plot nochmals zusammen. Überflüssig wie der nichtssagende Titel. Dabei wird vergessen, dass die optischen Pluspunkte des Films die Landschaft und der Himmel sind. Neben der Message Mörder sind auch Menschen.

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